Streitgespräch in Galiläa

Predigt über Jak 2, 14-26[1]

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor:

ein Tisch im Schatten vor einem Lokal. Eine leichte Brise streicht vom See Genezareth in Galiläa empor. Am Tisch sitzen vier Personen, die gerade ein Kartenspiel beendet haben. Nun spinnt sich ein Gespräch an.

Am Tisch sitzen Paulus und Jakobus und Johanna und Jesus.

 

„Was?“, sagen Sie? „Das geht doch gar nicht! Die vier haben nicht zur selben Zeit gelebt: Jakobus ist ein oder zwei Generationen jünger als die andern drei. Und Paulus und Jesus sind sich zu Jesu Lebzeiten nie begegnet. Und Johanna, was für eine Johanna überhaupt?“

Das letzte zuerst: Johanna ist eine Jüngerin Jesu, die im Lukas-Evangelium erwähnt wird (Lk 8,3; 24, 10).

Und zu dem übrigen: als Predigerin kann ich die Leute an einem Tisch zusammen sitzen lassen, die ich mir aussuche.

Deshalb: Paulus und Jakobus und Johanna und Jesus sitzen an einem Tisch. Sie haben gerade zusammen Mau-Mau gespielt, denn Schummeln kann man mit Jesus schlecht spielen, der sieht einem immer gleich an, wenn man lügt.

Jakobus und Paulus sind nach dem Spiel etwas auf Krawall gebürstet, weil der eine knapp vor dem anderen vorletzter geworden ist. Und so entspinnt sich ein Gespräch, ja ein Streit zwischen ihnen.

Wir horchen mal rein.

 

Paulus sagt: Jakobus, du das hast das wohl überhaupt nicht verstanden was es mit dem Glauben auf sich hat. Der Glaube, daß Jesus für uns gestorben ist und auferstand, steht im Zentrum. Daraus folgt alles andere.

 

Du irrst, Paulus. Natürlich ist der Glaube wichtig. Aber Glaube ohne Taten ist tot (Jak 2, 17). Der ist wie ein Baum, der keine Früchte trägt. Was nützt es also, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? (V 14)

 

Siehst du denn nicht, Jakobus, daß Werke ganz schnell zu einem neuen Versuch des Menschen werden, sich selbst zu rechtfertigen? Ein weiterer Versuch, vor Gott gut dazustehen? Ein weiterer Versuch, sich bei Gott beliebt zu machen?

Dem aber, der keine Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet“. So habe ich es der Gemeinde in Rom geschrieben (4,5). Gott ist der, der uns gerecht macht, nicht wir.

 

Da mischt sich Johanna ein: Ich finde, ihr redet aneinander vorbei. Jesus, was meinst du eigentlich? Sag doch auch mal was.

 

Jesus blickt auf, schaut alle einmal an. Dann senkt er den Kopf wieder und fährt fort, Kringel um die Tabelle zu malen, in der die Punkte des Spiels aufgelistet sind.

 

Johanna seufzt.

Es klingt fast, als wolle sie sagen: Alles muß man selber machen.

Dann schaut sie die beiden Streithähne an und sagt: Ich glaube, ihr beiden redet von demselben, nur von unterschiedlichen Standpunkten aus und zu unterschiedlichen Leuten.

Du, Paulus, schreibst doch auch an die Galater: Es gilt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. (Gal 5,6 b). Nur wirst du polemisch, wenn Christen meinen, sie müßten nur Gebote und Gesetze befolgen, und alles ist gut. Das stimmt ja: es ist verführerisch und gefährlich, sich auf die Einhaltung von Gesetzen, und seien sie noch so gerecht und moralisch, zu verlassen. Denn diese Art von Gerechtigkeit ist immer leicht Selbstgerechtigkeit. Deshalb betonst du immer wieder, daß wir nur auf unseren Glauben an Jesus Christus vertrauen können und sollen.

Und mit wem hattest du es eigentlich zu tun, Jakobus? Mit Christen, die sich nur mit Diskussionen und Spekulationen über Glaubensinhalte beschäftigten und darüber keine Augen und Ohren haben für die Aufgaben und Nöte der Welt? Dann kann ich verstehen, daß du sie zur Tat aufforderst. Schließlich sagt man ja: Taten sprechen lauter als Worte. Und das wird Christen in späteren Jahrhunderten auch vorgeworfen werden: daß sie prächtige Kirchen bauen, während Menschen Not leiden. Daß sie singen und beten, statt zu helfen, wo sie können.

Die Spannung zwischen Aktion und Kontemplation, also zwischen Handeln und Versenkung in Gott und sein Wort – diese Spannung gab es doch schon von Anfang an bei uns Christen. Ich denke nur an unsere Freundinnen Maria und Martha.

Da war das doch so, Jesus, oder?

Die drei schauen Jesus an.

Der Angesprochene bewegt kaum merklich seinen Kopf und malt weiter Kringel um die Tabelle.

 

Johanna holt tief Luft.

Dann wendet sie sich wieder an Jakobus.

 

Ich meine aber, Jakobus, daß auch du über das Ziel hinaus schießt, wenn du so auf den Werken herumreitest.

(So ist das eben mit Polemik. Sie verschärft den Ton, ja vergiftet das Klima. Doch Polemik sorgt selten für mehr Klarheit, worum es eigentlich geht. Das wird sich auch in den nächsten 2 000 Jahren nicht ändern, fürchte ich.)

Doch auch für dich, Jakobus, entspringt das Handeln aus dem Glauben. Du schreibst ja selbst: „Zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke (V 18). Auch bei dir ist also der Glaube wichtig. Der Glaube wird praktisch. Das Vertrauen in Gott und in Jesus befähigt zum Handeln.

Im Glauben erkennen wir ja, daß Gott uns unendlich liebt – jenseits aller Leistung und all unseres Handelns. Gott liebt uns. Darauf kann Vertrauen wachsen. Dieses Vertrauen kann uns Kraft und Mut geben, Gutes zu tun, wo wir es sehen und wo es nötig ist.

Gott liebt uns – dieser Glaube gibt Kraft und zeigt Frucht in den Werken.

Stimmst, Jesus? Nun sagt doch auch mal was!

 

Jesus scheint einen Augenblick eingenickt zu sein. Er berappelt sich und sagt dann: Amen, amen. So ist es. Johannes, der heute ja leider nicht kommen konnte, hat in seinem ersten Brief kurz und gut aufgeschrieben: Wer Gott liebt, der soll auch seinen Bruder lieben. (1. Joh 4, 21)

 

Johanna räuspert sich vernehmlich.

 

Schnell fügt Jesus hinzu: Und seine Schwester natürlich auch.

 

Johanna lächelt ihn an.

 

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft, …

[1] Jesus ist gezeichnet nach Joh 8, 6, wo er zunächst nicht auf Fragen antwortet, sondern scheinbar unbeteiligt in den Sand schreibt.

 

 

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