Und ewig kämpft das Böse mit dem Guten ( 1.Mose 8,18-22 + 9,12-17)

Was für ein Dilemma! 

Ich möchte eigentlich an das Gute im Menschen glauben.

Ich möchte gerne von der Geschichte der Menschheit glauben, dass sich alles zum Guten entwickelt, dass jeder Kulturfortschritt auch einen Fortschritt an Menschlichkeit und Gerechtigkeit darstellt.

Ich möchte glauben, dass der Mensch jeden technischen Fortschritt zum Wohl der Menschheit und zur Bewahrung seiner Welt einsetzt.

Ich möchte glauben, dass der Mensch fähig ist, aus seinen Fehlern zu lernen und dass es ihm möglich sein wird, alles Kriegswerkzeug aus den Händen zu legen und mit seiner Hände Arbeit eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit zu bauen.

Ich möchte glauben, dass es uns wirklich und nicht nur materiell besser geht als unseren Großeltern und Urgroßeltern.

Ich möchte glauben, dass jeder Neuanfang der Beginn etwas Besseren ist und  nicht die alten Zeiten einfach die guten alten Zeiten sind.

Träume ich diesen Traum allein?

Ist er naiv, weltfremd oder gar gefährlich?

Denn die Realität sieht ja anders aus.

Mit dem Abstand von dreißig Jahren sehen wir, dass mit der friedlichen Revolution von 1989 der Kalte Krieg nicht aufgehört hat, die Welt nicht freier, nicht friedlicher, nicht gerechter geworden ist, auch wenn für einen Augenblick ein wunderbarer Neubeginn aufschien. Am 9.Oktober 1989 zogen in Leipzig 70.000 Menschen friedlich und gewaltfrei durch die Straßen Leipzigs und die bewaffnete Staatsmacht schlug nicht zu. Einen Monat später wurde die Mauer unbedacht und doch gewollt geöffnet, friedlich niedergerannt oder klein gehämmert. Für eine kurze Zeit lag die Hoffnung einer anderen Welt in der Luft.

Aber seitdem gehören auch der Krieg in Afghanistan, im Irak, in Syrien, der islamistische Terror und riesige Flüchtlingswellen ebenso zum Alltag, wie wieder auferstandener Nationalismus und plumper Rechtspopulismus. Unzufriedenheit, Aggression, Ablehnung und Abschottung nehme ich lautstark wahr. Es scheint, als wären den Menschen zumindest in Europa die Maßstäbe abhandengekommen, der Glaube und damit das Gewissen verloren gegangen.

„Woher kommt das Böse?“ fragt der Mensch, nicht erst heute.

Ist der Mensch einfach böse, 

hat er sich für das Böse entschieden und wenn ja warum 

oder wurde er böse gemacht?

Vielleicht ist er ja auch nur ein Teil einer großen Inszenierung und eines Spiels zwischen dem Guten und dem Bösen, um zu schauen, wie er reagiert. Um Hiob ringen Gott und der Teufel. Sie schließen eine Wette.

Mephisto versucht mit himmlischer Erlaubnis Faust vom guten und gerechten Weg abzubringen.

Und der große Gott, Schöpfer und Weltenlenker, stellt in der Bibel verwundert und überrascht fest: das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf – als ob er das nicht hätte voraussehen können.

Und die menschlichen Erklärungsversuche?

Ich habe sie schon genannt: der Mensch ist einfach böse, es wird nicht nach dem Ursprung gefragt, sondern lediglich die Tatsache festgestellt.

Der Mensch entscheidet sich für das Böse. Ein Großteil alles Bösen“,
so die britische Moralphilosophin Mary Midgley,
„wird durch friedliche, achtbare und harmlose Motive wie Faulheit, Furcht, Habsucht und Gier verursacht.“

Oder er wird böse gemacht, zum Bösen verführt: Kindheit, soziales Umfeld, Abhängigkeiten oder schlechter Einfluss mindern die Schuld oder gar Schuldfähigkeit.

Wir haben ja auch unsere Bilder im Kopf, von der Verführung und vom Sündenfall, von der Schlange und vom Teufel und dem armen Menschen als das erste Opfer, das zumindest eines schnell gelernt hat: schuld sind immer die anderen.

Die Moralphilosophin ist nah dran an dem, was die Bibel erzählt. Und sie ist weise und blickt hinter die Kulissen.

