Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt….(zu Hiob 14 und dem Ende des Kirchenjahres)

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu frueh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln,
Steine zerstreu’n,
Baeume pflanzen,
Baeume abhau’n,
Leben und sterben und Streit.

Durch die Legende von Paul und Paula wurden 1973 dieses Lied und die Puhdys so richtig bekannt. Eine Geschichte, die vom Lieben, Suchen, Verlieren und Sterben erzählt und damit eine Grunderfahrung menschlichen Lebens anschaulich macht: wir sehnen uns nach dem kleinen persönlichen Glück und haben weder Garantie noch Gewissheit, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Da ist es sogar unerheblich, ob ein Mensch lange oder kurze Zeit lebt….über sein Glück, über seine Wege, Erfahrungen, Träume, Wünsche und Sehnsüchte, und was davon wann und wie in Erfüllung ging,  sagt das noch gar nichts…

Die Vorstellungen vom Leben ändern sich mit der Zeit und mit den Möglichkeiten.

Paul und Paulas Geschichte, von unglücklicher Ehe und kurzer glücklicher, aber nicht dauerhafter Liebe, könnte auch in unseren Tagen spielen und wäre dann die gleiche und doch ganz andere Geschichte.

Es wird geliebt, gelacht, geweint, gehofft, gelitten und gestorben und am Ende sprechen manche ein abschließendes Fazit oder Urteil: er geht zu früh – es ist Zeit… er hat gelitten und ist erlöst… – er hat ausgehalten und sich bewährt… – er hatte Glück und ist alt und satt … – oder womöglich voller Traurigkeit: das kann es doch noch nicht gewesen sein…

Vieles wird einmal über uns gesagt werden und irgendwann verstummen dann die Stimmen. Aber manches geht uns womöglich vorher schon selbst wie ein Licht auf und wir begreifen, was gut war und was unerfüllt und offen geblieben ist, wir bedauern die verpassten Chancen und freuen uns über ungeahnte Möglichkeiten, wir ziehen ein Fazit und stellen fest: es ist genug oder ich kann oder ich will nicht mehr oder aber: jetzt erst recht, ich versuche es noch einmal!

Womöglich ist das schon der zentrale Gedanken allen Redens vom Gericht : Ich kann dem Augenblick nicht ausweichen, wo sich zeigt, was war, was ist und was hätte sein können. Ich kann es verleugnen, ich kann es verdrängen, aber es kommt der Augenblick, wo ich mit meinem Leben konfrontiert bin und wo Menschen oder ich mich fragen: was bleibt und was hat den einen oder die andere ausgemacht? Manchen macht das Angst, weil sie den Eindruck und das Urteil nicht mehr beeinflussen können, wenn das Leben gelebt ist, wenn die Bilanz bis ans Ende als Abschlussbilanz aufgeschoben, aber überhaupt nicht aufgehoben ist…

Oder aber ich mache aus diesem Tag die Gelegenheit zu einer Eröffnungsbilanz: Jegliches hat seine Zeit, der Mensch lebt kurz (oder lang), was war und was soll noch werden.

Es sind Krisenmomente, in denen wir so fragen und denken.

Hiob befindet sich mitten in einer existentiellen Krise, in der er, der Fromme, der Gerechte, der Gute, alles verloren hat, und sein Glaube auf die Probe gestellt werden sollte. Es sollte nicht heißen, dass am Ende der Glaube nur Mittel zum Zweck des persönlichen Glückes und Wohlstandes sei und das musste sich erst erweisen unter genauer Beobachtung der himmlischen Zuschauerränge, wo Gott und sein Widersacher eine Wette abgeschlossen hatten.

Die Frage ob Glaube glücklich macht, sollte nicht daran entschieden werden, ob Einer Glück und Erfolg in Familie und Beruf hat, sondern daran, ob der Glaube hilft, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen dennoch als ein Geschenk und eine Aufgabe anzunehmen und in/an Gottes Hand zu bleiben.

Bei Hiob wurde dies zu einer fast unmöglichen Aufgabe und all seine Freunde konnten ihm auch nur den gutgemeinten Rat geben, sich nicht weiter auf diesen unverständlichen Gott einzulassen, der ihm doch alles, was Glück bedeutet genommen und nichts außer dem nackten Überleben gelassen hatte. Selbst der Tod wäre da eigentlich gnädiger dahergekommen als das Leben.

