Der Mensch wird wieder Mensch: angesehen und angesprochen (Johannes 5, 1-16)

Zum Schluss waren die Schmerzen so stark, dass sie nicht länger als 10 Minuten am Stück schlafen konnte. Schmerzmittel halfen auch nicht mehr. Dabei hatte sie lange mit ihrer und gegen ihre Krankheit gekämpft. Als sie zwölf wurde, begann der Leidensweg, irgendwann konnte sie nicht mehr laufen, war auf den Rollstuhl angewiesen und kämpfte dennoch. Erkämpfte sich Gold in verschiedenen Disziplinen bei den Paralympics und sagte immer: nur solange die guten Tage die schlechten überwiegen. Am Ende schied sie mit einem Glas Sekt in der Hand, mit Angst vor dem Tod, aber noch mehr Angst vor noch mehr Leiden freiwillig, professionell und in allem friedlich aus dem Leben, in Belgien ganz legal.

Sie tat etwas, worüber wir nicht gerne reden, unterschiedlicher Ansichten sind und – was wir vielleicht dennoch verstehen können: sie nahm Sterbehilfe in Anspruch. Wann ist es genug, wann ist es mehr als ein Mensch ertragen kann? Nach einem Jahr, nach fünf Jahren, oder gar erst nach 38 Jahren Krankenlager und vergeblicher Hoffnung?  Wenn ich vor Schmerzen das Bewusstsein verliere oder schon, wenn ich spüre, wie mir die Kontrolle und die Fähigkeit es allein zu entscheiden entgleitet – oder gar nicht?

Am Ende des Films „Hin und Weg“, der von solch einem freiwilligen Ende im Kreis von Freunden erzählt, als einer schon am Beginn seines Leidensweges ein Ende setzt, weil er mit der gleichen Erkrankung das Ende seines Vaters erlebt hat, standen mir Tränen in den Augen, weil ich dachte: das darf doch nicht, das ist noch so viel Leben und so viel möglich! Das darf doch nicht sein, weder das Leiden, noch das Sterben, noch dieser Tod!

Und doch haben am Ende alle Frieden damit gemacht.

Ich weiß nicht, wann eine mütterliche Freundin begriff, dass sie den Kampf gegen ihre Krankheit nicht wird gewinnen können und sich ihm dennoch nicht ergeben hat. Zeit und Gelegenheiten zum Leben wollte sie ihm abringen – und das schaffte sie, einige Jahre lang, und wie habe ich sie dafür bewundert und war dankbar dafür, sie gekannt zu haben!

Sie lebte – vom Tode gezeichnet.

Sie redete nicht viel davon. Aber wenn man sie kannte, dann sah man, wie es gerade ging, ob man einen guten oder einen schlechten Tag mit ihr verbrachte. Ob sie mehr Zeit mit diesem Kampf ausgehalten hätte? Ich weiß es nicht. Aber so war die Zeit gut und das  Ende am Ende auch!

Manche erzählen gerne. Fragt man sie, wie es ihnen geht – leider benutzen wir ja diese Höflichkeitsfloskel viel zu oft in der Hoffnung, keine Antwort zu erhalten, – dann fangen sie sofort an zu klagen und oft spürt man, dass das Leben es ihnen nicht leicht macht, vor allem weil ihnen keiner Aufmerksamkeit und Zuwendung schenkt. Aber mit ihren Krankheiten, mit ihren Gemütsverfassungen, erfahren sie, womöglich nur oberflächlich(?), eine zeitlang Zuwendung und Aufmerksamkeit. Es ist erzwungen jemand für sie da, es kümmert sich jemand, sie können wenigstens von ihren Krankheiten erzählen. Es gibt für manche einen Leidensgewinn durch  Fürsorge.  Denn der Schmerz niemanden zu haben, ist mindestens so groß, wie der Schmerz sich nicht mehr bewegen zu können oder sich vom Leben verabschieden zu müssen.

 

Ich gehöre eher nicht zu denen, die über den Sinn von Krankheiten spekulieren. Sie mögen Botschaften an mich sein, sie erinnern mich daran, mit meiner Zeit, meinem Leben, meinen Mitmenschen verantwortlich umzugehen. Ist meine Seele krank, leidet irgendwann auch mein Körper. Und viele Krankheiten kann ich nur besiegen, wenn meine Seele stark und gesund und meine Hoffnung ungebrochen ist. Das weiß auch jeder Arzt.

Die Frage: „warum?“ „warum ich?“ kommt einmal oder  auch immer wieder. Und vielleicht entdecke ich irgendwann so etwas wie einen Sinn. Nach Schuld und Sünde würde ich nicht fragen, eher nach der Botschaft und dem was ich jetzt tun kann – für mich und für andere.

