Mein Konfirmationsdenkspruch (Kol 3,17)

Predigt über Kol 3,17

Sie haben wahrscheinlich in den vergangenen Wochen schon so einiges gehört über die Denksprüche meiner Kolleginnen und Kollegen. Über die Erfahrungen damit und den eigenen Umgang. Heute bin also ich dran.

Ich weiß nicht, an was sie sich erinnern, wenn sie an ihre Konfirmation zurückerinnern. Bei mir ist es nicht viel. Wir hatten einen alten Pfarrer – so kam es mir als Jugendliche jedenfalls vor. Er hatte manchmal seine Mühe mit uns. Aber ich bin da sehr gerne immer hingegangen. Erinnern kann ich mich an das Thema des Gottesdienstes: Schöpfung. Ich habe damals eine große Weltkugel gezeichnet. Und ich kann mich an meine Kleidung erinnern. Ich mochte sie nicht. Komische Schuhe mit Lack und einen Bolero aus Flauschelwolle, den meine Mutter selbst gestrickt hat. Ich erinnere mich ans Essen und an manche Geschenke, die ich übrigens bis heute habe (man sollte das also nicht unterschätzen…). An was ich mich überhaupt nicht erinnere ist der wichtigste Teil der ganzen Veranstaltung: Meine Einsegnung und mein Denkspruch. Ich kann ihnen nicht sagen, woran das liegt.

Es gibt für mich einige Bibelstellen, die mich immer wieder begleiten. Mein Denkspruch gehört nicht dazu. Gehörte muss ich heute sagen. Ich kannte ihn ja nicht und irgendwie habe ich ihn auch nicht vermisst.

Einige von ihnen haben mich angerufen oder mir geschrieben und von ihren Geschichten mit ihrem Denkspruch erzählt. Vielen Dank dafür! Schade, habe ich mir manchmal gedacht, dass ich meinen Denkspruch nicht kannte und er mich nie so hat begleiten können.

Als die Kollegen also beschlossen haben, dass wir alle in diesem Sommer über unsere Denksprüche predigen, musste ich erst einmal nachforschen. Die Sekretärin meines Heimatpfarramtes war schließlich so freundlich, in den Büchern nachzuschauen. Meine Konfirmation war am 25. März 1990. Und mein Denkspruch steht im Kolosserbrief, in Kapitel 3, Vers 17.

Aha, dachte ich beim Lesen ihrer Email. Ich muss gestehen, dass ich erst einmal nachlesen musste… Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Eine gewisse Ratlosigkeit hat sich in mir breit gemacht. Schade, es gibt so viele schöne Bibelstellen, warum ausgerechnet diese? Aber ich weiß, dass mein Konfirmator ein sehr kluger Mann ist, der sich sicherlich etwas dabei gedacht hat.

Netterweise hat ja Frau x denselben Spruch wie ich. Vielleicht haben sie ja ihre Predigt Anfang August gehört. Sie hat bis heute ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Denkspruch und mag ihn nicht: Er sei nichtssagend, unrealistisch und überfordernd. Eine Dame, die ebenfalls diesen Spruch teilt, hat mich angerufen und ihre Geschichte erzählt. Auch sie steht ihrem Denkspruch sehr distanziert, eher schon ablehnend gegenüber. Er übt Druck auf sie aus – sie sieht darin einen ständigen moralischen Zeigefinger, der sie begleitet.

Und nun?

Tauschen geht nicht und zurückgeben auch nicht. Was man hat, hat man… Ich bin neugierig geworden und wollte mich auf die gedankliche Spur meines damaligen Pfarrers begeben. Der muss sich doch etwas dabei gedacht haben! Und ich kann jetzt schon verraten: Ich bin froh an diesem Spruch und sehr zufrieden damit. Aber man muss die Gedankenschleifen ein bisschen weiter drumrumlegen.

Ich lese ihnen deshalb einmal den ganzen Abschnitt vor. Aus Kapitel 3 des Kolosserbriefes die Verse 1 bis 17. Und dann schauen wir ihn einmal genauer unter drei Gesichtspunkten.

