Von Ergreifendem und dem Ergreifenden

Liebe Gemeinde,

wenn meine Frau und ich an einem uns längst und gut vertrauten Ort sind, wo wir uns ganz besonders wohl fühlen, dann sage oder denke ich ganz gerne scherzhaft: Ich glaube, dass ich in einem früheren Leben einmal hier gelebt habe. Ich liebe alle diese Wege und Winkel, Ambiente und Anmut, Gassen und Giebel, Häuser und Höfe mehr als andere, das alles hat etwas und ist besonders. Es gibt übrigens, das habe ich gerade zufällig entdeckt, Scharlatane und Scharlataninnen, die sich Rückführungstherapeuten / -innen nennen und die alle Sorten von Beschwerden und Schmerzen auf Deformierungen und Unausgegorenes in früheren Leben zurückführen und die selbstverständlich anbieten, gegen Cash, gegen viel Cash all das weg zu therapieren. Ich halte das – offen gesagt – für einen riesen Unfug. Außer dem Ersparten wird da nach meiner festen Überzeugung nämlich nichts wegtherapiert. Aber darum soll es auch nicht gehen. Diese sogenannten Therapeuten meinen das – im Unterschied zu mir, wenn ich vom früheren Leben rede – jedenfalls bitter ernst. Ganz auf der scherzhaften Linie bleibend, phantasiere ich manchmal auch in die entgegengesetzte Richtung. Wenn ich auf einem Amt anrufe (das kann durchaus auch das Kirchenamt / Oberkirchenrat sein) und erfahre: die Sachbearbeiterin ist gerade zur Kur, ihr Kollege im Haus unterwegs, die Vertreterin in einer „Besprechung“, der Auszubildende sei heute früher heimgegangen und der leibhaftige Mensch, den ich glücklicherweise an Telefon bekommen habe, sei nur rein zufällig gerade im Zimmer gewesen, aber überhaupt nicht zuständig und auch in keiner Weise mit dem Vorgang befasst und vertraut. In so einer Situation denke ich – wahrscheinlich um meine Nerven zu beruhigen und völlig unernst: In meinem nächsten Leben werde ich Verwaltungsmensch – man kann seine Tage schließlich auch stressfrei und entschleunigt zubringen und relaxed und entspannt abends nach Hause kommen. Wie gesagt, das ist alles nicht wirklich ernst gemeint. Jedenfalls geht es um Kontraste: Früheres Leben – jetziges Leben; jetziges Leben – künftiges Leben. Dazwischen liegt ein heftiger Cut, eine knackige Wende, die Entscheidendes verändert. So ein Cut kann allerdings auch innerhalb ein und desselben Lebens geschehen. Gert Bastian ist so ein Beispiel. Er macht Karriere in der Bundeswehr, wird General und Kommandeur der 12. Panzerdivision, leitet Ende der 70er Jahre noch Manöver bei denen der Einsatz von Atomwaffen geübt wird… … und dann steigt er aus. Heuert bei den Grünen an, wird Bundestagsabgeordneter… und einer der prominentesten Friedensaktivisten der 80er Jahre. Vom kommandierenden General zum Pazifisten. Ein anderes Beispiel ist Karlheinz Böhm. Er wird vom gefeierten Schauspielstar zum weltberühmten Kämpfer gegen Not, Ungerechtigkeit und Benachteiligung der Menschen/Frauen im östlichen Afrika. Wer kennt nicht die von ihm gegründete Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“?

Umgedrehte Leben. Leben, die an einem bestimmten Punkt abrupt in eine andere Richtung gehen. Ursachen dafür können eine Frau oder ein Mann sein, ein Buch oder wie im Fall von Karlheinz Böhm eine Reise sein. Ursache kann aber auch Gott sein. Oder wie bei Paulus (der damals noch Saulus hieß), dem Autor unseres heutigen Textes, der auferstandene Christus. Er, Christus, hat ihn umgedreht. Der Auferstandene hat sich den schärfsten und effektivsten Verfolger der Christusanhänger regelrecht vorgeknöpft und kurz vor Damaskus aus Latschen und Sattel gekippt. Genau davon erzählt unser heutiges Bibelwort. V 7: „Was mir Gewinn war, habe ich durch Christus als Schaden erachtet.“ Eine andere Bibelübersetzung formuliert es so: „Aber seit ich Christus kenne, ist für mich alles wertlos, was ich früher für so wichtig gehalten habe.“ Es lassen sich auch die Gegensatzpaare Gewinn – Verlust sowie Vorteil – Nachteil in Übersetzungen finden. Es geht also um Wichtiges und Nichtiges – und insbesondere darum, dass das eine zum anderen wird. Wenn Jesus Christus ins Leben kommt und in mein Wertesystem, in meine Lebensform und Denken, Fühlen und Handeln, dann kann bisher Wichtiges nichtig und Nichtiges wichtig werden. Wie ein Vorzeichenwechsel in der Mathematik oder die Schubumkehr beim landenden Flugzeug. Überlegen wir doch einfach mal kurz und machen jeder/jede in Gedanken eine Liste mit den drei besonders wichtigen, wertvollen, schönen, unverzichtbaren Dingen im Leben. Und alles würde plötzlich nichtig und wertlos. Die Aktien zu wertlosem Papiermüll, meine liebe Frau / bzw. mein lieber Mann würde mit meinem besten Freund / Freundin durchbrennen, die Diamanten im Tresor würden sich in „Dreck“ verwandeln. Paulus spricht übrigens von „Dreck“ – wenn man den meisten Übersetzungen von Vers 8 glaubt: „Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne. Es lassen sich statt „Dreck“ auch die Begriffe „Müll“ und „Unrat“ finden. Allesamt gehen sie jedoch der drastischen Sprache, die Paulus hier verwendet, aus dem Weg. Paulus gebraucht den griechischen Begriff „skybala“. Wenn ich das mit „Müll“, „Unrat“ oder selbst mit „Dreck“ übersetze, dann ist das ähnlich untertrieben, wie wenn ich einen Massenmörder als Ganoven bezeichnen würde. „Skybala“ kann ohne weiteres mit dem im Deutschen am häufigsten gebrauchten Begriff aus der Fäkalsprache übersetzt werden. Sie wissen, was ich meine…

