Hinschauen

Erntedank ist heute. Auch wenn viele Menschen und viele Gemeinden einen anderen Tag für ihre Erntedankfeiern nutzen – aus guten und nachvollziehbaren Gründen.

Wichtig ist sicher auch nicht, wann ich Gott Danke sage und vielleicht auch nicht wie ich das sage. Aber dass ich es tue ist wichtig und dass ich bereit bin, mein Leben davon beeinflussen zu lassen.

Manche Menschen tun sich schwer damit für irgendwas Danke zu sagen, weil sie finden, dass das Wesentliche für Erfolg in ihnen und bei ihnen liegt.  

Sie sind manchmal wie ein modernen Vorgarten: grau und ohne jeden Nutzen und Ertrag. Ein Gegenbild ist der von Theodor Fontane beschrieben Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Der war dankbar für seinen großen und ertragreichen Birnenbaum und gab darum den Kindern, die vorbeikamen gerne eine Birne und sorgte über seinen Tod hinaus, dass sie auch dann noch ihre Birne bekamen. Verhungert ist er trotzdem nicht.

Ich möchte immer neu lernen Danke zu sagen so wie Herr Ribbeck, aber meinem Leben und meiner Zeit angemessen. Dabei kann mir ein  prophetischer Text helfen. Er steht beim Propheten Jesaja, genauer dem dritten Jesaja, der in einer Zeit grober sozialer Verwerfungen lebt. Die Schere zwischen reich und arm wurde immer größer – und da spricht er über Reichtum:

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Der Text sieht die großen Klassenunterschiede, die zu Zeiten des Tritojesaja geherrscht haben. Da gab es wirklich Menschen, die hatten nichts, um sich zu kleiden und es gab Menschen, die hätten sie kleiden können. Seine Gesprächspartner sind die Menschen, die Möglichkeiten haben. Ihnen erzählt er nicht von der Pflicht, zu helfen. Nein, sein  Thema ist der Rückenwind, den ihnen Gottes Liebe schenken will. Das Licht und die  Freude, die in dem Menschen wachsen, von dem Licht und Freude ausgehen.

Er erzählt von dem Grundrecht des Menschen satt zu werden und geschützt zu werden. Und er erzählt von der Freude, die es machen kann, Menschen zu helfen, dass sie das Leben in seiner ganzen Fülle haben, dass sie gekleidet und gesättigt werden, dass sie neue Heimat finden und Obdach.

Er erzählt den Menschen, denen es gut geht, wie sie mit ihren Gaben dafür sorgen können, dass das Licht aufgeht in der Gesellschaft, in der sie leben.

Er erzählt mir, was werden könnte, wenn ich meinen Reichtum nicht für mich behalte, wenn ich nicht bin wie ein versteinerter Vorgarten, pflegeleicht, aber ohne Nutzen für irgendwen. Er erzählt mir, wie ich zum Brunnen des Leben werden kann und wie es dadurch heller, schöner und blühender um mich herum werden kann.

Es geht um Lebensgenuss, um den Genuss, den ich verspüre, weil ich viel habe und damit manches verändern kann.

Zum Lebensgenuss gehört es auch, dass ich helfen kann. Das ist vielleicht ein toller Genuss, abgeben zu können, helfen zu können, ohne wirklich Mangel oder Verlust dabei zu spüren.

Menschen, die in Tafeln ehrenamtlich arbeiten, spüren das manchmal sehr deutlich, wie wohltuend bei allen Problemen es sein kann, wenn Menschen satt werden können. Natürlich geht es den Menschen, die dort Dienst tun, nicht immer gut. Wie sollte es anders sein, wenn man mit bitterer Not konfrontiert wird. Da fallen auch schon einmal böse Worte von Seiten der Armen. Da erlebt man Dinge, die nicht in Ordnung sind. Und trotzdem: Zu wissen, da werden Kinder und Eltern satt, da werden Lebensträume erweitert, da wird geholfen, das hilft über manches hinweg und lässt auch ein Licht aufgehen im Herzen dessen, der hilft.

Das ist sicher nicht so gemeint, dass es dem, der abgibt automatisch gut geht. Wir wissen aus Erfahrung, dass es nicht unbedingt dem Guten immer gut geht und dem Schlechten immer schlecht geht. Oft ist es genau umgekehrt.

Aber in der Summe wird die Welt doch besser, wenn Menschen in Not Beachtung finden. Und wenn es Menschen gibt, die Lichter anzünden für die, die im Dunkeln leben. Das Leben wird besser, wenn Menschen einander sehen und ihre Bedürfnisse gegenseitig wahrnehmen.

Zur Verheißung gehört es, dass wir Gott im Rücken haben, wenn wir positiv wirken in seiner guten Schöpfung. Wir dürfen mitarbeiten in Gottes guter Schöpfung. So wie wir im Garten das Unsre tun dürfen, dass Erdbeeren und Äpfel wachsen und gedeihen. Wir können Bäume beschneiden, wir können pflegen und düngen. Und wissen doch. Das ist nur unser Beitrag zu dem Segen, den Gott auf unser Tun legen will. So dürfen wir auch in unserem Umfeld mitwirken, dass sie Gottes Segen auf unsere Welt legt.

Es geht an Erntedank nicht um Selbstdarstellung, überquellende Altäre, es geht um das Hinschauen: wofür kann ich dankbar sein? Und was davon kann ich mit Anderen teilen. Wie kann ich leben als Kind Gottes und als Gesegneter?

Gott bekommt hier einen Namen: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne. Gott ist es, der Möglichkeiten für uns schafft, menschlich zu lebe. Er ist es, der immer wieder wiederherstellt, was Menschen kaputt gemacht haben.  

Das Heil können wir Menschen nicht schaffen, aber wir können beginnen nach Gottes Willen zu leben. Wir können umkehren zu einem gemeinschaftlichen Lebensstil, weil wir reich beschenkt sind und in  Gottes guter Schöpfung leben dürfen. Wir können Erntedank feiern – jeden Tag aufs Neue.

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