Die Sehnsucht nach den guten Mächten (Lukas 10,17-20; Michaelistag)

Ich kann mich gut an diesen Sommerabend vor mittlerweile mehr als dreißig Jahren erinnern. Ein wunderbarer warmer sonniger Tag war zu Ende gegangen und zum Abend hin waren dunkle Wolken aufgezogen. Die Schwüle war nicht mehr so drückend. Mit einem guten Freund hatte ich einen herrlichen Aussichtspunkt in Berlin unter einem großen drehenden Stern…Ganz Berlin (wobei wir Richtung Westen geschaut haben) lag uns zu Füßen, als am Abendhimmel in die anbrechende Nacht hinein ein großartiges Lichtspiel losbrach. Ohne Donner und ohne Krachen, aber mit vielen taghellen Blitzen erlebten wir ein Wetterleuchten und standen staunend und ergriffen knapp unter dem Himmel Berlins. Ich versuche mich zu erinnern, ob mir das Wetterleuchten Angst gemacht hat wie etwa ein heftiges Gewitter mit seinen unberechenbaren Donner- und Blitzschlägen. Aber daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Es war ein angstfreies faszinierendes Erleben und Schauen, wie immer wieder für einen kurzen Augenblick mit jedem Lichtblitz ein Stück Stadt taghell in der Nacht sichtbar wurde.

Vielleicht bin ich ja schon furchtlos vor Gewittern aufgewachsen, weil ich es kaum erlebt habe, welch zerstörerische Kraft Blitze vom Himmel haben können, beinahe satanische Kräfte, die alles zerstören, ohne Sinn und ohne Verstand, auch wenn sich alles natürlich erklären lässt.

Der Generation meiner Großeltern ging es da ganz anders, weil sie es in ihrem Leben wohl anderes erlebt hatten. Sie saßen bei Gewittern angezogen und fluchtbereit in der Nähe der Tür, hatten alle Stecker gezogen und die notwendigsten Papiere eingesteckt und warteten bis die Naturgewalten sich wieder beruhigt hatten. Sie haben wohl manche Blitz einschlagen und manches Haus abbrennen und damit mache Existenz vernichtet gesehen – und jeden könnte es treffen, lehrte sie ihre Erfahrung!

Wenn man nur diese Energie, diese Mächte und Kräfte der Natur  beherrschen, also vorhersagen und einfangen könnte….Gutes könnte man tun – oder böses, wie das eben bei uns Mensch ist. Jede Chance birgt auch ein Risiko, alles, was nützt, kann auch missbraucht werden.

Fasziniert waren die Menschen von den Kräften, die die Spaltung des Atoms freisetzte und sahen eine rosige, friedvolle Zukunft der Menschheit voraus.

Entsetzt, sprach- und fassungslos waren sie von der Zerstörungskraft der ersten Bomben, die diese Kraft zur Zerstörung einsetzten. Und endgültig, wenn auch erst spät wirklich realisiert, platzen alle Träume mit den Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011, weil die strahlende Zukunft anders kam als erwartet. Die Geister waren nicht mehr zu beherrschen und sie sind bis heute nicht wirklich gebannt.

 

Natürlich habe ich jetzt nur mit den Bildern gespielt, die Lukas benutzt ,und die am Michaelistag, am Tag des Erzengels, vom ewigen Kampf des Guten mit dem Bösen erzählen. Michael ist der Engel, der den Kampf mit dem Bösen aufnimmt und ihn gewinnt, der den Satan aus dem Himmel stürzt und damit entthront. Er steht für die Hoffnung, dass der Kampf gut gegen böse doch nicht ewig währt , sondern sich zum Guten wendet.

Und wer kennt diese Sehnsucht nicht?

Es gibt diese vielen Momente, wo wir nicht mehr wagen, an Gottes Güte zu glauben, wo wir vor der Übermacht des Bösen zu kapitulieren scheinen.

Weil 1945 die Konzentrationslager befreit und Überlebende gerettet, aber auch Berge von Ermordeten gefunden wurden, konnten viele nicht mehr so an Gott glauben, wie es die Vorfahren getan haben. Es gibt einen Glauben, eine Theologie nach Auschwitz. Gott, so der Berliner Theologe Friedrich Wilhelm Marquardt, ist nach Auschwitz undenkbar geworden, oder: ich kann Denken Gottes nicht von Auschwitz lösen.

Man muss immer wieder daran erinnern, weil die Dimension dieser unmenschlichen Verbrechen unbegreiflich, oder mythologisch gesprochen wahrhaft satanisch ist.

Michael heißt der Engel im Kampf gegen das Böse: „wer ist wie Gott“ ist sein Name – oder so heißt sein Programm!

Aber wie ist Gott denn?

