Regeln neu bedenken

Es gibt biblische Geschichten, die sind schön zu erzählen und lassen Einen trotzdem ratlos zurück. Was will mir die Geschichte sagen, wie komme ich darin vor oder was erzählt sie über Gottes Willen?

Manchmal muss ich auch die Geschichte Israels bedenken, um zu spüren, wo ich gemeint bin.

Gott hatte das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit, hatten ihm 10 Gebote geschenkt und an die Grenze des verheißenen Landes geführt. Nach Angaben der Bibel, die an diesen Stellen wesentlich später entstanden ist, als die Geschichte, die sie abbilden wollen, gab es ein Gebot Gottes, dass die Landnahme zu einem Erfolg machen sollte, nämlich die Israeliten sollten an dem ganzen  Land den Bann vollziehen, das heißt alle Menschen und Tiere, die sie vorfinden töten. Begründung: sie sollten nicht wieder in Versuchung geraten von Gott abzufallen und mit Kanaans Göttern rumzuhuren.

TheologInnen sind sich heute sicher, dass die Landnahme so nie stattgefunden hat und es diesen Bann so auch nie gegeben hat. Die Geschichtsschreibung im Buch Josua ist ein ideales Bild vom kompletten Neuanfang im komplett leeren Land.

Um so interessanter wird es an den Stellen, wo das Ideal durchbrochen wird, eine Geschichte erzählt wird, die nicht passt. So wie hier:

1 Josua aber, der Sohn Nuns, sandte von Schittim zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein. 2 Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden. 3 Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden. 4 Aber die Frau nahm die beiden Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. 5 Und als man das Stadttor schließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen. 6 Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte. 7 Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren. 8 Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach 9 und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der Herr euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. 10 Denn wir haben gehört, wie der Herr das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter, Sihonund Og, jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. 11 Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der Herr, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. 12 So schwört mir nun bei dem Herrn, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, 13 dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet. 14 Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der Herr das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst. 15 Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer.  16 Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges.  17 Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen: 18 Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. 19 So soll es sein: Wer zur Tür deines Hauses herausgeht, dessen Blut komme über sein Haupt, aber wir seien unschuldig; doch das Blut aller, die in deinem Hause bleiben, soll über unser Haupt kommen, wenn Hand an sie gelegt wird. 20 Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen. 21 Sie sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.

Inmitten aller viel später entstandenen Bilder vom erfolgreichen Volk mit erfolgreichem Gott und erfolgreicher Vernichtung allen Lebens stellt sich diese Geschichte quer. Die Legende das Land würde komplett leer geräumt und für das Volk gäbe es einen totalen Neuanfang nach dem Auszug aus Ägypten wird durchbrochen durch die Liebestat einer Hure.

Und gerade das passt nicht in das Idealbild, das vorher gezeichnet wurde.

Der Ablauf dieser Geschichte macht streng genommen wenig Sinn. Die Kundschafter verbringen eine Nacht bei der Hure und verschwinden wieder. Scheinbar haben sie in dieser Nacht genug gesehen und erfahren. Sie nehmen Rahab ernst, hören ihr zu, lassen sich von ihr retten und haben wohl auch die Vollmacht, sie zu retten.

Diese Geschichte gewinnt ihren inneren Wert nicht daraus, dass sie stromlinienförmig passt in die Geschichtserzählung, sondern dadurch, dass sie sich querstellt. Gerade darin zeigt sie uns, dass es Wichtigeres gibt als Idealbilder oder ideale Ziele.

Der Tod aller Menschen in der Stadt war beschlossene Sache, aber da kommt diese moralisch zweifelhafte Frau und tut das Richtige, stellt sich über Gesetz und Moral und rettet damit Menschenleben und erfährt darum selber Rettung gegen alles Wahrscheinlichkeit und gegen Gottes Gebot. Wenn die Bibel eine solche Geschichte erzählt, dann will sie uns aufrütteln.

Klare Regeln und Gesetze sind gut und wertvoll, ermöglichen manchmal menschliches Miteinander erst. Aber es gibt höhere Werte. Vielleicht haben sich deswegen auch von allen Gesetzen und Geboten der ersten 5 Bücher Mose allein die 10 Gebote im kollektiven Gedächtnis gehalten. Sie formulieren Regeln und Prioritäten ohne zu sehr einzuschränken. Sie lassen Freiheit, Stellung zu beziehen und Leben auch mal gegen den Strich zu bürsten.

Stereotype Bilder sind immer falsch. Nicht alle Kanaanäerinnen sind schlecht, nicht alle Huren Verführerinnen. Das Leben ist vielschichtig und vielseitig und warnt mich immer neu, alles für richtig zu halten, alles hinzunehmen, was ‚man‘ erzählt.

Das macht Leben vielseitig, aber auch schwierig, dass Regeln nicht alles und nicht absolut sind. Ich erinnere mich an Situationen, wo ein Unfall im Verkehr vermieden wurde, weil andere richtig reagiert haben, wo ich eine Regel übersehen habe. Ich erinnere mich ab er auch an Situationen, wo ich mir klarere Regeln gewünscht habe und dass sich alle daran halten.

Gegen solche Sehnsüchte zeigt unsere Geschichte: Regeln nicht zu beachten, Regeln zu brechen kann ein Segen sein, wenn es Menschen hilft. ‚Schaut Euch Rahab an, um zu lernen, wie Leben wirklich funktionieren kann.‘, ruft er uns zu.

Der Glaube überwindet nicht nur die Welt (Wochenspruch) sondern auch Denkstrukturen und Regeln. Er schafft die Freiheit, Regeln zu gebrauchen – für Menschen und nicht gegen sie. Er gibt mir Freiheit Regeln zu überwinden, nicht aus Egoismus, aber für die Menschen.

Vor 30 Jahren gingen Menschen mit Transparenten auf die Straße ‚Wir sind das Volk‘. Das war verboten, konnte sogar als politisches Verbrechen geahndet werden. Sie haben damit die eigenen Sicherheit und die Sicherheit ihrer Familien riskiert, weil es ihnen das wert war. Dafür dürfen wir dankbar bleiben. Und dürfen lernen, unser Verhältnis zu Regeln neu zu überdenken. Im Namen Gottes und für die Menschen.

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