Das Leben lässt sich nicht kontrollieren. Hiob 23

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

heute ist ein sehr ungewöhnlicher Predigttext dran. Er steht im Buch Hiob. Und er handelt von ungerechtem Unglück und einem Gott, der sich nicht finden lässt, und der eine verborgene, gefährliche Seite hat.

Aber hören Sie selbst:

Ich lese Hiob 23

Hiob antwortete und sprach:

2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. 3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! 4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen 5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. 6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. 7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter! 8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. 9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht.

10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. 11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab 12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir. 13 Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. 14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. 15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. 16 Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; 17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

Hiob fühlt sich ungerecht behandelt. Er hat immer alles richtig gemacht und jetzt hat er alles verloren, was er besessen hat und quält sich mit einer juckenden und schmerzenden Hautkrankheit herum. Seine Freunde sind zu Besuch gekommen, um ihn zu trösten. Und sie machen es gut. Sie sitzen erst einmal drei Tage und drei Nächte bei ihm ohne zu reden und zeigen ihm so ihr Mitgefühl. Aber dann vertreten sie die Meinung, Hiob habe etwas falsch gemacht und deshalb habe ihn das Unglück ereilt. Hiob aber besteht darauf, immer alle Gebote Gottes erfüllt zu haben und nicht schuldig zu sein. Und am Ende des Buches, als Gott erscheint, bestätigt Gott Hiobs Meinung. Er gibt ihm seinen Besitz zurück, heilt seine Krankheit und er lebt bis ans Ende seiner Tage glücklich und zufrieden. Das schreckliche Leid Hiobs ist also nur eine kurze Zeit in einem ansonsten sehr erfolgreichen, glücklichen und gottesfürchtigen Leben.

Vor dem Buch Hiob geht das Alte Testament von dem Tun-Ergehens-Zusammenhang aus. Schlechten Menschen geschehen schlimme Dinge als Strafe für ihre Bosheit und gute Menschen werden für ihr gutes Handeln belohnt. So hat Gott die Welt geordnet.

Dem Autor des Buches Hiob ist aufgefallen, dass diese Theorie nicht mit seinen Erfahrungen zusammen stimmt. Er setzt sich mit der Beobachtung auseinander, dass schlimme Dinge auch guten Menschen geschehen und er fragt sich: Wo ist Gott? Ist Gott vielleicht ungerecht?

Hiob antwortet auf seine Freunde: Gott hat mir das angetan, obwohl ich nichts Böses getan habe. Ich würde mich gerne selbst bei Gott beklagen, aber ich kann ihn nicht finden. Gott ist schrecklich und sein Handeln unverständlich.

Das Buch Hiob stellt also die Frage, ob sich Gutes Tun wirklich lohnt und ob wir Gottes Handeln verstehen können? Es fragt sich: Warum ist Gott oft so weit weg? Und die Moderne hat die Frage ergänzt: Wenn so viel Schlimmes auf der Welt geschieht, wo ist dann Gott? Um: Gibt es Gott überhaupt?

Also einigen wir uns mit Hiob darauf: Gottes Handeln ist für uns unverständlich und einfach zu groß und schrecklich und manchmal ungerecht.

Oder wir einigen uns mit der Aufklärung darauf: Dass Gott so viel Schlimmes zulässt, heißt entweder es gibt ihn nicht oder er hat keine Macht, seinen Willen durchzusetzen oder er ist ungerecht.

Wenn wir uns auf abstraktes Denken begrenzen, dann ist das eine notwendige Konsequenz. Aber wir denken nicht einfach nur darüber nach, wie es möglich ist, dass Gott furchtbare Zustände zulässt. Wir leben ein Leben, in dem wir in Krisen geraten. Manche von uns leben mit dauernden Schmerzen. Und manchmal geht es uns einfach schlecht und wir sind sehr unglücklich. Das Leben hat dunkle Seiten für jeden von uns. Zumindest habe ich noch niemanden getroffen, dem es immer nur gut ging.

