Vom Trennen und Verbinden (Markus 12, 28-34)

Ein bisschen mutet das Frage- und Antwortspiel wie Konfirmandenunterricht für Fortgeschrittene an: Es wird nach Geboten und Glaubensbekenntnis gefragt, die richtigen Sätze werden zitiert und am Ende wird gelobt: „alles richtig, du hast die Prüfung bestanden.“ Auch unserer Erwartungen an die Themen, die vorkommen sollen, sind erfüllt. Nur die Rollenverteilung ist ungewöhnlich. Nicht Jesus fragt, sondern der Schriftgelehrte. Nicht Jesus prüft, sondern er wird geprüft. Aber die Antworten kommen schnell und präzise. Das unterscheidet uns wohl. 

Wie war das bei uns mit dem Auswendiglernen der Glaubenssätze? Regelmäßiger Gottesdienstbesuch erleichtert das Lernen, denn Übung und Wiederholung macht den Meister. Aber sperrig und schwer bleiben die Worte dennoch. Deshalb ist es wohl so mühsam. Vorgegebenes wird auswendig gelernt, nachgebetet, manchmal auch heruntergeleiert in einer Sprache, die wir im Alltag nicht sprechen:

Wer hat schon einen eingeborenen Sohn, wen wundert, dass pubertierende Jugendliche bei der Jungfrau grinsen und bei dem Abstieg ins Reich des Todes hilflos mit den Schultern zucken? …Es sind nicht unsere Worte, es ist nicht automatisch unser Bekenntnis, es muss erst dazu werden und manchmal ist ein Leben dafür nicht lang genug.

Am Anfang allen Glaubens steht nicht das Wissen oder Erlernen, sondern eine Erfahrung, ein Staunen, ein Wundern oder ein Geistesblitz: Jesus ist der HERR! Jesus ist der Christus! 

Das waren die ersten christlichen Glaubensbekenntnisse, gleich mit einer konkreten Erwartung oder Bitte verbunden: 

dann hilf, 

dann zeige deine Macht, 

dann erbarme dich über uns – 

kyrie eleison, christe eleison, kyrie eleison…

Und das hatte auch schnell seinen Preis: jeder wusste nicht nur, wo er hingehört, sondern auch welches  Tischtuch nun  zerschnitten schien.

An Jesus und dem Bekenntnis zu ihm schieden sich die Geister. Der Glaube trennte, statt zu vereinen. Er trennte die Jesusanhänger im Gottesvolk von denen, die in ihm nicht den Messias sehen konnten, später trennte er die Christen von den Heiden, was für viele gleichbedeutend mit den Ungläubigen war, er trennte aber auch Christen von Christen, denn sie zerstritten sich an der Wahrheitsfrage, die ihrer Meinung nach keinen Spielraum für Toleranz oder gar Verschiedenheit ließ.

Der Glaube hatte seinen Preis, nicht nur im ersten und zweiten Jahrhundert in der Zeit der Christenverfolgung – auch für die, die in der Schule das Kugelkreuz der Jungen Gemeinde trugen, nur zur Konfirmation und nicht zur Jugendweihe gingen, ihre Kinder trotz allem Spott in die Christenlehre schickte.

Intellektuelle Kreisen hielten oder halten Christen dem vermeintlichen Gotteswahn verfallen, womit ihnen nicht mehr zu helfen sei oder sie  unterstellen ihnen, ihre intellektuelle Redlichkeit abgegeben zu haben, bestenfalls freundlich belächelt: wenn ihr das noch braucht und es euch hilft.

Aber der Glaube drückt sich erstaunlicherweise in solchen Situationen klarer und deutlicher aus, er wird wirklich Bekenntnis, denn er kostet Überzeugung. Jedes überzeugende Glaubensbekenntnis ist einem Kampf erwachsen.Und dann stärkt es die Verbindung untereinander, weil alle enger zusammenrücken und zusammenhalten. 

Der Glaube grenzt aber auch nach außen deutlich ab.  Er will einen geschützten Raum schaffen oder errichtet schwer überwindbare Mauern.

In vielen Gesprächen über den Glauben heute geht es nicht gleich um mutige Entscheidungen und klare Worte, sondern erst einmal um die grundsätzliche Klärung: glaube ich überhaupt noch etwas und wenn ja, dann was oder an wen und da sind viele ziemlich allein unterwegs, was es schwer macht ein gemeinsames Bekenntnis zu finden, in das ich einstimmen und mit dem ich mit anderen verbünden kann. Ich glaube nicht, was andere mir überliefert habe. Ich glaube, was mir gefällt, mich überzeugt oder mir gut tut. Und dazu benötige ich eigentlich nicht die Hilfe anderer. Der Glaube ist für die meisten Zeitgenossen etwas sehr persönliches und individuelles. Und das ist gut und ein Trugschluss zugleich. Denn der Glaube ist mehr als nur eine Privatmeinung. Es geht mit ihm um Leben und Tod, um Anfang und Ende, um Lüge und Wahrheit, um Zeit und Ewigkeit und – jetzt benutze ich die Worte Jesu – es geht um das Reich Gottes, es geht um Gottes Gott-Sein, um seine Herrschaft und seine Macht. Friedrich Nietzsche erzählt vom tollen Menschen, der mit der Laterne am hellichten Tag Gott sucht und verzweifelt ausruft:“Wohin ist Gott?“, rief er, „Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, ihr und Ich“  – nicht mit Messern oder Gewehren, sondern mit Gleichgültigkeit und Vergesslichkeit. Und jetzt müssen wie beim tollen Menschen Laternen am Vormittag entzündet werden, weil keinem mehr wirklich ein Licht aufgeht. Es geht wahrhaft um Gottes Gott-Sein oder um seinen Tod, wenn wir ihn nicht mehr an unserem Leben teilhaben lassen, ihn abhängig machen von unseren Privatmeinungen.

