Ich wünsche dir – ich wünsche mir… (Phil 3, 7-14)

Wer bekommt schon gerne ein Mikrofon vor die Nase gehalten, um spontan schwierige Fragen zu antworten wie: worauf kommt es dir in deinem Leben wirklich an?

Da muss ich zumindest erst einmal gründlich nachdenken – und im Laufe des Lebens wandeln sich die Antworten mit Sicherheit !

Typische Antwort bei einem Geburtstagsbesuch auf die gutgemeinten Glückwünsche und Wünsche überhaupt: vor allem Gesundheit.

Wenn ich im Leben so ziemlich alles erreicht habe oder aber zumindest die meisten Chancen hinter mir liegen, dann bekommt die Gesundheit, über die ich nicht verfüge, weil sie ein Geschenk ist, das ich jederzeit verlieren kann, ein besonderes Gewicht. Ob ich die einfach „sausen“ lassen möchte für was auch immer, weiß ich nicht so genau!

Als Jugendliche haben wir uns darüber wohl nicht so sehr Gedanken gemacht, jedenfalls wir in einer Generation, für die Erinnerungen an den Krieg Erinnerungen aus der Vergangenheit waren. So geht es jungen Menschen (zu Recht und glücklicherweise) bis heute.

Aber sie haben klare Vorstellungen und Werte. Da spüren wir gerade  einen deutlichen Umschwung.

Noch vor ein oder zwei Jahren standen persönliche und private Ziele deutlich im Mittelpunkt: Gute Freunde, Partner, Eigenverantwortung,, Ausbildung; Freude und Spaß am Leben, Familie, persönliche und materielle Freiheiten, aber auch Vielfalt und Abwechslung standen in einer Studie des Bundesumweltministeriums hoch im Kurs. Manches mag sehr individualistisch klingen, aber es ist nicht nur egoistisch und materialistisch, es ist mehr, es ist auch Ausdruck einer Suche nach Sinn und Tiefe im Leben. Und es ist unsere Aufgabe junge Menschenbei dieser Suche nicht allein zu lassen!

Ein bisschen hat sich das Stimmungsbild in den letztem Monaten dennoch verändert. Ich erlebe stärker eine engagierte und politisierte Jugend, die nicht nur auf ihre Bedürfnisse achtet, sondern grundsätzlich fragt: haben wir überhaupt noch eine Chance, unsere Wünsche und Ziele zu verwirklichen oder verspielen die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen nicht gerade in der Klimapolitik unsere Zukunft, die wir das Leben noch vor uns haben?

„Fridays for Future“ erregt die Gemüter: Schüler und Schülerinnen, die unbequem und ungehorsam sind, kritische und lästige Fragen stellen und nicht einfach nur funktionieren, sondern erstaunlich informiert und fundiert argumentieren und fordern. Sie demonstrieren Woche für Woche statt die Schulbank zu drücken. Sie lernen politische Einmischung!

Fundiert und informiert – wenn auch unbequem und manchmal radikal, aber eben nicht dumm und pauschal, nur Ängste und Vorbehalte bedienend unterscheiden sich die jungen Menschen damit von anderen politischen Bewegungen im Vorfeld der kommenden Wahlen , wo  eher schlagwortartig Ängste bedient als nachhaltig  Antworten  geliefert werden. 

Mit einem Mikrofon vor der Nase könnten sie mehr sagen als nur, dass man das alles doch wohl endlich mal wird sagen dürfen, was sich ansonsten keiner traut, als gäbe es Denk oder Redeverbot.

Gerade das Denken statt Brüllen, das Argumentieren statt Pauschalisieren oder Spielen mit Vorurteilen und Feindbildern würde ich mir von allen, nicht nur von denen die auch als Christen Weltverantwortung übernehmen, im Vorfeld der anstehen Wahlen wünschen…..

Von Staatsbürgern würde ich mir zivilgesellschaftliches Engagement und Einsatz für Demokratie und Menschenrechte wünschen . 

Und den Christen unter ihnen geht es auch darum, was uns dabei um Christi willen wichtig ist.

Beides, gesellschaftliches Engagement und christliche Orientierung gehören eng zusammen. Um Christi willen Haltung zeigen, Glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erden, Nachfolge Jesu auf der Suche nach den Verlorenen, Kranken und Armen egal woher sie kommen oder wie sei aussehen oder wie alt sie sind, und die Erfahrung, dass der Geist Gottes Menschen in bunter Vielfalt vereinigt und Verstehen fördert, wo bisher Grenzen und Barrieren getrennt haben, das ist nicht einfach politisiertes Evangelium einer indoktrinierten Kirche, sondern Ausdruck eines lebendigen Glauben, der nicht in einer stillen Kammer bleibt und so keinem wehtun kann.

