Stören lassen und sehen lernen (Jesaja 58, 7-12)

Diese Straße in Berlin hat schon seit langem keinen guten Ruf mehr. Spätestens seit der Geschichte von Christian F. und den Kindern vom Bahnhof Zoo Ende der siebziger Jahre kennt sie jeder. Wer den Bahnhof Zoo gewissermaßen durch die Hintertür verlässt, landet in der Jebenstraße. Er sieht die ehrwürdigen Gebäude aus der Gründerzeit und das soziale Elend einer lauten und vollen Metropole. Er sieht und er riecht es. Auch das ist Berlin – und zwar im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Geh ich ein Stück weiter an den Bahnhofsgebäuden entlang, dann sehe ich die medizinische Ambulanz der Caritas für wohnungslose Männer und Frauen und noch ein wenig weiter treffe ich dann auf Menschen, die mittlerweile aus vielen verschiedenen Ländern häufig Osteuropas kommen und in Berlin gestrandet sind oder vom Leben angespült wurden. Sie treffen sich an der Bahnhofsmission. Dort gibt es eine warme Mahlzeit, aber auch Helferinnen und Helfer, die Menschen wie ihnen ohne Ansehen der Person begegnen, buchstäblich keine Berührungsängste haben und somit ein wenig Würde zurückgeben. Hauptamtliche, vor allem aber ehrenamtliche Mitarbeitende sind für jeden, der es braucht, da. Seit genau 125 Jahren gibt es die Bahnhofsmission nun. Sie wurde einst in Berlin gegründet, am Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof. Die Industrialisierung verschlug viele Frauen und Mädchen mit der Hoffnung, hier Arbeit und eine Perspektive zu finden, nach Berlin. Oft waren dann aber Gewalt, Kriminalität und sexueller Missbrauch die Wirklichkeit, die sie vorfanden. Die Motivation der Bahnhofsmission von Anfang an und besonders heute: „Gott will und liebt jeden Menschen; er nimmt ihn an – vor jeder Leistung, auch im Scheitern und in Schuld und verleiht ihm damit eine unverfügbare Würde.“ (Leitbild)

Davon darf man nicht nur reden, das müssen Menschen auch erleben.

Ich bewundere die Haupt- und noch mehr die Ehrenamtlichen für ihren Einsatz, zu dem ihr Glaube an den einen menschenfreundlichen Gott motiviert. Aber auch Konfessionslose, nicht Glaubende arbeiten mit und leben so „Menschlichkeit“.

Eine Zeitlang sah es so aus, also sollten die Bahnhofsmissionen in den Bahnhöfen, die heute auch Einkaufszentren sind, ihren angestammten Platz verlieren. Sie bieten oft wahrlich kein schönes Bild, wenn Touristen froh gestimmt aus aller Welt zu Besuch kommen und die schönen Seiten einer Stadt entdecken sollen. Aber sie sind geblieben. Und sie helfen ebenso bei kleinen alltäglichen Herausforderungen, wie dem Ein-, Aus- und Umsteigen – wenn es schwer fällt. Sie bieten ein Nachtquartier, wenn die Reise gestört wird . Hier gibt es Gesprächsgelegenheiten. 

Es mag sein, dass sie die Idylle stören, weil sie sich den häßlichen, schmutzigen, unerfreulichen und so realen Seiten des Lebens stellen. Aber es braucht ihre Störung!

Das dachten sich wahrscheinlich auch die Väter und Mütter der Leseordnungen mit dem Predigttext für den Erntedanktag. Auch sie stören mit voller Absicht unsere Erntedankidylle.

Dabei liebe ich an diesem Sonntag, meist im Oktober, besonders die Sinnlichkeit, wenn die geschmückten Kirchen alle(!) Sinne, besonders den Seh- und den Geruchssinn ansprechen. Die Fülle des Sommers, die strahlende, leuchtende Kraft der Sonne ist eingefangen und festgehalten in den Farben und Gerüchen, in der Vielfalt der Früchte.  Erinnerungen an einen großen Sommer, an viele sonnige Tage werden ebenso wach, wie die Sehnsucht nach Regen und Abkühlung und die Erleichterung, wenn sie kommen. Ich erinnere mich an die Freude über die Wärme der Sonne auf der Haut, das Farbenspiel der auf- und untergehenden Sonne, aber auch an die Sorge angesichts austrocknender Flüsse, Bäche und Seen. Aber wir haben geerntet, manches ist in solcher Überfülle gewachsen, dass wir der Früchte gar nicht mehr Herr werden. Und auch wer nicht die Früchte der eigenen Arbeit so farbenfroh ernten kann, tut gut daran, zu entdecken, wie auf seiner Arbeit (hoffentlich) Segen gelegen hat, dass es also einen tiefen Sinn macht, dass ein jeder/ eine jede da ist und sich einsetzen und engagieren kann. 

