Lebensgarantie

Liebe Gemeinde,

1. Das rote Seil erinnert an die Taufe

In einer Zeit, die die Autonomie, die Selbstbestimmung des Menschen stark betont und auch immer wieder heftig verteidigt gegen alle von außen kommenden Zwänge, mag die Frage danach, wem ich gehöre, sehr fremd wirken.

Dennoch stellen wir diese Frage. Wollten wir sie umgehen, würden wir nicht verstehen, was es mit dem „roten Seil“ auf sich hat, dass jene Rahab in der vorhin gehörten Geschichte ins Fenster geflochten hat.

Zeichen schützen den Besitz. Von jeher ist das so gewesen. Etikette, Symbole, Farben, Namenszüge und vielerlei andere Hinweise sollen anzeigen, wem was gehört. Zweck ist es, den Besitz vor Diebstahl zu schützen. So ist es auch in nahezu allen Geschäften, in denen wir einkaufen. Irgendwo und irgendwie elektronisch ist ein Besitz-Zeichen in die Ware eingearbeitet.

Auch die englische Marine hat in früheren Zeiten zum Schutz vor Diebstahl sehr sichtbar in all ihre Taue und Seile einen „roten Faden“ eingeflochten, „den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“ Raten sie mal, wen ich da gerade zitiert habe? Es ist Goethe höchstpersönlich, der diese Tatsache in einem seiner Werke (Wahlverwandtschaften) erwähnt und damit die Redewendung vom „roten Faden“, der alles zusammenhält, in unserer Sprache begründet hat.

So können wir das rote Seil der Rahab verstehen. Dieses Zeichen diente dazu, ihr und den ihr Nahestehenden das Leben zu schützen. Denn das rote Seil zeigt an, dass sie zu Gott gehört. So wird sie hinein verwoben in die Geschichte vom Weg Israels ins „Gelobte Land“. Durch die Eroberung Jerichos war der Weg frei geworden, den Jordan zu überqueren.

Und wenn ich jetzt auf das Thema Taufe zu sprechen komme, mögen Sie denken: Oh je, was für ein Gedankensprung. Jetzt hat er schon gleich am Anfang den roten Faden verloren. Aber ich hoffe, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Dann gehen wir doch los! In Gedanken begeben wir uns in die Zeit bald nach Jesu Geburt. Wir stellen uns neben keinen geringeren als Johannes den Täufer. Sie wissen, wo sie ihn hätten finden können? Richtig, am Jordan, in der Nähe der Stadt Jericho.

Die Taufe des Johannes wiederholt in symbolischer Weise den Einzug des Gottesvolkes ins gelobte Land. Nun geht es nicht mehr um Krieg, Eroberung und Gewalt. Längst ist der Glaube gereift zu einer geistlichen Kraft. Symbolisch zieht man, mit dem Wasser des Jordans gewaschen, ins Reich Gottes.

Wir Christen haben dieses Symbol übernommen. In der Taufe wird uns – man verzeihe mir den vielleicht platt wirkenden Vergleich – irgendwie unsichtbar und doch geistlich ein Besitz-Zeichen eingearbeitet, dass kenntlich macht, dass wir zu Gott gehören und er uns schützt. Das rote Seil erinnert an die Taufe.

2. Ich wohne in Jericho

Und wozu nun dieser Umweg über den roten Faden und welchen Gewinn ziehen wir aus der Geschichte Rahabs? Wozu diese krude Erinnerung an Jericho? Versuchen wir eine plakative und wohl auch überzeichnende Annäherung. Wir überschreiben diesen Gedankengang mit folgendem Satz: Ich wohne in Jericho.

Ich wohne in Jericho,

das sind meine, unsere Mauern, die mich, die uns umgeben, damit Gott nicht an mich, an uns herankommt.

Jericho,

das ist meine, das ist unsere Lebenswelt, die nach ihren eigenen Gesetzen funktioniert und funktionieren soll. Bitte nicht stören mit alter Moral und gestrigen Vorschriften. Gut – übers Klima kann man ja reden. Erregt uns alle. Aber bitte mehr auch nicht. Wir werden schon hinkriegen, dass sich nichts ändert.

In wohne und glaube an Jericho.

Wirtschaft funktioniert nur, wenn man grenzenlos Besitz erwerben darf. Bitte, ihr alten Christen, hört doch auf von „Habgier“ zu sprechen! Derartiges Denken gehört in die Klamottenkiste der Geschichte.

Der Markt regelt alles. Und sie meinen, Gott würde herrschen.Wie naiv darf man denn bei euch sein?

Jericho,

das ist die Welt, in der Macht ausgeübt wird. Menschliche Macht. Sie stört das mit der Korruption? Mal ehrlich, wären sie anders, käme man auf sie zu? In Jericho dürfen auch Idioten Macht ausüben, solange sie bezahlen. Solange sie genügend Dumme finden, die ihnen folgen.