Die junge Sportlerin Vervorrt, die mit einem Glas Set in der Hand aus dem Leben schied, wollte noch einmal Bungeejumpen und ein Rennen mit einem Lamborghini fahren und sie tat dies und starb auf eigenen Wunsch.

Der „Herzenswunsch Krankenwagen“ erfüllt Todkranken noch einen letzten Wunsch: noch einen Tag an der See verbringen, noch einmal das Geburtshaus besichtigen oder im Stadion mit dem Herzensverein jubeln.

Was macht ein Mensch, der 38 Jahre lang wartet

und hofft

und bangt

und enttäuscht wird?

Wartet er überhaupt noch?

Hofft er überhaupt noch?

Bangt er wirklich, oder bleibt er Tag für Tag im gewohnten Einerlei?

Jesus fragt ihn, ob er gesund werden will. Nur oberflächlich ist das eine dumme Frage. Eigentlich ist sie zutiefst ernst, irritierend und schwer zu beantworten. So wie die Krankheit mein Leben und andere verändert, verändert ja auch die Gesundung mich und mein Umfeld.

Ja, andere müssen nicht mehr so um mich sorgen. Sie können mich in mein Leben entlassen und ich kann sie in ihr Leben zurück schicken. Nur wer ist dann für mich da?

Das ist die eigentlich erschreckende Diagnose in der Geschichte aus der Bibel und in unserem Alltag: ich habe keinen Menschen, der mich an den Teich bringt.

Mir hört keiner zu, mich schaut keiner an, keiner fragt nach mir, keinem fehle ich…

Die Anonymität in der Gesellschaft ist eine krankmachende Zeiterscheinung und Teil vieler Erkrankungen. Und das eigentliche Wunder, von dem Johannes erzählt, ist nicht die Heilung des Gelähmten, sondern die Art und die Glaubwürdigkeit,  mit der Jesus dieses Tabu und dieses Elend angeht:

Jesus sieht, Jesus fragt, Jesus spricht – und zwar mit wenigen Blicken und wenigen Worten.

Der Mensch wird wieder ein Mensch: angesehen und angesprochen. 

Manchmal muss gar nicht mehr geschehen als in der Einsamkeit angeschaut und aus der Einsamkeit gerufen zu werden, um wieder aufstehen und sich aufrichten zu können.

Und dazu braucht es auch nicht viel. Einen Augenblick Zeit und eine Augenblick Geduld.

Als wir im Sommer drei Wochen im südliche Afrika Partnerdörfer besucht und Gottesdienst gefeiert haben, kamen viele Menschen und baten um ein Gebet und um einen Segen. Die Ärzte sind fern, die Behandlung teuer und das Gottvertrauen groß. Und mit jedem Gebete und jedem Segenswort passierte eigentlich, was so lebesnwichtig ist: Menschen fühlen sich angeschaut und angesprochen und werden aufgerichtet.

Sie spüren: Gott sieht mich an und er spricht mir Mut zu und sie spüren diese Zuwendung mit den Händen, die ihr Haupt segnen und ein Kreuz auf die Stirn malen, und sie hören Gottes Zuspruch in dem Segens- oder Bibelwort, mit dem sie entlassen werden.

Wozu ist der Sabbat oder der Sonntag da? 

Menschenfreundlicher kann man doch gar nicht Gottesdienst feiern, als dass Menschen sich in ihrer Not und ihrer Einsamkeit, in ihrer Angst oder Verzweiflung, in ihrer Trauer oder Ausweglosigkeit, aber auch in ihrer Freuden und mit ihren Hoffnung, ihren Plänen und ihrem Mut angesehen, verstanden, gemeint und angesprochen fühlen.

Es ist Gottesdienst, wenn wir Menschen in ihrer Not ansehen und wahrnehmen, sie begleiten und aufrichten.

Und ich bin mir sicher, dass die Erfahrung von Menschlichkeit und Gottesfreundlichkeit ihre Wirkung nicht verfehlen. Sie verändern Herzen und Gefühle, Einstellungen und Taten. Davon wünsche ich mir in unseren Tagen mehr.

In unseren Dörfern und Städten, in unserer Gesellschaft, bei denen,  die täglich mit ihrem Leben kämpfen, aber auch bei denen, die Verantwortung für unser Land, für Europa und die Welt tragen. Viele haben niemanden, der sie zum Wasser im Teich tragen kann, in der Hoffnung dort einem heilenden Engel zu begegnen. Aber wir können sie wahrnehmen, anschauen, ansprechen und ein Stück Weg mit ihnen gehen. Dann sind wir ihre Engel. Gott stärke und öffne uns dazu.

Amen

drucken