Jetzt ließe sich trefflich lospoltern à la Zeltmission von vor Jahrzehnten: „Dein ganzes Leben bis zu diesem Augenblick ist schmutzig, falsch und wie ein übler Dreck; darum bekehre dich, komm nach vorne und übergib dein Leben Jesus…“ – das könnte man, es wäre aber falsch. Es würde ja nur zutreffen, wenn wir alle, jede und jeder von uns Blut an den Händen hätten und als Lieblings- und Hauptbeschäftigung Christenverfolgung auf dem Zettel stehen hätten. – Aber so ist das ja nicht – Gott sei Dank! Paulus hat in seinem früheren Leben als Saulus jedoch hat nichts anders getan als an vorderster Front Christinnen und Christen zu hetzen, aufzuspüren, unter Druck zu setzen und unter Umständen sogar zu töten. Deshalb – und nur deshalb bezeichnet er sein früheres Leben als Kloake. Was also will uns dieser Text sagen – heute sagen? Was ist unsere Kloake, was sind unsere Kloaken? Sehr auffällig finde ich, dass Paulus in zwei Versen hintereinander und ohne dass das so direkt in der Luft liegen würde, auf Auferstehung zu sprechen kommt, Vers 10 und 11: 10 „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehungund die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden“, 11 „damit ich gelange zur Auferstehungvon den Toten“. Die Auferstehung und der Glaube daran sind so etwas wie Ziel und Höhepunkt des christlichen Glaubens. Endpunkt auch des Glaubensbekenntnisses: „…ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben!“ Um auf meine Frage von eben zurückzukommen: Ich vermute, dass unser Verhältnis, unsere Einstellung zur Auferstehung eine große Kloake ist (glauben Sie mir, wenn ich mich täuschen würde, wäre mir das die größte Freude!!!). Sicher, wir sprechen das entsprechende Bekenntnis – je nach dem wie oft wir im Gottesdienst sind – mehr oder weniger oft. Aber wie weit geht unser Glaube daran über unser Lippenbekenntnis hinaus? Natürlich kann uns ein österlicher Gottesdienst oder gar eine Osternachtfeier irgendwie anrühren. Aber sonst? Wie ist es im normalen Lebensalltag? Wofür und wie sorgen wir vor? Machen wir doch mal in Gedanken unsere Schränke Vitrinen auf, gehen hoch in unsere Speicher und runter in unsere Keller. Öffnen Tresore, Schatullen, Sparbücher und Onlinebanking. Wofür sorgen wir vor? Haben wir wirklich vor Augen, dass für uns allerbestens, ja premiummäßig vorgesorgt ist? Durch Jesu Auferstehung, die der Präzedenzfall ist und unsere Auferstehung einst Realität werden lässt.

Mindestens als wohltuend und ganz und gar nicht zeltmissionsmäßig empfinde ich, dass Paulus hier so geerdet auftritt und schreibt, sich als Mensch wie Du / Sie und ich gibt. Es mag vielleicht ein wenig damit zusammenhängen, dass Philippi als seine Lieblingsgemeinde gilt. So wird es bibelwissenschaftlich jedenfalls gerne genannt, denn ausschließlich von den Philippern nimmt er finanzielle Unterstützung an. Zu diesem geerdeten Auftreten gehört jedenfalls, dass er nicht als Superapostel oder Oberheiliger auftritt, sondern als Mensch mit glaubensmäßiger Luft nach oben, als Suchender und auf dem Weg Befindlicher und nicht schon am Ziel Seiender – glaubensmäßig. Er schreibt: 12 „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ Für mich gehört das zu den schönsten Aussagen: „…weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“. An unserem Tun, Ergreifen, Bemühen und Studieren hängt unser Verhältnis zu Christus nicht im Geringsten, sondern es ist Jesus Christus völlig exklusiv, wenn ich mich zu Gott halten kann. Wir sind von ihm, von Christus ergriffen. Christus ergreift uns – nicht wir ihn. Das ist ja auch die Botschaft zu der Taufe heute von der kleinen Emely. Mit der Taufe wird sie von Christus ergriffen und ihr Leben soll geprägt sein vom Bemühen, das was da heute geschehen ist zu begreifen und zu ergreifen – lebenslang und in aller Demut, wie Paulus: 13 „Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist.“ Dies ist die Blickrichtung von Christen: nach vorne. Das meint natürlich nicht Weltflucht, sondern Grundorientierung. „Unsere Heimat ist im Himmel“ sagt Paulus nur 6 Verse später. Das ist dann das Letzte. Jetzt leben wir noch im Vorletzten – das sollte uns stets bewusst bleiben. Diese Welt ist das Vorletzte – und genau so sollten wir in ihr leben und mit den Dingen dieser Welt umgehen. Auf Facebook habe ich gerade vor wenigen Tagen folgendes gelesen:

Weißt du eigentlich, warum die Frontscheibe bei deinem Auto so groß ist und der Rückspiegel so klein? Weil die Vergangenheit nicht so wichtig ist wie deine Zukunft! Für Christinnen und Christen gilt das ganz besonders ausdrücklich – Amen.

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