Klare Worte, deutliche Entscheidungen, eindeutige Positionen des Glaubens sind nach meiner Überzeugung nötiger denn je. Schweigen ist keine Alternative, sondern Bekenntnisse, die einen tragenden Grund und eine Grenzen sprengende Perspektive habe: es gibt nur einen Gott. Daraus haben unsere Väter und Mütter geschlossen, dass ich keine Nation und keine Rasse vergöttern kann, dass ich den Glauben nur universell leben und alle Menschen im Lichte der Liebe Gottes wahrnehmen kann. Gottesliebe, also die Liebe, die auf sein JA zum Menschen antwortet, spricht die Sprache der Nächstenliebe, und der Nächste ist bekanntermaßen nicht der, der mir nahesteht, sondern der mir vor die Füße fällt oder meinen Weg kreuzt, ohne dass ich es mir aussuche. Nächstenliebe kennt deswegen nur Begrüßungs- und keine Abschiebekultur.

Der Glaube spricht eine klare Sprache, er kann deswegen auf Herz und Nieren geprüft werden und prüfen. 

Er verwirft öfter mal Haltungen und Einstellung in eindeutiger und konsequenter Weise. Er grenzt ab, aber er grenzt nicht aus.

Auch wir Christen haben lange gebraucht, um das zu lernen und wir üben uns noch darin, zu entdecken, wie ein Glaubensbekenntnis Gemeinsamkeiten aufzeigen kann, wo wir eigentlich nur trennendes sehen. Die christlichen Konfessionen haben begriffen, dass sie viel verbindet und nur weniges wirklich getrennt. Denn sie teilen die drei großen altkirchlichen Glaubensbekenntnisse. Und der Israelsonntag wird heute nicht mehr als triumphaler Abgrenzungstag vom jüdischen Volk verstanden, sondern als ernsthafter Busstag. Wir Christen haben verleugnet, dass Jesus ein Kind Abrahams, Isaaks und Jakobs war, dass sein Gott, den wir als himmlischen Vater anrufen, der Gott der Väter, der Gott der hebräischen Bibel ist und dass Gott treu zu seiner Verheißung und zu seinem Volk steht. Auch wenn uns das Bekenntnis zu Jesus trennt, so verbindet uns der Glaube Jesu.

Jesus bekennt ihn mit den Worten Israels: Höre Israel, der HERR unser Gott, ist der HERR allein… und eigentlich heißt es ebenso: der Herr unser Gott, ist einer.

Gott ist einer

Gott ist HERR

Und so benutzen wir fremde Worte, sprechen sie aus mit allen Konsequenzen, obwohl es nicht unsere Worte sind, nicht  unsere Väter und Mütter waren, die so sprachen und sangen, weil dieser Gott sie aus der Gefangenschaft geführt hat. Wir benutzen diese Worte, weil auch wir hoffen, dass Gott sich als HERR erweist, der Menschen aus ihren Gefangenschaften und Verblendungen, von Tod und Hass, befreit, die Nöte und die Schreie der Menschen erhört und die Verheißung des Landes voller Milch und Honig für alle einmal wahr wird.

Das Bekenntnis zum Gott Israels hat wieder seinen Preis und das das Entsetzen darüber ist viel zu leise. Es wird abgeraten, in manchen Stadtquartieren Berlins eine Kippa zu tragen, der Davidsstern wird manchen vom Hals gerissen, Antisemitismus ist immer noch mächtig in den Köpfen und Herzen so vieler Menschen. Wo sind wir hingeraten? Der Glaube an den einen Gott und die Liebe zu den Menschen wollen doch verbinden, versöhnen, alte Wunden heilen, Mut machen Schuld einzuräumen und Vergebung zu ermöglichen, ohne das Vergessen wird.

Der Glaube spricht eine klare Sprache, er grenzt ab, aber nicht aus.

Er verwirft Gewalt gegen Andersgläubige und macht Mut das verbindende zu entdecken. Christen und Juden sind um Gottes willen Geschwister und wir können nicht glauben, ohne uns zur Treue Gottes zu seinem Volk zu bekennen.

Der Glaube grenzt sich von Gewalt ab, von Gewalt, die politisch und religiös legitimiert wird. Wenn Gott HERR ist, dann hat menschliche Macht nur dienende Funktion und respektiert das Leben.

Wir erheben unsere Stimmen für Christen, die um ihres Glaubens verfolgt werden, für Juden, die als solche mit dem alltäglichen Hass und der Todesdrohung leben müssen, treten aber auch dafür ein, das Muslime ihren Glauben leben dürfen, wenn er von der gleichen Demut und Toleranz getragen ist. Der Koran beginnt mit den Worten: „im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen“

Christen und Juden bekennen Gott und sagen: barmherzig und gnädig ist er, geduldig und von großer Güte.

Kann aufrichtig bekannter Glaube nicht auch Gemeinsamkeiten aufdecken?

Das Reich Gottes kann nicht auf Streit oder Gewalt aufbauen, sondern erwächst aus Gottes- und Nächstenliebe. Und dem dient auch das Gespräch zwischen den Religionen: Christen und Juden, Christen und Muslime, aber auch Muslime und Juden. 

Gemeinsam können wir die Friedenskraft des Glaubens entdecken.   Amen

drucken