Paulus – der es wohl war – schreibt: Kol 3,1-17

Soweit also der ganze Abschnitt. Ein Teil davon wird übrigens als Lesung bei unseren Trauungen zu Gehör gebracht. Aber das nur am Rande…

1. Jetzt hat Paulus diese Zeilen ja weder an Frau x, noch die Dame noch an mich gerichtet. Und er war sicherlich auch nicht in seinem Sinne, einen einzelnen Vers einfach so herauszureißen. Aber so ist die Tradition der Denksprüche eben. Deshalb sollte man Tatsächlich immer den ganzen Abschnitt lesen, um kein böses Erwachen zu haben…Paulus richtet seinen Brief an eine kleine Gemeinde in der heutigen Türkei. Kolossä liegt rund 170 km von Ephesus entfernt. Paulus kennt die Leute dort nicht (Kol 2,1). Er will denjenigen, der die Gemeinde geründet hat, Epaphras heißt er, in seiner Theologie unterstützen. Offensichtlich war man sich in einigen Hauptpunkten nicht einig und sogenannte Irrlehrer sind dort unterwegs. Die Gemeindeglieder dort sich früher v.a. Heiden gewesen. Also nicht vom Judentum konvertiert. Angezweifelt wurde dort nun, dass Jesus tatsächlich Gott und Mensch ist. Dass durch ihn bereist alles Nötige getan wurde, um Frieden zwischen Gott und uns Menschen zu schaffen. Die anderen Lehrer behaupten nun, man müsse bestimmte Essens- und Trinkensvorschriften einhalten. Und offensichtlich gab es auch damals Tendenzen, die wir heute als esoterisch bezeichnen würden.Paulus lehnt das alles natürlich ab. Für ihn steht Christus im Zentrums seines Denkens. Durch seinen Tod und durch unsere Taufe ist alles andere mehr oder weniger irrelevant.

2. Unseren Abschnitt beginnt er deshalb: Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht, was droben ist. Einfacher gesagt: Ihr seid getauft. Deshalb seid ihr Teil einer anderen Welt. Ihr gehört zu Christus und damit Teil einer anderen Werteordnung. Und das bedeutet etwas für euer ganzes Leben.Übrigens ist das ja bis heute so. Taufe bedeutet etwas. Im Grund ist das ein einschneidender Moment im Leben. Für uns hier ist das ein schönes Familienfest und eine Tradition – aus guten Gründen. Aber ob die Taufe uns allen wirklich so ein Grunddatum ist? Ich bin mir nicht sicher. Das macht ihr halt so, ist der Vorwurf vieler Freikirchen…In anderen Teilen dieser Welt hat Taufe sehr wohl Konsequenzen: Muslime, die sich hier taufen lassen, können nie wieder zurück in ihre Heimat. Es würde zumindest soziale Ächtung bedeuten. Getauft zu sein kann erhebliche Nachteile mit sich bringen (z.B. in China oder der Türkei). Getauft zu sein, kann einen das Leben kosten – daher die unzähligen Christen, die aus Syrien geflohen sind. Manche sprechen von einem neuen Exodus.Taufe ist und bedeutet also viel mehr als gschwind 3x Wasser auf die Stirn eines kleinen Kindes und ein nettes Familienfoto.Ob mein Konfirmator wohl daran gedacht hat? Ich vermute es. Immerhin ist die Konfirmation ja nichts anderen als die nachträgliche Bestätigung dessen, was in der Taufe passiert ist. Damals konnte man mich nicht fragen. Deshalb wurden meine Eltern und Paten gefragt – eine große Verantwortung.Deshalb bereiten wir uns mit unseren Jugendlichen auch fast ein Jahr vor auf diese einzige Frage: Wollt ihr weiter mit uns auf diesem Weg gehen? Könnt ihr diese Entscheidung, die andere damals für euch getroffen haben, mittragen? Auch da geht es um viel mehr als um das nette Familienfoto und das Fest.Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott, schreibt Paulus weiter. Denn das ist die Konsequenz unserer Taufe. Der Rest ist eigentlich nur noch die Erklärung. Sein Fazit für die die Leute in Kolossä und eben auch für mich: Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

3. Doch so einfach und lapidar will ich mich nicht davonschleichen. Zumal Paulus das auch nicht tut! Was also ist die Folge meines Getauftseins? An was wollte mein Konfirmator mich lebenslang erinnern? Getauft zu sein, bedeutet, so denkt es Paulus, eine andere Identität zu bekommen. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen, schreibt er im Galaterbrief (Gal 3,27). Als Zeichen dafür tragen die Täuflinge übrigens traditionellerweise ein helles Taufkleid. Martin Luther erklärt in seiner manchmal etwas drastischen Sprache: bei der Taufe wird der alte Mensch ersäuft im Taufwasser, der neue Mensch aufersteht mit Christus – ein neuer Mensch.

