Erzählen gegen die Sprachlosigkeit (Josua 2, 1-21)

Ich kann nicht die eine Geschichte erzählen und all die anderen Geschichten verschweigen. Entgegen allen Verschwörungstheorien müssen sie das Land nicht einnehmen, gar übernehmen! Es ist ihr Land. Viele haben ihnen, nicht nur vor siebzig Jahren, gesagt: wie könnt ihr in diesem Land bleiben, in dem  eure Mütter und Väter, Schwestern und Brüder systematisch ermordet wurden, nachdem man sie schon seit gefühlten Ewigkeiten für alles Schlechte verantwortlich gemacht, diskriminiert, verfolgt, ausgegrenzt und gehasst hat. 

„Wir leben doch hier, wir sind hier zu Hause, das ist unser Land, unsre Sprache, unsere Heimat, unsere Kultur“ würden sie vielleicht sagen. Aber wie sieht ihr Alltag aus? Ihre Einrichtungen werden bewacht, ob es nun ein Buchladen, eine Schule oder ein Gotteshaus ist. Nur in Halle war das nicht so, als bis zu achtzig jüdische Gläubige zum Jom Kippur Gottesdienst versammelt waren. Sie hatten sich nicht eingeschlichen, se waren keine Kundschafter, die ausspähen sollten, ob es sich hier gut leben ließe. Sie feierten Gottesdienst, ein Versöhnungsfest im Land der Täter, das auch ihr Land ist. Das ist ja der tiefe Sinn des Jom Kippur, des Versöhnungstages, den Beziehungen zu den Mitmenschen eine Zukunft zu geben und Konflikte zu befrieden. „Gemeinsam leben als Versöhnte in allen Unterschieden“ – dieses Fest und damit diese Botschaft wurde angegriffen und mehr als sonst wird erschreckend deutlich: wer sich mit Schmuck oder Kopfbedeckung, mit Davidsstern oder Kippa zu erkennen gibt, setzt sich der Gefahr aus, Opfer von Gewalt zu werden.

Was macht das mit Kindern und Jugendlichen, die so aufwachsen, sich nicht ungestört und ungehindert zu ihrer Identität bekennen zu können, sondern immer auf etwas vermeintlich Fremdes reduziert zu werden?

Was macht das mit uns Christen, die wir doch ebenso Botschafter der Versöhnung, wie Paulus sagt: „an Christi statt“ sind?

Was ist mit einem Land los, dass sich von seiner Vergangenheit und damit von seiner Schuld und damit Verantwortung so zu verabschieden scheint, dass Antisemitismus und Rechtsextremismus keine Randproblem mehr sind, dass Undenkbares und Unsagbares wieder zu hören und wahrzunehmen sind, ohne dass eine wirklich breite gesellschaftliche Mehrheit, ohne dass Alle entschieden aufstehen und den Anfängen wehren?

Im Juli wird der Kassler Regierungspräsident Lübcke erschossen, einer von 169 Morden mit rechtsextremistischem Hintergrund seit 1990 – nach Recherchen von Zeit und Tagesspiegel. Was soll da noch die Diskussion, ob es in Chemnitz im letzten Jahr Hetzjagden gegeben hat oder nicht!

Nun ist es in Jericho nicht die Menge von der Straße, die die Herausgabe der Fremden verlangt, sondern die Vertreter der Obrigkeit, die Sicherheitskräfte der Stadt. Aber die Szene weckt auch so fatale Erinnerungen an Massen, die meinen, die Sache selbst in die Hand nehmen zu müssen, wenn die Ordnungsmacht versagt.  Sie weckt Erinnerungen an die staatliche organisierte Verfolgung jüdischer Mitbürger durch Sicherheitsdienst, Gestapo, Polizei und anderer staatliche Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Einige riskierten ihr Leben und versteckten Juden. Die Masse schaute aber weg und unzählige Nachbarn, Bekannte, Kollegen verschwanden und wurden ermordet. Später wollte man dann nichts gesehen und nichts gewusst oder aber nur seine Pflicht getan, also Befehle und Gesetze ausgeführt haben.

Ich kann nicht die eine Geschichte erzählen und all die anderen verschweigen. Am Mittwoch startete der 28.Abschiebeflug seit 2016 nach Afghanistan mit 44 Flüchtlingen an Bord, also in ein Land, vor dem das auswärtige Amt eindringlich wegen der landesweit bedrohlichen Sicherheitslage warnt. Insgesamt 720 Männer sind abgeschoben worden, das Innenministerium wird nicht müde zu betonen, wie viele rechtskräftig Verurteilte darunter waren, die aber vor allem Krieg, Gewalt und womöglich der Tod erwartet. Ein Kommentar stellte kürzlich fest, dass man nach Jahren Margot Käßmann wohl doch Recht geben muss, die in ihrer Neujahrspredigt 2010 sagte: „Nichts ist gut in Afghanistan.“

Manchmal wissen wir, woher die Menschen kommen, manchmal wissen wir es nicht, manchmal verbergen Flüchtlinge ihre Herkunft und Abstammung in der Hoffnung, bessere Chancen auf ein Bleiberecht zu haben, manchmal haben sie alles, mitunter auch ihre Identität auf der Flucht verloren und nur das nackte Leben gerettet. „Ja es sind Männer (und ich ergänze: auch Frauen und Kinder) hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren (Rahab, Josua 2, 4b)“.

