Von Rahab lernen

Liebe Gemeinde,
hören wir den Predigttext bei Josua im 2. Kapitel,
(1-21).

Liebe Gemeinde
diese Erzählung von Rahab und den zwei Kundschaftern in Jericho ist mir seit meinen Kindertagen bekannt, schon im Kindergottesdienst habe ich sie gehört. Aus meiner Sicht, als damals kleiner Mensch, war sie eine echt Abenteuergeschichte. Ob sie heute, im Kindergottesdienst, noch genauso erzählt wird? Ich erinnere mich so:

Zwei Männer machten sich als Kundschafter auf ins fremde Jericho. Angekommen, liefen sie durch diese große Stadt. Sie gingen durch viele Straßen, sahen Häuser, Plätze und Menschen. Als es Abend wurde, wussten sie nicht, wo sie übernachten sollten. Da fanden sie die freundliche Frau Rahab, bei der sie die Nacht verbringen konnten und in Sicherheit waren. Denn sie, diese zwei Fremden blieben nicht unbemerkt. Es gab böse Leute in Jericho. Insbesondere der machthungrige König, hatte es auf die Beiden abgesehen. Denn er meinte, sie seien Spione! Zum Glück versteckte die Frau die beiden Männer. Spät in der Nacht half sie ihnen unerkannt die Stadt zu verlassen. Rahab war schlau, sie ließ ein rotes Seil von der Stadtmauer hängen. Daran kletterten die Beiden herunter und konnten fliehen. Sie sagte ihnen sogar noch den richtigen Weg, dass sie ohne Gefahr nach Hause kommen konnten.

Als die Israeliten Jericho eroberten, hat Gott Rahab für diese Tat belohnt. Denn es wurden alle anderen Menschen und Tiere umgebracht. Nur Rahab und ihre Familie überlebten die Eroberung Jerichos. Das ist ein großes Wunder!

Diese schwierige Erzählung wurde, für die Kinder, erheblich an die heutigen Moralvorstellungen angepasst.
Rahab war sicher eine freundliche Frau. Allerdings, dass sie eine Hure war, wird verschwiegen. Auch nehme ich an, dass die beiden Männer, beim Tätigkeitsfeld von Rahab, nicht gleich todmüde ins Bett gefallen sein werden.

Die Männer waren von Josua ausgeschickte Kundschafter, also waren sie wirklich Spione. Stattdessen wurden in der Kindererzählung die Einwohner und der König von Jericho als böse bezeichnet, die es auf die Kundschafter abgesehen hätten.

Aus heutiger Sicht, hatten der König und seine Mitbürger durchaus ein berechtigtes Interesse daran, ihre Stadt zu schützen. Wer lässt schon gern Spione im eigenen Land gewähren? Zumal gehört wurde, Fremde würden Jericho überfallen. Und auf Rahab gesehen, sie verriet ihr eigenes Volk. Sie schützt die beiden Männer, um ihre Familie und sich selbst zu retten. Im Nachgang betrachtet, ist es schon ein sehr merkwürdiger Umstand, dass alles Lebende in Jericho bei der Einnahme der Stadt getötet wurde, nur Rahabs Sippe überlebte.

Wie dem auch sei, Interpretationen sind immer etwas merkwürdig, wenn heutige Moralvorstellungen an uralte Texte angelegt werden. Denn in dieser langen Erzählung geht es weniger um damalige, noch heutige Moralvorstellungen.

Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht Rahabs Bekenntnis zu Gott. Sie hatte für sich erkannt und formuliert: „Der Herr, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden (11b).“
Rahab sprach über die Stadtbevölkerung. Sie erzählte den beiden Männern, was sie vom Eroberungszug der Israeliten seit Ägypten gehört hatten. Wie sie trockenen Fußes durchs Schilfmeer gekommen waren. Völker und Könige besiegten. Nun hatten alle Bewohner Jerichos Angst, dass auch sie dasselbe Schicksal ereilen würde.