Offensichtlich ist unsere Welt kein Ponyhof und kein Vergnügungspark. Und wenn es Gott gibt, dann hat Gott eine Welt geschaffen, die auch tragisch und leidvoll ist.

Also was fangen wir für unser Selbstverständnis und unser Weltverhältnis mit Hiobs Aussagen an?

  1. Wenn mich ein Unglück trifft, dann bin ich wie Hiob möglicherweise nicht daran schuld. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Viele Leute quälen sich außer mit ihren Krankheiten auch noch mit Schuldgefühlen herum. Hätte ich doch gesünder gegessen und mehr Sport gemacht. Hätte ich vernünftiger gelebt? Das macht die Sache nicht besser. Sicher ist es gut, sich gesundheitsbewusst zu verhalten. Aber das führt nicht unbedingt zu einem langen gesunden Leben. Einen Herzinfarkt kann man auch bekommen, wenn man vernünftig isst und die richtige Menge Sport macht. Manchmal hat man einfach Pech oder die falschen Gene geerbt. Aber daran sind auch nicht die Eltern schuld. Auch perfektes Verhalten führt nicht automatisch zu einem perfekten und gesunden Leben. Mit dieser Unsicherheit müssen wir klar kommen.
  2. Gott ist manchmal weit weg und keine große Hilfe. Diese Erfahrung machen alle, die glauben. Auch damit müssen wir zurecht kommen. Gottes Hilfe trifft uns nicht automatisch, auch nicht dann, wenn wir alles richtig gemacht haben. Gott ist unverfügbar und manchmal verstehen wir Gott gar nicht. Und gleichzeitig machen viele die Erfahrung, wenn sie Hilfe brauchen, dass Gott ihnen hilft. Sie werden getröstet, indem sie von warmem Licht eingehüllt werden und sich geliebt und sicher fühlen. Das gibt es auch. Aber nicht unbedingt immer dann, wenn wir es bräuchten. Und manchmal machen wir so eine stärkende Gotteserfahrung, obwohl wir es versiebt haben und offensichtlich an unserer Misere selbst schuld sind.
  3. Wir können das Leben nicht in stimmige Theorien packen. Und wir können nicht kontrollieren, was uns geschieht. Wir müssen mit Unsicherheiten leben, denn hier auf dieser Welt leben wir im Glauben und nicht im Schauen. Es ist sinnvoll zu vertrauen, auch wenn das Vertrauen nicht immer belohnt wird. Weil Gott Leid zulässt, heißt das weder, dass es Gott gibt noch dass es Gott nicht gibt. Es heißt lediglich, dass wir Gott nicht vollständig verstehen können und erst recht nicht kontrollieren können, weder mit gutem Glauben noch mit guten Werken.

Also könnten Sie jetzt sagen: Warum nicht aus der Kirche austreten, warum sich überhaupt um Gott kümmern? Warum nicht das Leben genießen solange es nett ist und uns dann schnell und schmerzlos umbringen?

Ich kenne Leute, die mit dieser Philosophie leben, und viele von ihnen wirken auf mich verzweifelt. Und viele fangen an, einen Sinn zu suchen, wenn sie in eine Krise geraten.

Ich glaube, wir Menschen sind auf Gott hin geschaffen, wie unverständlich und ungerecht Gott auch erscheinen mag. Und ich glaube, dass es uns am Ende gehen wird wie Hiob. Als Gott nämlich Hiob erscheint, hört Hiob auf zu klagen. Und er hört auch auf, Gott anzuklagen. Nicht weil er eine befriedigende Antwort auf seine Fragen gefunden hat, sondern weil er die Nähe Gottes erlebt hat. Und das ändert alles. Vertrauen zu Gott wächst wieder trotz der bitteren Enttäuschung. Und darauf kommt es am Ende an. Auf das Vertrauen, das wir nicht selbst herstellen können, sondern dass uns geschenkt wird. Bitten wir um dieses Vertrauen und hoffen, dass Gott uns seine Nähe schenken wird.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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