Offen sein und bleiben

Johannes 5, 1-18 (Berlin-Hellersdorf, 27.10.2019)

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3-4 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. 5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Sabbat an diesem Tag. 10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen. 11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! 12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? 13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war. 14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. 15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. 16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. 17 Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch. 18 Darum trachteten die Juden noch mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.

 

Es war im heißen Spätsommer 1991, als ich zum ersten Mal in Jerusalem war und in dem Zusammenhang auch den Teich Bethesda besuchte.

Ich erinnere mich, wie schwer es mir fiel, mich in dem vergleichsweise riesigen Areal zurechtzufinden, wo die Ausgrabungen Gebäudereste aus vielen Jahrhunderten zutage gefördert hatten: die Becken der einstigen mächtigen Doppel-Zisterne, die Säulenhallen, in denen die Kranken lagen, wie es bei Johannes berichtet wird, und die Kirchen, die dort zu verschiedenen Zeiten gebaut wurden. Das alles war sehr verwirrend, überall alte Steine, dazu die brennende Sonne. Ich schlich durch die Gegend, und niemand war da, der mir helfen konnte. Alle meine Kollegen waren ihrerseits irgendwo im Gelände und mit ihren Erkundungen beschäftigt, und von den Touristen jemanden anzusprechen, war auch nicht gerade vielversprechend, von möglichen Sprachproblemen mal ganz abgesehen.

Plötzlich aber stand ich vor der dort auch befindlichen St.-Anna-Kirche, einem äußerlich sehr schlichten Bau aus dem 12. Jahrhundert, aber immerhin die besterhaltene Kreuzfahrerkirche des Heiligen Landes überhaupt, einfach deshalb, weil sie von den Moslems zur Moschee gemacht wurde und so als Bauwerk erhalten blieb. Der türkische Sultan schenkte schließlich das Gebäude im 19. Jahrhundert dem französischen Kaiser als Dank für geleistete Kriegshilfe. Seitdem wurde sie restauriert und wieder als Kirche genutzt.

Ich stand also vor dem schlichten Portal und ging hinein in den Schatten des Gotteshauses. Sofort umfing mich angenehme Kühle, die den Kopf wieder frei machte und die Sinne aufnahmebereit. Und dann geschah es. Warme Töne einer schönen Melodie drangen an mein Ohr, und ich sah, dass mitten in der Kirche eine junge Frau saß, die dort selbstvergessen ihr Cello spielte. Ich weiß nicht, wie lange ich ihr zugehört habe. Vermutlich war es gar nicht allzu lange, aber der Eindruck war so nachhaltig, dass es noch heute fast 30 Jahre später in mir zu klingen beginnt, wenn ich an St. Anna denke.

Und ich glaube, mir ist damals Ähnliches widerfahren wie jenem Gelähmten, als Jesus ihn anblickte. Natürlich war ich keine 38 Jahre an jenem Ort, selbst von 38 Stunden konnte keine Rede sein. Aber ein gewisser Fatalismus, ja Hoffnungslosigkeit hatten mich schon ergriffen wie eben jenen unbekannten Mann, der Jesus auf die Frage, ob er denn gesund werden wolle, nur trostlos antwortet: Mir hilft ja doch keiner, und alleine habe ich keine Chance. In diese Leere hinein treffen der Blick und das Wort Jesu und überwinden die Lähmung so wie mich die Töne trafen und innerlich wieder aufrichteten und Kraftreserven im Körper mobilisierten. St. Anna erwies sich so wahrhaftig als ein „Haus der Gnade“, was der Name Bethesda im Deutschen ja bedeutet.

Das ist nun ein ganz wichtiger Aspekt dieser Geschichte aus dem Johannesevangelium, dass sie uns ermuntert, offen zu sein, offen zu bleiben für den Moment der Hilfe und niemals zuzumachen, sich nicht abzukapseln, damit das helfende Wort auch erkannt und die helfende Tat erfasst werden können. Denn es stimmt ja, was wir immer wieder einmal lesen: Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.

Und für dieses helfende Wort wie für die helfende Tat gibt es keine vorgegebene Zeit. Es geschieht, wenn es dran ist. Aber nicht alle Zeiten sind für alle passend. Das ist eine Erfahrung. Jesus heilt den Gelähmten am Teich Bethesda an einem Sabbat. Den Frommen um ihn herum ist das ein Graus, denn Heilen ist Arbeit. Wir wundern uns, aber Heiler war zur Zeit Jesu ein Beruf, mit dem man sein Geld verdiente. Wer heilte, der arbeitete also. Am Sabbat aber ist für fromme Juden jede Art von Arbeit verboten. Und Jesus war ja nicht nur Prediger. Nach allem, was wir aus den Überlieferungen des Neuen Testaments wissen, muss man ihn auch als Heiler bezeichnen. Und so sah man es damals auch in Jerusalem. Das erklärt die Aufregung angesichts des Tuns Jesu.

Als Jesus nun zur Begründung seines Tuns auf seine enge Verbindung mit Gott verweist und von Gott als seinem Vater spricht, da sind die Leute völlig entsetzt und trachten ihm sogar nach dem Leben. Hier sind wir an dem Punkt, an dem auch heute Juden und Muslime nicht mehr mitgehen. Sie sind vielleicht bereit, Jesus als Propheten und damit Verkünder des Gotteswillen anzuerkennen, dass uns aber in Jesus und nur in Jesus Gott so nahe kommt, dass die einzig sinnvolle Beschreibung des engen Verhältnisses der beiden zueinander die Rede von Vater und Sohn ist, dass wollen sie nicht akzeptieren. Diese Differenz kann durch keinerlei interreligiöse Dialoge überwunden werden. Damit muss jeder leben und seinen Glauben bekennen.

Wenn wir nun aber das Grundsätzliche, nachdem wir uns seiner erinnert haben, wieder beiseite lassen, dann bleibt doch die folgende Quintessenz für uns als christliche Gemeinde und, wie ich überzeugt bin, weit darüber hinaus, nämlich dies: Eine Notlage kann lange währen. 38 Jahre sind fast 40 Jahre, eine biblische Zeitperiode, eine halbe Ewigkeit, aber eben doch kein Grund, die Hoffnung gänzlich aufzugeben. „Ich habe keinen Menschen“, sagte jener Kranke mit hoffnungsloser Stimme und erkannte nicht, dass er doch Jesus hat, der vor ihm steht. Offen bleiben für den Moment der Begegnung, damit wir das Wort, das uns hilft, auch hören. Das ist das eine.

Und das andere tritt daneben: Bereit und offen sein für den Moment, in dem ein helfendes Wort oder eine helfende Tat von uns erwartet werden.

Beides, die Hilfe und das Helfen, sind meistens nicht planbar, sie erfordern vielmehr Geistesgegenwart. Das meint natürlich nicht nur Reaktionsschnelligkeit, sondern verbindet sich vor allem mit der Bitte, dass Gottes guter und belebender Geist bei uns gegenwärtig sei. Sein Wirken ist bekanntlich vielfältig und überraschend. Vielleicht bewegt er uns zuweilen auch durch die Klänge, etwa die eines Cellos, wie das einstmals mit mir in St. Anna zu Jerusalem am Teich Bethesda geschah. Amen.

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