Jericho,

das ist die Welt, in der ich meinen Hass ausleben kann und darf. Wozu sonst sind die a-sozialen Medien denn geschaffen worden? Wie bitte, sie wollen mir den Mund verbieten? Mit welchem Recht?

In wohne in Jericho. Suchen sie sich bitte einen anderen Weg in ihr – wo wollen sie hin? – ins gelobte Land.

3. Umziehen fällt leichter mit Lebensgarantie

Es liegt beides in unserer Zeit. Und wahrscheinlich auch beides in unserer Seele. Sie kennen doch die Antwort, die man als älterer Mensch gibt, wird nach dem gefragt, worauf man hofft. „Dass alles so bleibt, wie es ist“. Veränderungen mögen wir nicht! Das ist die eine Seite unseres Lebens: Wir haben unsere Gewohnheiten, unsere Überzeugungen, unsere Ansichten und Meinungen.

Änderungen? Nein, bitte nicht, es sei denn…

Und dann die andere Seite: Leben – nein – Gott verlangt von uns, dass wir uns wandeln. Singen tun wir es gerne, aber leben wir es auch?

Ein Tag der sagts dem andern
mein Leben sei ein Wandern
zur großen Ewigkeit.
Oh Ewigkeit, du schöne, mein Herz an dich gewöhne,
mein Heim ist nicht in dieser Zeit. (EG 481)

Gerne hätten wir diese unveränderliche Ewigkeit, wo alles seinen festen Platz hat, schon jetzt. Und nicht wenige versuchen so zu leben. Es sei denn…

Rahab steigt zu den von ihr verborgenen Boten Gottes hinauf aufs Dach. Ja, vom Glauben hätte sie gehört und von der Stärke Gottes usw. Und irgendwie wäre sie auch bereit, sich von Gott mitnehmen zu lassen. Da wäre schon so etwas wie Glaube in ihr.

Aber nun sei Zukunft schon immer das gewesen, was ihr am meisten Angst machte. Ach, weil man ja nie weiß, was morgen sein wird. Und ob es da eine Garantie gäbe, eine Sicherheit,  Schutz ihres Lebens und dann auch – viel wichtiger – ein Schutz für ihre Familie, ihre Kinder, die Geschwister und die Eltern. Leben wir denn noch, wenn die Mauern Jerichos zusammenbrechen?

Und sie erhält diesen Schutz. In ihrer Seele geschieht der Wandel. Glaube entsteht in ihrem Herzen als Kraft des mutigen Lebens, das ganz auf Gottes Fügung traut. Später wird es extra betont im Buch Josua: Gott hat gehalten, was seine Boten ihr versprochen hatten.

Das rote Band ist kein leeres Symbol geblieben. Umziehen, wandeln, in die Zukunft aufbrechen fällt leichter mit Lebensgarantie. Gott gibt sie uns.

4. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Dieser Bibelvers aus dem 1. Johannesbrief (1. Joh 5,4) steht als Meditations-Wort über der kommenden Woche. Frei übersetzt könnte man auch so sagen: Unser Glaube ist das starke Vertrauen darauf, dass wir alles Widerständige, das uns im Leben begegnet, uns im Leben hindert, uns schwach machen will und ängstigen, dass wir all das überwinden.

Als Christen dürfen wir es wie Luther halten. Wenn wieder einmal eine der häufigen Angstattacken über ihn hereinbrach, schrieb er mit Kreide auf den Tisch: Ich bin getauft.

Die Taufe ist das in unserem Leben eingeflochtene „rote Band“ Gottes, das man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke – und also auch meine ängstliche Seele – kenntlich sind, dass sie Gott gehören.

Dieses Zeichen möge unser allen Seelen schützen vor diesen Dieben: Zukunftsangst, Hass, Trägheit, Habgier und Faulheit im Geiste und all den anderen, die zur Bande gehören.

Wir gehören Gott und wir werden leben auch wenn Jerichos Mauern in sich zusammenfallen. Getrost und hoffnungsvoll wandern wir mit Gott in seine Zukunft.

Angst frisst die Seele auf. Glaube aber macht lebensmutig. Zu diesem Wort („lebensmutig“) schlägt mir mein Schreibprogramm „lebenslustig“ als Korrektur  vor.  Wäre doch auch sehr passend für uns Christen, oder?

4. Kundschafter werden

Halt, beinahe hätte ich jetzt schon „Amen“ gesagt. Eines aber fehlt noch: Nicht nur Rahab mag uns als Symbol-Frau für Lebenswillen und Lebensmut aus Glauben dienen.

Da wären noch die Kundschafter, ausgesandt zu erforschen, wie Jericho erobert werden könnte.

Das kann man ja als Auftrag mitnehmen in die kommende Woche. Ich schaue, wo ich als Christ für Gott Raum erforschen und gewinnen könnte in dieser Welt. Damit dienen wir Christen Gott, seiner Schöpfung und unseren Mitmenschen mehr, als wenn wir versuchten, sie in Angst, Hysterie und Aufgeregtheit noch weit zu übertreffen.

Lassen wir es bei diesem kleinen Impuls. Und nun:

Amen

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