Himmelspforten (Genesis 28, 10-19)

Eigentlich erwartet man eine spannende Geschichte, wenn ein Ort  „Himmelpfort“ heißt, was ja nicht weniger verführerisch klingt als „Bethel“ – „Haus Gottes“.

Aber die Geschichte ist gar nicht so spannend, keine wundersamen Legenden, keine tiefsinnigen Träume, dafür aber detailreich und lang. Manche sagen: im 13.Jahrhundert suchte Albrecht III. eine Grablage für seine Familie in seinem Territorium der Mark Brandenburg. Sicher dachte er auch an die Grenzsicherung gegenüber Mecklenburg und ganz bestimmt an die Fähigkeiten der Zisterzienser weitestgehend unwirtliches und nahezu unbesiedeltes Land zu kolonisieren, bewohnbar und urbar zu machen, denn die waren legendär. Rund um Lychen war alles dicht bewaldet und kaum bewohnt und so kamen die Zisterzienser.

Über den nachhaltigen Erfolg solch wirtschaftlicher Entwicklung mag man streiten, das Kloster Himmelpfort hatte nie die Bedeutung anderer Klöster der Zisterzienser, aber der himmlische Charme des Ortes macht ihn zumindest bis in die Gegenwart beliebt. Das Wasser und die Wald- und Heidelandschaft ziehen Touristen ebenso an wie die Klosterruine samt Kirche. Aber vor allem das Weihnachtsmannpostamt spielt mit dem kurzen Weg in den Himmel, der hier ja eine Pforte haben soll. So laden vor allem Kinder schon lange vor Weihnachten hier ihre Sorgen und Wünsche ab, ebenso die Steine auf den Herzen und in den Gedanken, die schweren und die süßen Träume in den Nächten und die Sehnsüchte Großer und Kleiner. Engel auf einer Himmelsleiter sind wohl noch nicht gesichtet worden, aber die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Postamtes sind wahrscheinlich für manches Kind schon zu einem Engel geworden. Einzelne, ganz besondere Briefe werden auch ganz individuell beantwortet.

Ob das spektakulär ist, mögen andere beurteilen, ebenso ob das eine spannende Geschichte oder nur eine gelungene Marketingstrategie ist. Dem Himmel kann man sich in Himmelpfort allerdings durchaus näher fühlen ( so wie am Meer oder in den Bergen.)… Und die Zisterzienser haben diesen Ort sicher nicht nur wegen der wirtschaftlichen Perspektiven ausgesucht. Der alten Benediktinerregel wollten sie wieder Geltung verschaffen und vor allem unabhängig und  von eigener Hände Arbeit leben, um dann  frei zu sein für Gebet und Gottesdienst. Die einen wählen dafür die Wüste, weil sie die Einsamkeit und die Stille, den Rückzug aus der Welt brauchen, um Gott zu begegnen, die anderen suchen sich Landschaften, an denen der Himmel die Erde zu berühren scheint – wie in Himmelpfort. 

Die Religiosität der Menschen mag sich geändert haben, ihre Sehnsucht nach Orten, an denen sich ihnen der Himmel öffnet, nicht.

Man kann das Klostertagebuch in der Klosterkirche aufschlagen und die Einträge der Menschen nachlesen. Man kann die Besucher in Alt-Placht bei Templin beobachten, was mit ihnen geschieht , wenn sie das Fachwerkkirchlein im Grünen betreten und wie sie es wieder verlassen, man kann die Gedanken und Gebete in den offenen Kirchen auf sich wirken lassen oder erleben, wie Musik und Gesang in den Gewölben unserer Kirchen klingen und Himmelsfreuden vermitteln.

Oder aber Jeder und Jede hört einmal in sich hinein, wo es sie oder ihn hinzieht auf der Flucht vor den trüben Gedanken, allein mit den Ängsten und Sorgen, gejagt von den Anforderungen des Alltags, in Panik vor der zerrinnender Lebenszeit, auf der Suche nach der Stille, nach einem Fingerzeig und Hinweis Gottes, das er doch da ist und mitgeht und beisteht und nicht alles umsonst/vergeblich ist.

Ich las einmal in einer Kirche im Elsass die Einladung, ein Licht zu entzünden, – in einem Gebet, so ähnlich wie dieses Gebet aus der Schweiz:

Gott, ich zünde eine Kerze an.

Vielleicht weiß ich nicht so recht, was ich beten soll.

Diese Kerze, ist ein wenig von dem, was ich habe

und von dem, was ich bin.

Sie möge ein Licht sein, durch das Du mich erleuchtest

in meinen Schwierigkeiten und meinen Entscheidungen. 

Sie möge ein Feuer sein, durch das Du in mir alles Unheile verbrennst,  damit Gutes und Neues daraus erstehen kann. 

Sie möge ein Feuer sein, durch das Du mein Herz erwärmst und mich lieben lehrst.

Gott, ich selber kann nicht lange in dieser Kirche weilen.