Das fragt die Mutter, deren Kind mit schwersten Behinderungen zur Welt kommt, der Mann, dessen Frau in tiefsten Depressionen versinkt und nicht mehr erreichbar scheint, die Eltern der jungen Menschen, die im Straßenverkehr verunglückt sind, aber auch die Kinder der Eltern, die am Ende sterben wollen, aber nicht können.

Das fragen die Bewohner der Erdbebenregionen ebenso wie die Bewohner der Landstriche, die seit Jahren auf den Regen warten, der eigentlich immer zuverlässig in der Regenzeit kam. Ihnen hilft der Hinweis auf die von Menschenhand gemachten Katastrophen wenig, denn die Folgen treffen zufällig und nicht nach dem Schuld- und Verursacherprinzip.

Ja, Katastrophen gehören zur Menschheitsgeschichte dazu. Sie treffen ganze Völker oder einzelne Menschen, aber jedesmal stürzt der Himmel ein oder wir fallen aus dem Himmel heraus, als ob uns der Schlag, der Blitz getroffen hätte.

Wer ist wie Gott?

Und warum ist Gott so oft stumm?

Damit kann sich keiner abfinden.

Unsre Sehnsucht muss sich Gehör verschaffen und braucht Antworten.

1944 hat Dietrich Bonhoeffer sie im Gefängnis liebevoll für seine Braut in Worte gefasst: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern,  hat vor wenigen Tagen hat diese Worte Dietrich Bonhoeffers für sich als Ausdruck ihrer Hoffnung und ihres Trostes ausgeborgt, als sie mit ihrer Krebserkrankung an die Öffentlichkeit ging: von guten Mächten wunderbar geborgen!

Wie ist Gott?

Wie eine bergende, tröstende und behütende Kraft, die mich auffängt, die mich begleitet, die mich tröstet?

„O ja, das wünsche ich mir, das immer einer bei mir wär, der lacht und spricht: fürchte dich nicht!“

Deshalb macht der Glaube an Engel so einen Sinn, weil er dieser Sehnsucht Ausdruck verleiht. Er ist auf seine Art, als Sehnsuchtsmelodie, eigentümlich vernünftig.

Wir sind auf gute und bergende Kräfte angewiesen, weil wir uns selbst nicht Sicherheit und Trost und Hoffnung verheißen können. Wir sind darauf angewiesen, dass sie uns zugesprochen und geschenkt werden. So ist Gott: „denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und du deinen Fuss nicht an einen Stein stossest“ .

Wundert sich wirklich irgendjemand darüber, wie viele Eltern dieses Bibelwort als Taufspruch für ihr Kind aussuchen?

Natürlich möchte ich, dass die Menschen, die ich liebe, behütet sind und behütet bleiben – immer und überall.

Und dann, dann erfahren wir im Alltag manchmal wirklich, dass Gott ganz anders ist, nicht immer nur fern und stumm —

so wie die 72 Jünger ( und Jüngerinnen?) Gott machtvoll  erlebt und weitergegeben haben. Ausgesandt als Arbeiter in die Ernte, werden Menschen in ihrer Gegenwart gesund, weichen böse Geister, haben ihre Worte des Gebetes die Kraft Dinge und damit Wirklichkeit zu verändern, ist die Welt kein dunkler, feindlicher Raum mehr, sondern ein Ort des Lebens und des Friedens, jedenfalls manchmal, und an manchen Orten. 

Wir müssen uns einfach diese sehr realen Geschichten erzählen, oder davon singen. Das ist die große Kraft und das Geheimnis der Kirchenmusik. Dem bösen Geist der Angst, der Verzweiflung und der Resignation können wir Lieder der Hoffnung und des Trostes entgegensetzen. In die qualvolle Stille können wir das Lied der Freude von Gott hineinposaunen und zu neuem Leben erwecken, aufstehen. Nicht umsonst sollen die Posaunen aus dem Tod rufen. Wir können gar nicht Kirche ohne Musik sein, ohne Lieder, ohne leise Töne und trotzige Lautstärken.

Und dann macht die Zukunft keine Angst mehr, sondern macht neugierig.

So kannst du, Rob, neugierig sein, auf das, was jetzt alles neu wird, so können wir neugierig sein, was nach dem Abschied Neues auf uns zukommt. Und ich bin mir sicher, dass es gut sein wird. Für dich in Tempelhof-Schöneberg und für uns in Gransee.

Und vor allem bleibt ein gemeinsames Band der Hoffnung und eine gemeinsame Heimat, auch wenn wir an verschiedenen Orten leben und arbeiten: Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.

Und so sollen auch die bösen Geister der Weltangst und des Weltschmerzes wie die persönlichenTrauer- und Leidenserfahrungen aufgehoben und verwandelt werden in den Trost des Glaubens und seiner Lieder:

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten  Seelen das Heil, für das du  uns geschaffen  hast.

drucken