Hiobsbotschaften verkraften von Pfarrer Albrecht Burkholz zu Hiob 14

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Volkstrauertag begehen wir heute. Die Gefallenen der beiden Weltkriege stehen draußen auf dem Kriegerdenkmal. Der Kranz vor dem Altar verweist auf die öffentliche Gedenkveranstaltung von Kommune und Kirchen und musikalischen Vereinen, die gleich im Anschluss hier stattfinden wird. Wir haben es mit gesellschaftlichen und privaten Katastrophen zu tun und wir fragen uns, wie wir damit umgehen können. Wir stützen uns gegenseitig, indem wir das öffentlich begehen. Dazu passt unser Predigttext aus dem Buch Hiob. Hiob ist geradezu sprichwörtlich geworden für einen Menschen, der unter einer Katastrophe leidet, die über ihn hereinbricht. Zu ihm kommen ständig Boten mit schlimmen Nachrichten, mit Hiobsbotschaften. Seine Herden sind geraubt worden. Seine Kinder sind tot. Und dann bekommt er selbst auch noch eine schlimm juckende Hautkrankheit. Seine Frau drückt aus, was man in so einer Situation empfindet: Sage Gott ab und stirb. Wir brauchen jemanden, den wir verantwortlich machen können in unserem Zorn. Und wer steht hinter allem als Fügung, als dunkles Schicksal? Gott. Wir finden auch Menschen, auf die wir zornig sein können. Aber Gott ist praktischer. Denn Gott ist mächtig und fern. Wenn ich auf ihn innerlich schimpfe, ist er ja nicht direkt da, um mit mir zu streiten. Wenn ich stattdessen die Wut an der näheren Umgebung auslasse, habe ich bald niemanden mehr, mit dem ich streiten kann. Da ist Gott schon praktischer und geduldiger und zum Glück ferner.
Und Hiob nutzt das auch. Erst beschimpft er seine Freunde, die ihn mahnen, seine unerkannte Sünde zu bekennen und Gott um Vergebung zu bitten. Hiob schmimpft: Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben. Und den übermächtigen Gott beschimpft er als willkürlich: Er führt die Priester barfuß davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter. Siehe, er wird mich doch umbringen und ich habe nichts zu hoffen; doch will ich meine Wege vor ihm verantworten. Warum verbirgst du dein Antlitz und hältst mich für einen Feind. Willst du ein verwehendes Blatt schrecken und einen dürren Halm verfolgen, dass du so Bitteres über mich verhängst und über mich bringst die Sünden meiner Jugend.
Dann aber fängt Hiobs Zorn an zu verrauchen und er ist traurig, niedergeschlagen, hilflos und möchte am liebsten ins Todenreich verschwinden. Ich lese Hiob 14,1-6.13.15-17
14
1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.
13 Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest!
15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. 16 Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. 17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.
Nach einem ersten Beschimpfen Gottes ist Hiob nun müde, ermattet und gibt auf. Der Mensch ist vergänglich. Lass ihn doch in Ruhe, Gott. Und such nicht nach dem, was nicht in Ordnung ist. Das gibt es doch bei jedem. Wenn du zornig bist und mir all die Katastrophen zumutest – versteck mich doch im Totenreich, bis dein Zorn verraucht ist. Und dann sieh meine Sünden gnädig an und ruf mich wieder in ein sicheres Leben. Gott, du bist so groß und stark und ich nur ein schwacher und sündiger Mensch – du kannst doch gar kein Interesse daran haben, mich zu quälen. Lass mich in Ruhe. Dieses kurze menschliche Leben lass mich doch halbwegs ohne Zumutung und Schmerz und Katastrophen zubringen.