In welche Schwierigkeiten kommen wir heute, wenn wir dieses Bekenntnis zu Gott aussprechen? Wir machen es regelmäßig, wenn wir das Glaubensbekenntnis gemeinsam sprechen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

Mit dieser Bekenntnisaussage kollidieren heute keine Moralvorstellungen mehr. Damals war es lebensgefährlich. Heute sind es eher Aussagen, die aus der Naturwissenschaft kommen. Oder Ansichten die dem allgemeinen Bewusstsein zu widersprechen scheinen.

Im Glaubensbekenntnis ist der Gedanke des Monotheismus (Lehre von einem Gott) enthalten. Die Menschen in Jericho praktizierten, viele Götter in viele Götzenstatuen. Heute wissen wir, es gibt nur den einen Gott. Im Himmel und auf Erden denselben, der Schöpfer von allem.

Genau das trifft die Götzenverehrung ins Mark. Sie sind nur von Menschenhand geschaffene Gebilde. Sie repräsentieren vermeintlich Götter, aber in keinem Fall unseren einzigen wahren Gott.

Also beteten die damaligen Menschen eigentlich nur ihre eigene Kunstfertigkeit an. Als Konsequenz heißt das, Götter sind menschliche Erfindungen. Diese Erfindungen repräsentieren eigene Bedürfnisse und Wünsche: nach Ordnung und Schutz, nach Gesundheit und Reichtum. Für die Könige waren sie wichtige Garanten ihrer Machtstellung.

Ist das heute anders? In Deutschland werden auf öffentlichen Plätzen keine Götterstatuen aufgestellt, angebetet oder verehrt. Schon gar nicht in Kirchen, Synagogen oder Moscheen.

Und doch kann diese monotheistische Aussage auf Widerworte treffen: Denn sie widerspricht den Haltungen vieler, die ihre eigenen Vorstellungen, Bedürfnisse oder Wünsche wie Götter verehren, ja sie geradezu anbeten.

In unserer Zeit regiert die Egozentrik. Die Vorstellungen, Bedürfnisse und Wünsche dienen nur dem eigenen „Ich“. Die „Ichlinge“ unserer Gesellschaft haben sich selbst zu Göttern erklärt und dienen auch nur noch sich selbst. Alles muss ihnen zu Diensten sein.

Ein Ausdruck dafür ist das um sich greifende Überwachen der Menschen durch Internet und Co. So manche „Ichlinge“ nutzen die elektronischen Systeme massiv für sich. Überwachen andere Menschen und beeinflussen sie. Z. B. beim „Kaufverhalten“, so dass daraus die „Ichlinge“ finanzielle oder auch andere Vorteile ziehen.

Durch ihrer Überwachungstechnik machen sie sich selbst zu Göttern. Wenn wir dann auch mitspielen, annehmen und manipulieren lassen, werden wir selbst zu Götzendienern.

Glaube betet sich nicht selber an. Glaube dient nicht sich selber. Glaube macht aus den Menschen, keine die zwanghaft jemanden verehren, oder Unterwürfigkeit fordert, noch sich dienen lässt.

Glaube sieht in anderen Menschen ebensolche wertvollen Geschöpfe Gottes, wie jeder selbst einer ist. Jeder Mensch ist von Gott mit Würde erschaffen worden. Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Das ist etwas Kostbares und etwas überaus Schönes.

So hat unser Gott in einem ganz normalen Menschen Gestalt angenommen und ist durch Jesus von Nazareth ein Gott auf Erden geworden. Und immer dann, wenn wir etwas von dieser Kraft spüren, wenn wir aus diesem Glauben handeln, wenn wir uns anderen Menschen zuwenden, dann leben, denken und handeln wir im Geist Gottes.

Wir glauben an einen Gott, der im Himmel und auf der Erde derselbe ist. Er ist mit nichts auf dieser Erde zu verwechseln. Er steht uns allen gegenüber, ja, er steht uns in allem gegenüber.

So lassen sie uns das, so nebensächlich erwähnte rote Seil von Rahab aufnehmen. Als den sprichwörtlich roten Faden in unserem Leben. Rahab hat es gerettet. Lassen auch wir uns retten!

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, gebe uns Weitsicht die Götzen zu erkennen und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Jörg Neijenhuis.)

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