Über das Böse (am Michaelistag)

Das Böse kommt unscheinbar daher. Unvermittelt. Unvermutet. Es steht am Spielfeldrand und sieht zu, wie plötzlich die Situation eskaliert. Nach einem Foul an einem ihrer Mitspieler rastet die gegnerische Fußballmannschaft völlig aus. Mehrere Spieler rennen auf den Übeltäter zu. Treten, schlagen. An den Kopf, in den Bauch. Die 13jährigen vom TSV Burgdorf sind außer Rand und Band. Erst später schaffen es ein paar Zuschauer den Streit zu schlichten. Die anderen Besucher stehen am Spielfeldrand. Manche feixen und feuern an.

Das Böse kommt leise daher. Ungeschminkt. Unfreundlich. Erst leise und dann bricht es sich laut Bahn. Abfällig wird gesprochen über die Anderen. Die, die augenscheinlich nicht zu uns gehören. Eine Frau kommt zum Gottesdienst, nimmt am Abendmahl teil, gibt und empfängt den Friedensgruß, spricht das Vater Unser und bekommt den Segen Gottes zugesprochen. Und beim anschließenden Essen sagt sie mir, dass diese Frauen mit Kopftuch, denen sie täglich in der Bahn begegnet, für sie keine Menschen sind.
Das Böse frisst sich seinen Weg frei. Es ist längst in unseren Köpfen, man findet es in unseren Handlungen. Es hinterlässt Spuren in unserem Leben. Es ist ein Teil von uns.

Das Böse kommt laut daher. Unterbewusst. Ungezügelt. Schon seit ihrer Kindheit, so erzählt die junge Frau, versuche sie, ihren Putz- und Waschzwang loszuwerden. Tag für Tag versucht sie, gegen die Stimme in ihrem Kopf anzukämpfen, wenn sie einmal nur vier statt, wie sonst üblich, fünf Stunden im Bad geputzt hat. Dann kämpft sie gegen diese Stimme, die fast wie en Dämon ist.
Macht über das Böse. Das wünscht sich die Frau und das wünsche ich mir auch.
Heute ist Michaelistag. Michael, einer der Erzengel, hat gegen das Böse gekämpft und gesiegt. Er hat Macht über das Böse bekommen.
Macht über das Böse. So wie sie die ausgesendeten 72 Jüngerinnen und Jünger aus dem heutigen Predigttext haben.
Bei Lukas im 10. Kapitel heißt es:

[Text]

Das wäre doch was, wenn man das Böse und die Dämonen beherrschen könnte, so wie Michael oder wie die Jüngerinnen und Jünger in der Geschichte.
Aber dazu muss man es benennen. Denn „das Böse herrscht, wie die globale Lebensbedrohung zeigt, universal, aber nicht nur die kirchliche Rede vom Bösen bleibt so unklar, dass es zu keiner Konfrontation mehr kommt.“ (Vgl. GPM, Heft 4/2019, S. 431)
Das Böse ist abstrakt, eher wie ein kunstvoll ausgeführter Lichtschwertkampf. Es ist nicht greifbar. Für das Böse ist eine solche Konstellation goldwert, denn wenn man es nur noch allgemein bespricht, kann man es nicht konkret fassen und folglich auch nicht bekämpfen.

Bei der Planung einer Gemeindeveranstaltung hatte sich ein offen rechtsradikaler Mann in die Planung eingeschaltet. Innerhalb der Gruppe der beteiligten Theologen gab es daraufhin große Differenzen in der Frage, wie man mit diesem Menschen umgehen soll. Für mich stand und steht auch heute noch fest, dass eine rechtsradikale Haltung und ein gewisser christlicher Anspruch nicht miteinander vereinbar sind. Nicht alle Kollegen waren und sind dieser Meinung, man müsse auch mit unbequemen Menschen reden. Ich blieb dabei: Eine menschenverachtende Haltung ist Ausdruck des Bösen. Wer Menschen für minderwertig hält, weil sie einer anderen Kultur angehören, hat den Kern des Christentums nicht verstanden. Und das muss man ansprechen, das muss man benennen, um dann in einen Dialog zu kommen. Den anderen mit dieser Haltung durchkommen lassen, kann man nicht.

Das Böse hat viele, ganz alltägliche Gesichter.
Es ist unscheinbar, leise oder laut.
Es ist Gift im Umlauf.
Und dieses Gift träufelt in die Menschen ein; das Böse kann einen Menschen vergiften, so dass er selbst böse wird. Solche Gefahren verbergen sich im Alltagstrott. Sie werden übersehen und verleugnet, bis es zu spät ist. Und am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht: sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Das Böse ist ganz offensichtlich eine Macht. Und es ist trotz aller Maßnahmen noch längst nicht geglückt, es zu entmachten.

Es ist darum unsere Aufgabe, und das nicht nur am Michaelistag, das Böse zu benennen. Den Kampf dagegen aufzunehmen, nicht mit Gewalt, wenn nötig in Abgrenzung, aber immer mit Sanftmut und im Gespräch. Aber dazu gehört es, das Böse zu stellen. Kirche neigt oft dazu alles in einer Soße aus Harmonie zu ertränken. Das kann nicht der Auftrag sein. „Denn das Böse tritt nicht ans Licht, wenn Menschen nicht wagen, es öffentlich zu benennen.“ (Ebd.)
Kindesmissbrauch, Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, Ausbeutung von Mensch und Tier, Ausgrenzung, Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule, die Gier nach Profit, Hass und Gewalt in jeder Form sind Ausdrucksformen des Bösen. Das Böse beim Namen nennen um sich von ihm zu trennen.

Aber wer sich darauf einlässt, wer den Mut hat das zu benennen, der nimmt sich einiges vor. Denn der Kampf gegen das Böse kostet etwas: „Arbeit in der Begründung des Urteils, Arbeit im Abbau von Ängsten und zuallererst die Arbeit des Erkennens.“ (Ebd.)
Wer das Böse beim Namen nennt, der löst Unruhe aus. Aber das bedeutet auch, dass er dem Rad in die Speichen fällt, den Kreislauf stoppt und andere zwingt, ihr Verhalten zu überdenken. Es kann im Christentum nicht darum gehen, sich an die Welt anzupassen. Wir sind seit jeher zum Widerspruch verpflichtet. Und den braucht die Welt auch.

Jesus hat seinen Jüngerinnen und Jüngern Vollmacht gegeben, Dämonen auszutreiben und das Böse zu besiegen. Die Dämonen heute sind wahrscheinlich auf den ersten Blick harmlose Angewohnheiten, ein fremdenfeindlicher Witz hier, die Bereitschaft zur sofortigen Eskalation wider jede Regel der Höflichkeit dort – aber all das hat  Kraft und Macht Menschen in einen Strudel des Bösen zu ziehen und zu zerstören. Am Ende bleibt das Gebet des Herrn, das Vater Unser mit der Bitte „und erlöse uns von dem Bösen!“ Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Jesus uns befreit, so wie er die Dämonen ohne Federlesen ausgetrieben hat.

Um diesen Beistand gegen das Böse gilt es täglich zu bitten. Denn wenn Gott uns nicht hilft, haben wir gegen das Böse kaum eine Chance.
Es spricht also viel dafür, jeden Tag, voller Vertaruen, ein Vaterunser zu beten.
AMEN.

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