  • Getauft zu sein bedeutet ja nicht, dass man mir das ansieht. Es bedeutet: Ich habe eine andere Haltung. Das meint Paulus damit, das wir nach dem trachten sollen, was droben ist. Schon jetzt habe ich einen anderen Blick. Denn mit einem Bein stehen wir alle schon in Gottes Welt. Wir bewerten zum Beispiel den Wert eines Lebens gerade am Lebensanfang und -ende nicht ökonomisch. Wir wissen, dass Schöpfung etwas wertvolles ist und kennen genau den damit verbundenen Auftrag. Christen wissen mehr, sagte einmal ein Prediger (Theophil Askani).
  • Getauft zu sein bedeutet die Aufhebung von alten Barrieren. Barrieren oder Grenze im Blick auf Nationalität, sozialen Stand, Religion, Kultur usw. Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus. Das ist eine der Grunderfahrungen der frühen Christenheit, die prägend war uns Mission möglich gemacht hat. Ich fürchte nur, dass viele weiße Hardliner das vergessen haben… Sie verfehlen ihre eigene Taufe an einem wesentlichen Punkt…
  • Getauft zu sein bedeutet ein bisschen so zu werden wir Christus oder wie Gott (imitatio Dei). Wir ziehen ihn an und damit einige seiner Eigenschaften: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.
  • Und über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Einer der Hauptcharakterzüge, die uns auszeichnen sollte. Denken sie an die Schriftlesung heute oder an die Seligpreisungen, die wir als Psalm gebetet haben. Ja, ich höre ihren berechtigten Widerspruch – so sie ihn haben. Und nein, damit ist nicht gemeint, dass alles mit christlicher Harmoniesoße übergossen wird. Dinge müssen beim Namen genannt werden. Aber immer in dem Wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Person, die für Gott unendlich wertvoll ist und dem Werk, das manchmal auch völlig verfehlt sein kann.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Also genau aus diesem Antrieb heraus und auf dieser Basis. Klingt alles prima.

Doch zurecht fragt sich einer (Hermann Barth): „Sind wir das, was uns zugeschrieben und zugetraut wird, oder müssen wir es erst werden? Leben wir bereits die „weichen“ Tugenden: Freundlichkeit, Demut, Geduld, oder sind wir erst beim Lernen und Üben? Ertragen wir einer den andern, oder packen wir nicht einmal diese erste Stufe?“

Ich bin froh an diesem Denkspruch, den man erst einmal etwas hin- und herdrehen muss. Ich bin froh an dieser Verbindung von meiner Konfirmation zu meiner Taufe. Ich bin froh, dass mein alter Konfirmator diesen Anspruch mit auf den Weg gegeben hat. Als Leitschnur und Korrektiv. Natürlich hängt die Latte hoch: Das was droben ist. Aber ich glaube, wir haben die Chance, in alles hineinzuwachsen. Wir stehen zwar mit einem Bein in Gottes Welt. Hängen aber mit dem anderen teilweise völlig verdreht und gestrauchelt in dieser fest. Und doch ist auch mein Leben verborgen mit Christus in Gott. Das ist unauflöslich. Das ist aber auch kein Freifahrschein. Mühe geben sollte ich mir schon… Das wussten ja aber auch schon die Alten. Ganz früher, mit den 10 geboten und einem Propheten der mahnt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist! (Micha 6,8).

Was mir bleibt von meinem neuentdeckten Denkspruch, das habe ich ihnen gerade erzählt. Was ihnen bleibt, weiß ich nicht, Erzählen sie mir doch weiter ihren Geschichten. Was unseren Konfis bleibt, die Jahr für Jahr ihren Denkspruch aussuchen und sich zum Teil sehr viele Gedanken darüber machen, weiß ich auch nicht. Aber da bin ich gelassen. Vielleicht ist es ja so wie in dem Lied, das wir jetzt miteinander singen (EG 637): „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise; und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsre Welt.“

Amen.

 

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