Liebe Gemeinde, wir beobachten hier einen Menschen, der vom Schicksal gebeutelt ist. Wir beobachten seine Trauer. Und diese Trauer dauert 42 Kapitel lang. Er hat Freunde, die bei ihm sitzen. Die ihm zuhören. Die ihn zu trösten versuchen. Die ihm widersprechen. Die seinen Widerspruch und Zorn aushalten. Und am Ende begegnet er Gott und es geht ihm wieder gut. Das Ende kommt etwas schnell und ist etwas unbefriedigend. Aber ich empfehle allen, die etwas Schweres verarbeiten müssen, das Buch Hiob betend und sinnend zu lesen. Und wenn man die 42 Kapitel besinnend gelesen hat und vielleicht manchmal etwas dazu aufgeschrieben oder etwas auswendig gelernt hat, z.B. den Anfang unseres Predigttextes Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht – wenn man also mit den 42 Kapiteln durch ist – dann ist man ist der Trauer schon weiter. Und dann gibt es ja noch andere Übersetzungen. Wichtig ist, dass ich Ausdrucksformen finde für all die Gefühle, die in mir sind. Vielleicht gelingt es mir sogar, einen eigenen Klagepsalm oder ein eigenes Klagelied zu schreiben. Wir freuen uns, wenn uns jemand so etwas gibt. Vielleicht kann man es sogar im Gemeindebrief veröffentlichen. Damit andere in ihrer Trauer Worte finden können.
Schlimmes passiert in jedem Leben. Aber manchmal häuft es sich in bestimmen Lebenslagen. Manchmal scheint es unaushaltbar zu sein. Manchmal sehen wir nur den Tunnel – und nichts ist zu sehen vom Licht am Ende des Tunnels.
Mir hat ein Mann erzählt, dass er schon fast tot war im Krankenhaus. Und er hat gesagt: Ich habe das Licht gesehen. Das Licht auf der anderen Seite.
Das Schlimmste, was passieren kann, ist der Tod. Und dort wartet das Licht auf uns.
Weil das so ist, können wir zuversichtlich leben, auch in schwierigen Lagen. Wir müssen selbst das Licht nicht sehen. Menschen können manchmal nicht mehr beten, nicht mehr hoffen, nicht mehr richtig schlafen. Manchmal scheint unsere Welt zu viel von Hiob zu enthalten, zu viel Hiobsbotschaften.
Das Buch Hiob geht davon aus, dass es durch eine Wette zwischen Gott und Teufel zu diesen Hiobsbotschaften gekommen ist. Hiob ist so gerecht und gottesfürchtig und dementsprechend geht es ihm gut. Der Teufel sagt zu Gott: gib ihn in meine Hand. Wenn es ihm schlecht geht, wird er nicht mehr an dich glauben. Und dann wird ihm aller Besitz genommen und er selbst wird krank. Er schimpft auf Gott. Er streitet mit Gott. Aber er sagt nicht seinem Glauben ab. Und am Ende begegnet er Gott und alles wird anders. Das Schlimme löst sich auf. Wie genau, wird nicht beschrieben.
In dieser Geschichte steckt auch ein bisschen Misstrauen gegen Gott. Wie kann Gott dem Teufel so viel Macht geben?
Wir heute fragen uns das auch, bei all dem Schlimmen, das geschieht. Wie kann der gerechte und allmächtige Gott das zulassen?
Wir wissen es nicht. Gott hat auch eine dunkle Seite, die wir nicht verstehen. Gottes Allmacht ist erst im Entstehen und mit uns unterwegs zu einem guten Ende. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: gerade wenn es uns schlecht geht, brauchen wir den Glauben. Der Glaube hat nämlich die Kraft, in uns das Schlimme zu etwas Gutem zu verwandeln. Jesus Christus ist der Überwinder und deshalb können wir in seiner Nachfolge all das Schlimme überwinden. Jesus Christus ist der Sieger und hat den Tod als letzten Feind schon längst besiegt – und wir gehören auf die Seite des Siegers und können mit Jesus Christus die schlimmen Folgen des Todes in ihrer Schädlichkeit begrenzen, für uns und unsere Mitmenschen. Und wenn wir nicht glauben können – Jesus Christus ist unser Bruder und glaubt in uns und mit uns und trotz uns und hilft uns heraus. Wir können von der dunklen Seite Gottes, die wir nicht verstehen und mit Recht anklagen können, auf die helle Seite Gottes fliehen, zum Licht, zu Christus.
Ich wünsche uns allen, dass wir mit unseren Katastrophen, Erschütterungen und Schrecknissen so umgehen können wie Hiob: betend, streiten, durchhaltend, zwischendrin aufgebend. Aber am Ende verändert und in der Überzeugung: In dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat, Jesus Christus, von dessen Liebe uns nichts und niemand trennen kann, noch nicht einmal, dass wir gerade davon nichts fühlen können.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zu ewigen, seligen Leben. Amen.

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