Eine kurze Prioritätenliste

(Dieser Predigt ist in weiten Teilen durch eine Predigt zur gleichen Textstelle von Wilfried Engemann beeinflusst:
„Eigentlich bin ich ganz anders – nur komm’ ich so selten dazu! Über Selbstvergessenheit und Selbstliebe.“)

Das Wichtigste ist das Verständnis. Und natürlich die Empathie.
Es ist kurz vor halb acht morgens. Wir müssen jetzt los, sonst kommen wir zu spät. Beinahe jeden Morgen muss ich die Kinder antreiben, weil sie quengeln und nerven, bummeln und streiten, und eben nicht das machen, was sie sollen: Sich einfach nur fertig machen für die Schule, also Haare kämmen, Jacken an, Ranzen packen. Ich möchte ausflippen, jeden Tag das gleiche Theater.
Dabei bin ich ja eigentlich ganz anders. Ich atme tief durch. Es wird schon gehen.
Eigentlich bin ja ganz anders, darum geht es auch im Predigttext:

[TEXT]

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur viel zu selten dazu.“
In diesem Bonmot des Schriftstellers Ödön von Horváth steckt schon viel von der Ahnung eines anderen Lebens, das unter der schweren Last des Alltags nicht immer eine Chance hat: Jeden Morgen an die Arbeit und davor die Kinder tagfertig machen, noch schnell die Waschmaschine anstellen, nach der Arbeit Einkaufen gehen und die kranke Oma versorgen und immer wieder an den Schalter, in die Sitzung – und dann abends auf der Couch mit dem Handy, von dem man ein Teil wird, so wie man seinen Bildschirm berührt. Das gelingt an manchen Tagen gut, an anderen Tagen eben nicht.
Und in diesem, bisweilen langweiligen, Rhythmus ungeliebter Wiederholungen geht die oft geforderte Beinfreiheit verloren. Berufe, Ämter, Funktionen, Familie – all das legt uns fest. Und auch wenn diese Dinge nur einen kleinen Teil von dem abbilden, was wir sind, vom dem, was auch sonst noch in uns steckt, dieser kleine Teil be­stimmt zu einem großen Teil unser Leben.
Naja, eigentlich bin ich ganz anders…

Hat Ödön von Horvarth in seinem kleinen Satz also ein bisschen sowas wie Aufbegehren gegen die Verengung der Wege unseres Lebens versteckt? Immerhin hängt unser Wohlergehen im Leben ja auch davon ab, dass wir sagen können: Eigentlich passt dieser Be­ruf, dieser Job, meine Art zu leben ganz gut zu dem Menschen, der ich bin.
Mehr als traurig wäre es, wenn wir unserer Eigentlichkeit etwa nur dann begegnen würden, wenn wir den Alltag durchbrechen. Etwa in den Ferien.
Also: Natürlich kann ich anders. Und andere wahrscheinlich auch. Darum finde ich den Predigttext auch so erfrischend aktuell. Denn eigentlich bin ich ja wirklich ganz anders: Ich kann ganz gut zuhören, bin nach Bekunden meiner Frau auch hin und wieder empathisch und Verständnis habe ich natürlich auch.

Und darum geht’s doch heute.
Und ums richtige Zuhören.
Und um die Liebe.
So wie bei Jesus. Wunderbar, dieser Mann! Wie er sich dem fragenden Schriftgelehrten nicht verschließt, sondern zuhört. Man stelle sich vor, das wäre der Standard jeder zwischenmenschlicher Begegnung, eine DIN-Norm fürs Miteinander: Zuhören und verstehen wollen. Nicht schon, wie so oft sonst, mein klar sortiertes Welt- und Menschenbild parat, im Meeting nicht schon gleich so zuhören, als ob man eh schon alle Antworten wüsste.

Und ja, eigentlich bin ganz anders. Eigentlich träume ich auch davon, offen zu sein, nicht schon fertig mit meinem Urteil, sondern bereit, mich auf Neues einzulassen. Auch auf Fragen, die mich fordern. Auch wenn mir das nicht immer passt, weil genau diese Frage mein festes Bild ins Wanken bringen könnten.
Wie schade wäre es, wenn dieses „eigentlich“ mein Leben weiter bestimmt, wenn ich nur in besonderen Momenten mein volles Potenzial als Mensch entfalten könnte?

Für Jesus gehört die Tatsache der Annahme und des Zuhörens unbedingt in den Werkzeugkasten des Christentums. Und natürlich: Die Liebe! Denn die steht für ihn im Mittelpunkt und weil dem so ist, bringt er diese Lebensweisheit auch so gerne und oft unters Volk.
Und kaum, dass sich ein Schriftgelehrter ein Herz fasst und Jesus fragt: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ antwortet Jesus ihm: „Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5.Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

Nun ist der fragende Pharisäer eigentlich bestens ausgerüstet. Er weiß von  613 Ge- und Verboten, die sein Leben regeln sollen. Er weiß, was zu tun ist.
Und diesem so gut ausgebildeten Mann wird nun ein einziger Grundsatz ans Herz gelegt, weil dieser so schlicht und ergreifend seinem menschlichen Wesen entspricht; so wie er auch unserem Wesen entspricht.
Und er stimmt der Antwort Jesu sofort zu.
Kein Murren, kein Raunen, kein Aufbegehren.
Müsste er Jesus, nach all dem was wir kennen, nicht widersprechen?
Ich glaube, der Schriftgelehrte tut genau das nicht, weil er erkennt, dass Gott etwas von ihm erwartet, was ihm durchaus liegt. Etwas, das er als Mensch gar nicht so schlecht kann: Lieben, sich seinem Nächsten zuwenden, sein Leben mit anderen teilen.
Die Liebe steht also an erster Stelle. Und ich hoffe, dass jede und jeder hier diese Erfahrung gemacht hat oder noch machen darf: Das Gefühl von geschenkter und gewährter Liebe. Es ist sogar wissenschaftlich bewiesen, dass allein die Aussicht auf Lieben und geliebt werden, das diese Erfahrung, eine der stärksten Motivationen des Men­schen ist.

Und auch deswegen klingt der Predigttext so frisch, denn daran sollte in einer Zeit, in der Menschen alles Mögliche tun, um andere Menschen zu beeindrucken und Anerkennung zu erfahren, in einer Zeit, in der die Grenzen des guten Geschmacks fast täglich verschoben werden, in der Menschen für die Aussicht auf etwas Ruhm und Bekanntheit durchaus bereit sind ihre eigenen (Scham-)Grenzen zu ignorieren und die Kommentarspalten quellen über vor Häme und Hass, in so einer Zeit muss daran erinnert werden, dass es da etwas gibt, das diesen Teufelskreis durchbricht. Natürlich die Liebe, von der im Doppelgebot die Rede ist und die drei Seiten hat: Liebe Gott, liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst.

Es ist nur eine kurze Prioritätenliste, die Jesus hier aufstellt. Das macht es einfacher zu überprüfen, ob das, was wir tagein, tagaus zu Hause, am Schreibtisch, in der Schule oder am Krankenbett tun zu dem passt, wie wir eigentlich leben wollen. Ob unsere Art des Um­gangs mit uns selbst und mit anderen in unseren Beziehungen auch wirklich zur Geltung kommt.
Und damit man das im Alltag gut anwenden kann, ist es auch nur eine kurze Prioritätenliste.
Liebe Gott, liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst.
Amen.

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