Der Glaube lebt in der Kraft der Auferstehung und widersetzt sich darum allen Todesmächten. Menschenverachtung und Ungerechtigkeit sind die weltweit die größten Todesbringer auf den Schlachtfeldern ebenso wie in den Hungergebieten, auf den Fluchtrouten im Mittelmeer, aber auch auf den Straßen, wo Haß in Gewalt gegen Andersdenkende und Anderslebende umschlägt

Der Glaube ist an der Seite der Leidenden, weil in ihnen Christus leidet und wer mit den Menschen ins Gespräch kommt, die alles aufgegeben haben, um Frieden und Sicherheit zu erleben, erfährt was heute Leiden über persönliche Schicksalsschläge hinaus an den Zuständen unserer Welt bedeutet.

Der Glaube steht auf für das Leben, weil Christus lebt. Auferstehung von den Toten fängt heute mit dem Auftstand des Lebens und der Anständigen an und kann Menschen- und Lebensrechte nicht verschieden gewichten, in dem nach Geschlecht, Herkunft,  Sexualität, sozialem Stand, Sprache oder Glaube unterschieden wird.

Natürlich teilen alle mehr oder weniger die Ziele, die junge Leute eingangs in ein fiktives Mikrofon gesprochen haben: der junge Afghane, Iraner oder Eritreer ebenso wie der junge Uckermärker oder Granseer. Sie wünschen sich Freunde, Familie, Beruf und Wohlstand und irgendwann, der eine früher, der andere später, auch Gesundheit. 

Keiner sollte sich auf seine Herkunft und Geburt etwas einbilden. Sie sind nicht unser Verdienst, sondern unser Glück.

Paulus hatte es sich nicht verdient Kind Israels, Benjaminit, Hebräer, Pharisäer und Gesetzeseiferer zu sein, auch wenn er lange Zeit dachte, darauf stolz sein zu können. Er war stolzer Teil Israels, des Gottesvolkes, stolzer Pharisäer, stolzer Verfolger der Jesusanhänger. Später war er nicht mehr so sehr stolz darauf, bestenfalls dankbar. Vor allem war er aber dann leidenschaftlicher Jesusanhänger, der alle alten Maßstäbe über Bord geworfen, Grenzen eingerissen und Menschen zusammengedacht und nicht mehr getrennt wahrgenommen hat: Männer und Frauen, junge alte, arm und reich, Juden und Heiden ( oder besser Völker aus aller Welt) – alle waren ihm eins in Christus und damit gleich-gültig und gleich-wertig! Das war und ist die Kraft des Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn.

Mit ihr hat er alle seine Vorstellungen und Maßstäbe, alle seine erlernten Werte und Ziele, auf den Prüfstand gestellt und Christus als alleiniges Maß angelegt.

Sein Wahlprüfstein wäre gewesen: was würde Jesus dazu sagen (so wie es ihm nachfolgend Martin Niemöller für jeden Christenmenschen auf diese einfache und klare Formel gebracht hat).

Er wusste dabei, dass es auch mit dieser einfachen Frage keine einfachen Antworten geben kann. Er sagt ja selbst: nicht dass ich es schon ergriffen hätte. Ich bin immer misstrauisch, wenn die Antworten und Lösungen immer so einfach und pauschal daherkommen wie Schuldzuweisungen an die Anderen, Fremden, Etablierten oder die da oben. Wir strecken uns immer aus und suchen das Ziel und können uns nie ganz sicher sein. Gott gehört uns nie allein. Er lässt sich von uns auch nicht instrumentalisieren oder – schlimmer noch – wie ein Haustier domestizieren, um nicht mehr wehzutun mit seinen Erwartungen und Anforderungen. 

Aber mit allen, die fragen und suchen, die handelnd beten und betend handeln, ist er unterwegs, unterwegs zu einem großen Ziel, einer Welt, in der alle Wünsche hinfällig und alle Fragen beantwortet und alle Nöte behoben und alle Ungleichheit aufgehoben sein werden.

Die Kraft der Sehnsucht und der Mut, zu hoffen und für die eigene Hoffnung einzutreten, ist unser Beitrag als Christen in dieser Gesellschaft. Das ist unendlicher Gewinn und ein Schatz. Kostbarer als wir denken und nicht mit Gold aufzuwiegen.

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