Es gibt so etwas wie ein Leitmotiv, ein Grundübel, eine Urversuchung, die zum Menschsein gehört, egal woher oder warum das so ist:

Faulheit, Furcht, Habsucht, Gier…. sagt die Philosophin. Die Versuchung des Menschen, der so oft ohnmächtig ist, durch die Macht kommt noch dazu, sagt die Bibel. Der Mensch möchte sein wie Gott – dann ist die Machtfrage und die Herausforderung und Erschütterung durch den Tod geklärt – so scheint es jedenfalls.

Und das war so und das bleibt so.

Denn wir haben ja heute auch von einem wunderbaren Neuanfang gehört: nach der Flut, mit einer erneuerten Schöpfung der für den Neunanfang Ausgewählten, der Gottesfurcht und dem Altar am Beginn der neuen Ära und Gottes Feststellung: es hat sich dennoch nichts geändert, der Mensch ist was er ist.

Allerdings hat sich der Grundton geändert.

Es klingt nicht resignativ und depressiv. Gott muss und will es nicht einfach nur aushalten, weil es nicht zu ändern ist.

Es ist so, als billigt er dem Menschen für sein Menschsein den Streit und den Kampf der Prinzipien zu. Und der Mensch – wir – müssen uns diesem Streit stellen. Denn Faust und Mephisto sind ja in mir.

Das Gute kenne ich und mag es gerne tun, strenge mich auch an, oft kommt dennoch das Gegenteil dabei heraus. Manchmal erliege ich auch dem Neid, der Gier, der Abneigung, es muss ja gar nicht gleich Hass sein, oder dem Egoismus und weiß es ganz genau!

Manchmal wollen Menschen einem Böses und ahnen gar nicht wie sie dabei zum Werkzeug für etwas Gutes werden, wie Mephisto:  ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. 

Die Welt und das Leben, selbst Gut und Böse sind manchmal ambivalent.

Es ist gut, dass Gott seine Sonne über Gerechte und Ungerechte aufgehen lässt, denn wer wollte den Unterscheid entscheiden?

Nur manchmal könnte ich verzweifeln…

  • Wenn ich am Holocaustgedenktag in Sachsenhausen Zeitzeugenberichte höre und weiß, dass Menschen all das aushalten mussten, was Menschen ihnen angetan haben, es  grausam mit ihrem Leben bezahlt haben und heute so getan wird als waren die Abgründe menschlicher Bosheit nur ein Vogelschiss. 
  • Wenn ich die Bilder vom 11.September 2001 sehe und die Verzweiflung und Fassungslosigkeit der Menschen…
  • Wenn ich Jesus am Ende seines Lebens am Kreuz sehe,  der immer ganz und gar Partei für die Nöte der Menschen ergriffen hat…

dann könnte ich verzweifeln, wenn all das das einzige und das letzte wäre.

Aber es gibt ja den guten Neuanfang auch schwacher Menschen. Noah geht aus der Arche und baut einen Altar. Er will Gott danken und sich Gottes vergewissern.

Gott sieht und spürt die Sehnsucht Noahs, er spürt seine eigene Sehnsucht nach den Menschen und seine fürsorgliche Liebe, die vergeben kann, die immer wieder einen Neuanfang zulässt.

Und er gibt den Menschen ein Hoffnungszeichen für sein Zukunftsversprechen: den Regenbogen.

Er ist seitdem für so viele ein Hoffnungszeichen geworden für Frieden und Toleranz, für Vielfalt und Gleichberechtigung.

Vielleicht kennen sie das Lied von Kerstin Ott mit dem Titel Regenbogenfarben, das genau davon erzählt, wie unsere Träume und Hoffnungen das Leben und die Welt und auch die Liebe regenbogenbunt machen können – in aller Verschiedenheit!

Das Dilemma ist dann vielleicht gar kein Dilemma mehr.

Ich trau dem Guten im Menschen nicht alles zu, aber Gott traue ich zu, dass er mit uns Menschen alles Gute kann.

Ich traue dem Menschen nicht zu, dass er den Himmel erobert und das Paradies wiederfindet. Aber der Regenbogen erzählt ja davon, dass Gott den Schlüssel zum Paradies nicht in das Meer geworfen und ihn für ewig verloren hat. Gottes Himmel kommt und bis dahin lädt der Regenbogen zur Hoffnung und zum Tun des Guten ein –  in aller Bescheidenheit und aller Begrenztheit unseres Wollens und Könnens. Gott sei Dank

drucken