Was ich mit meiner Arbeit schaffe, tue ich für Menschen. Sie leben davon oder damit. Es ist wie ein großes Netzwerk, in dem sich alle wiederfinden. Jeder wird gebraucht. Was für ein Segen, wenn ich den Sinn und den Nutzen meines Tuns spüren und entdecken kann. Was für ein Segen, wenn ich mich mit dankbarem Herzen auf Spurensuche nach Gelungenem machen kann, wenn ich entdecke, wie Wege mich an ein Ziel geführt habe, wie sich auch aus Scheitern neue Chancen entwickeln können, wie Menschen mir gut getan haben, wie weit wir in unserem Land nach 29 Jahren deutscher Einheit gekommen sind. Warum sehen eigentlich so viele vor allem Anlass zu klagen? Die Wirklichkeit verlangt doch aber förmlich nach Dank! Was für ein Privileg, was für ein Geschenk, was für eine Gnade, ist es, hier geboren oder hier leben zu dürfen! Das ist nichts, was ich mir verdient habe und damit auch nichts, worauf ich stolz sein kann, aber viel wofür ich dankbar sein darf. Das Selbstwertgefühl, gebraucht zu werden und etwas erreichen zu können, darf daraus erwachsen. Ich darf mittun, diese Welt zu bauen und zu gestalten, die Schöpfung zu erhalten, und der nächsten Generation zu vererben, aber auch Frieden und Gerechtigkeit zu leben..

Ich will die prophetische Störung unserer Idylle allerdings auch stören. Ich will sie nicht verdrängen, aber die Reihenfolge in unserer Wahrnehmung ändern:

  • Am Anfang soll der Dank stehen.
  • Wir leben in einer lebens- und liebenswerten Welt und selbst die unwirklichen Orte können eine unglaubliche Schönheit vermitteln.
  • Jeder Mensch und jedes Leben ist gut und erzählt von der Güte und der Freundlichkeit Gottes, selbst wenn es nur schwer erträglich scheint, zumindest bis jemand tragen hilft!
  • Menschliche Arbeit hat die Verheißung des Segens, selbst wenn sie uns Schweiß und Tränen kostet. Was für ein wunderbares Gefühl ist es, etwas geschafft, etwas erreicht, etwas bewegt zu haben.
  • Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gut und Böse. Er lässt es über Gerechte und Ungerechte regnen. Wir müssen nicht Richter über Menschen sein. Aber wir haben es in der Hand statt Ausbeuter auch Hüter des Lebens und der Schöpfung zu sein. Was bin ich froh über die Ungeduld und Hartnäckigkeit einer ganzen jungen Generation, die sich nicht damit abfinden will, dass alles so bleibt wie es ist. Sie zeigt Einsatz und Engagement. Sie pocht auf ihre Zukunft,  Freitag für Freitag. Sie wird uns Erwachsenen und müde Gewordenen zum schlechten und mahnenden Gewissen.

Wenn ich  Dank ernst nehme und er kein Lippenbekenntnis bleibt, dann nimmt er mich fröhlich und selbstverständlich in die Verantwortung und schmeckt überhaupt nicht nach Moral.

Denn die Welt mit ihren Gütern und Schätzen, mit ihren Früchten und Lebensräumen gehört allen Geschöpfen gleichermaßen. Wir glauben an den Schöpfer einer Welt. Wir leben nur oft so, als gehöre sie vor allem uns.

Jedes Leben ist gut und wertvoll, darum soll Krieg um Gottes Willen ebenso wenig sein, wie Flucht aus der Heimat oder Tod im Mittelmeer.  Dazu muss diese Welt überall bewohnbar und Heimat sein und daran dürfen wir alle mitbauen..

Jeder darf und soll von seiner Hände Arbeit leben. Gerechter Lohn in aller Welt, fairer Handel und faire Preise sind ein Gebot der Vernunft und die permanente Schnäppchenmentalität auf Kosten Dritter eine strukturelle Sünde.

Der Einsatz für das Klima, die Artenvielfalt, eine nachhaltige Landwirtschaft, behutsamer Umgang mit endlichen Resourcen sind die Folge meines Bekenntnisses zu Gott, dem Schöpfer und Bewahrer dieser Welt, dem ich doch nicht permanent ins Handwerk pfuschen, gar in den Rücken fallen kann. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, also der konziliare Prozess, sind das Gebot der Stunde. Und ich traue der Kraft der kleinen Schritte viel zu, wenn ich denn  losgehe.

Ich möchte nicht moralisch schwer, sondern in fröhlicher Verantwortung Erntedank feiern und damit auch meine Hoffnung auf ein Morgen und Gottes Segen, die Dankbarkeit für seine Fülle und den Überfluss seiner Gnade. 

Der Prophet Jesaja stört die Idylle mit seinen Mahnungen nur  einen Augenblick und verheißt dann eine viel größere, weil paradiesische Perspektive denen, die ihren Glauben praktisch  mit Herz, Mund, Ohren und Händen für andere leben und für Gottes Schöpfung da sind: „du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Für uns heißt das also nicht nur „fridays for future“, sondern auch „gratitude and responsibilty for future“ – „Dankbarkeit und Verantwortung für die Zukunft“ oder „thanksgiving for future“ „Erntedank für die Zukunft“ in Gottes Namen,  Amen !

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