Man ahnt, wie Hiob an die Grenzen dessen kommt, was er noch zu hoffen wagt. Man spürt, wie ihm der Lebens und der Glaubensmut abhanden zu kommen drohen, wie die Hoffnungsbilder sich in Nichts auflösen und ihm Alles zu einem Zeichen dafür wird, dass es vorbei und er tot, vertrocknet, verurteilt, vergessen ist, keine Pläne, keine Wünsche, keine Ziele, keine Perspektive mehr hat. Fazit: Alles löst sich auf

Das einzige, was Hiob bleibt, ist die Chance, diesen Schmerz und diese Gefühle nicht in seinem Herzen zu vergraben, sondern sie auszusprechen, herauszuschreien oder heraus zu weinen und dann die Hoffnung, dass ihm Menschen mit guten Ratschlägen erspart bleiben.

Es ist gut, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, dass wir diese Zeit  zum Ende hin im Kirchenjahr haben, Sonntage wie den Volkstrauertag, den Buß- und Bettag und den Totensonntag/Ewigkeitssonntag. Denn wir denken an Menschen, von denen nur Erinnerung bleibt, und Eindrücke, was dieses Leben ausgemacht und wie es sich am Ende angefühlt hat, also welches Urteil, welches Geweicht und welches Gefühl bleibt, und wir schauen auf unser Leben,  das mit dem heutigen Tag wieder einmal neu beginnt. Ich  kann jeden Tag als eine neue Chance begreifen und annehmen. All das, was sein könnte, was Hiob Gott vorhält, als könnte es nicht mehr wahr werden, kann Wirklichkeit werden, wenn ich es lebe und heute damit anfange.

Deswegen spricht die Bibel von Auferstehung der Toten und vom ewigen Leben immer in doppelter Gestalt: ganz gegenwärtig, heute und mit mir fängt es an, das neue Leben, das befreite und ewige – und ganz zukünftig, also uns entgegenkommend, denn alles vollendet sich einmal, wenn Zeit und Welt an ihr Ziel, zu Gott kommen, wenn Ewigkeit keine zeitliche Frage mehr ist, sondern ein Leben und Stehen in der Gegenwart und im Licht Gottes. Denn das wünschen wir uns doch alle, egal wie glücklich und erfolgreich oder leidensvoll unsere Tage und Jahre waren, dass sich nicht alles einfach in Luft auflöst und im Dunkeln verschwindet, mit der Erinnerung verblasst, sondern im Licht Gottes steht und bleibt. Kein Mensch ist ein verschwendeter Gedanke Gottes. Es ist gut, dass Gott jeden von uns gedacht und deswegen ins Leben gerufen hat. Darum ist es aller Hoffnung wert, dass er, Gott, seine Gedanken nicht preisgibt, sondern bewahrt, dass wir nicht untergehen mit dem Gefühl, dass alles umsonst und vergebliche Liebesmüh, sondern wertvoll war, ist und bleibt.

Wir müssen und dürfen nicht weniger als all das von Gott erhoffen und erbitten

Wir denken an unsere Verstorbenen und erhoffen, dass Gott ihr Leben in sein Licht stellt, er Leben bewahrt, befriedet und versöhnt, wo Streit zurückgeblieben, tröstet, wo der Schmerz unerträglich geworden ist, beim Namen ruft, wo Menschen schon lange nicht mehr wahrgenommen, gesehen oder angesprochen wurden. Wir erhoffen, dass sein Fazit lautet: mein geliebtes Kind, ich bin für dich da!

Wir erhoffen Frieden und Bewahrung, Gerechtigkeit und ewiges Leben und setzen unser Vertrauen auf Jesus Christus. Wenn wir Abendmahl, dann steht uns vor Augen, dass auch er gelebt, geliebt, gelitten hat und gestorben ist und wir erinnern daran, dass Gott ihn als Hoffnungsziechen für uns alle ins Leben und in sein Licht gestellt hat, auferstanden von den Toten ist er uns genau so Verheißung der Ewigkeit im Leben und im Sterben.

Seine Verheißung gilt allen, die unser den Verhältnissen, dem Leben und Menschen gelitten haben. Gottes Reich ist die Umkehrung all dieser leidensvollen Situationen und Jesus ist der Verheißer und Vollender dieses Reiches. Ihm vertrauen wir, ihm leben wir und in ihm dürfen wir hoffentlich einst getrost sterben. Darum nennen wir hete vor ihm die Namen de r Verstorbenen des letzten Jahres und erinnern uns auch an die deren Namen, wir heute hier nicht mehr erinnern, die aber zu unserm Leben dazugehören.

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