In Jericho jagen die Verfolger den Verfolgten nach bis weit vor die Tore der Stadt und dann wird die Stadt verschlossen, heute werden die Außengrenzen gesichert, wie es neudeutsch heißt, als ob eine der Herausforderungen, eines der Probleme, eine der Nöte gelöst wären, gar die Fluchtursachen, wenn die Grenzen dicht sind. Derweil stehen all diese Länder wie Syrien, Afghanistan, mittlerweile auch wieder der Irak oder der Sudan und der Jemen vor einer neuen Eskalation der Gewalt.

Rahab rettete Leben durch gezielte Täuschung und zivilen Ungehorsam und wird uns als leuchtendes Beispiel dargestellt.

Kirchengemeinden haben lange Zeit in begründeten Einzelfällen durch Kirchenasyl humanitäre Einzelfallentscheidungen erreichen können. In der Vergangenheit waren es 80 % aller Fälle, in denen Menschen, weil ihr Einzelschicksal angeschaut wurde, durch das Kirchenasyl geholfen werden konnte. Heute sind es noch 2 %. Das Innenministerium lehnt auch die Empfehlungen der eigens eingesetzten  Härtefallkommission ab. Die Tore werden verschlossen, den Flüchtenden wird nachgestellt, berichtet die Bibel aus Jericho. Man hat Angst. Wovor allerdings fürchten wir uns eigentlich?

Ich kann nicht die eine Geschichte erzählen, und all die anderen Geschichten verschweigen.

Rahab hat einen heiklen Beruf. Sie verdient ihren Lebensunterhalt nicht mit sogenannter normaler Arbeit, sondern als Prostituierte, so stellen wir es uns zumindest vor. Wir wissen relativ wenig über die Rolle und die Situationen von Frauen, die in der Bibel Huren genannt werden. Sie haben Häuser wie Rahab, sie haben Familien, aber sie sind nicht verheiratet. Für ihren Lebensunterhalt scheinen nicht die männlichen Verwandten aufzukommen. Aber sie haben ihr Auskommen. Ob es sich wirklich um das älteste Gewerbe der Welt handelt, bleibt offen. Wir ahnen nur, wie komplex, wie schwierig und wie belastet der Umgang mit dem Thema Sexualität in der Bibel, vor allem aber in der Geschichte ihrer Auslegung ist.

Meist spielt es kaum eine Rolle, dass es auch imPredigttext um eine Frau geht, die wohl niemanden hat, der für sie sorgen kann, sich aber um andere sorgt.  

Wie steht es denn ehrlicherweise heute mit der Gleichberechtigung der Frau, wie viel hat sich erst in den letzten hundert Jahren vom Frauenwahlrecht bis zur Gleichstellung geändert und eben doch nicht verändert? 

Wie prüde sind wir immer noch trotz aller Freizügigkeit und Sexualisierung weiblicher und mittlerweile auch männlicher Körper überwiegend junger Menschen, wenn es um die körperlichen Bedürfnisse von Menschen aller Generationen geht? Es sind ja nicht nur Träger des Davidssternes oder der Kippa, die öffentlich Gewalt fürchten müssen, sondern auch immer noch die jungen und älteren männliche Paare auf den Straßen, wenn sie Hände halten oder sich küssen. Sarah Connor singt in ihrem umstrittenen Song „Vincent“:

Du kannst die Deutsche Bank verklagen/ Die Bibel lesen, Whitney fragen/ Von der Liebe haben sie alle keinen Plan, ah/ Nicht ich, nicht du, nicht er, nicht sie/ Was du jetzt fühlst, fühlen manche nie / Es ist nur Liebe, dafür gibt’s keine Medizin.

Von der Liebe hat die Bibel keinen Plan?

Rahab zumindest wird nicht einfach ins Rotlichtmilieu gestellt und verfärbt angestrahlt, sondern zur Retterin in ihrem zivilen Ungehorsam, zu einem Werkzeug Gottes in seiner Geschichte – ohne Bekehrung zu einem vermeintlich ordentlichen Leben.

Wenn ich ihre Geschichte erzähle, muss ich dann nicht auch die Geschichten von Liebesbedürftigkeit der Menschen erzählen, die allein sind, die keiner mehr ansieht oder berührt, von der Sehnsucht nach Wärme und Körperkontakt, die eigentlich nie aufhört, bis das Leben aufhört?

Eigentlich wollte ich heute davon viel mehr erzählen. Wir dürfen nie aufhören zu erzählen. Ich kann nicht die eine Geschichte erzählen und die vielen anderen verschweigen.

Mich macht Halle sprachlos, aber nicht stumm.

Ich müsste vom Land und vom Existenzrecht Israels reden, von Flucht, Migration und mutigem zivilem Ungehorsam, von gesellschaftlicher Anerkennung und Ächtung so vieler Randgruppen und von den seelischen und leiblichen Bedürfnissen, die uns Menschen ohne Unterschied ausmachen. Die Bibel verschweigt sie nämlich nicht.

Und wenn ich erzähle, wenn ich um Haltung ringe und um Mut, wenn ich mit der Bibel versuche unsere Zeit und unsere Situation zu verstehen, dann wünsche ich mir in allem und vor allem die Einsicht Rahabs: „Der HERR, euer Gott, ist oben im Himmel und unten auf Erden.“ Er ist HERR, hier und heute und überall für alle! Amen

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