Mit diesem Licht soll ein Stück von mir selbst hier bleiben, 

das ich Dir schenken möchte. 

Hilf mir, mein Gebet in meinem Sein und in der Arbeit dieses Tages fortzusetzen.

Von all dem weiß Jakob nichts und erzählt mit seiner Geschichte doch genau davon.

Seine Geschichte ist dramatisch: sie handelt von einem tiefen Zerwürfnis der Brüder ( o ja, wer kennt so etwas nicht!), von Lug und Betrug, von der Begünstigung des einen gegen den anderen durch die Mutter (auch wenn Eltern immer behaupten alle Kinder gleichermaßen zu lieben!). Da wurde um das Erbe und den Segen betrogen und am Ende drohte Mord und Totschlag (bei Geld hört doch bekanntlich die Freundschaft auch innerhalb der Familie meist auf!). Später wird Jakob selbst der Betrogene und Getäuschte, zugleich aber auch der Liebende und Fürsorgende sein, und am Ende wird es einen versöhnlichen Ausgang der Geschichte geben, Das ist mehr, als eigentlich zu erwarten war. Was die Bibel hier an Lebensgeschichte und Lebenserfahrung erzählt, muss sich nicht verstecken vor den Dramen, die man sich in schlimmsten oder buntesten Phantasien eigentlich nicht ausmalen oder ausdenken kann…

Und nach menschlichen Maßstäben ist bei so viel Lug und Betrug eigentlich für Gott und den Himmel gar kein Platz. Das Personal, also die handelenden Menschen, haben ihre Untauglichkeit für alle himmlischen Belange mehr als einmal unter Beweis gestellt. 

Was soll Gott mit solchen Personen anstellen, wie soll er daraus eine Erfolgsgeschichte, die Geschichte seines auserwählten Volkes machen? Eigentlich müsste alles aus und vorbei sein. Aber auch das ist wieder sehr menschlich gedacht, weil Gott es natürlich immer mit Menschen und ihren Grenzen, ihren Schwächen, ihren Fehlern, ihrem Versagen zu tun hat, was immer einen Schatten auf die Stärken und den Erfolg und das Selbstvertrauen werfen kann. Selbstzweifel sind da schon Ausdruck höchster Selbstreflexion und eine ausgewiesene Qualifikation für göttliche Dienste. Wohl dem, der seine Grenzen kennt und sie benennt. Aus dem kann etwas werden! 

Aber genauso wichtig, wie die Einsicht in die eigenen Schwächen und die eigene beinahe unbegrenzte Unvollkommenheit in himmlischen Angelegenheiten, ist die Erfahrung, dass sich der Himmel immer wieder auftut und Menschen heil werden, Versöhnung finden und ihren Frieden machen. Jedermann und Jedefrau hat diese Chance. Den ewigen Streit und den ewigen Unfrieden muss es nicht geben.

Jede Sackgasse hat auch mindestens einen Ausweg, jeder dunkle Raum eine Tür, durch die ich ihn verlassen kann.

Jakobs Traum war auch ein Wendepunkt.

Beschäftigt mit seiner ewigen Flucht hat er Gott womöglich nicht mehr gesucht und ist doch gefunden worden, jedenfalls mehr als dass er sich hat finden lassen. Manchmal sind  es die Augenblicke und die Orte, die uns unvorbereitet und unerwartet überwältigen. Der Himmel ist da, wo ihn keiner vermutet. Gott  steigt in die dunkelsten Ecken unserer Existenz hinab und eröffnet neue Räume.

Paulus wird einmal von der Menschwerdung Gottes ähnlich erzählen, wie Jakob den offenen Himmel träumt: Der Sohn in seiner Ewigkeit lässt alles göttliche im Himmel zurück (hält es nicht wie einen Raub fest…) und steigt in die Niederungen menschlicher Erfahrung, menschlichen Elends und Leid herab: nicht aus Neugierde oder aus Sensationslust, sondern aus tief empfunden Mitgefühl und aus Liebe.

Anders als in Jakobs Traum soll die Leiter, die sie aus dem Elend herausführen kann, nicht nur dem Auf und Ab der Engel dienen, sondern bringt Gott in unsere Tiefe und wird uns zur Rettungsleiter. Gott wird Mensch, damit wir Menschen göttlich werden – eine Formel der Kirchenväter, ein wunderbares Glaubensbekenntnis und eine himmlische Erfahrung!

Um sie zu entdecken, um ein kurzes Stoßgebet loszuwerden, um der Sehnsucht im Herzen eine Stimme zu verleihen, um Gott zu begegnen und seine Wirklichkeit und Gegenwart heilsam zu erfahren, braucht es manchmal Himmelspforten und Gotteshäuser, Himmelpfort und Bethel, Berge, Wälder, Wiesen, Worte, Lieder, Gebete, Engel in Menschengestalten. Aber die gibt es ja auch hier und in Himmelpfort und an den anderen wunderbaren Orten Gottes, Amen.

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