Obrigkeit, ins rechte Verhältnis gerückt

Predigt zu Römer 13 am 23. Sonntag nach Trinitatis
Gehalten in der Margaretenkirche im Sonntagsgottesdienst der Evangelischen Kir-chengemeinde Plüderhausen am 4.11.2018 von Pfarrer Thomas Scheiner

Textlesung
[1] Jedermann sei untertan der Obrigkeit , die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. [2] Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. [3] Denn vor denen, die Gewalt ha-ben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. [4] Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zu-gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. [5] Da-rum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. [6] Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. [7] So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Wow, Paulus, da hast du uns ja mal einen heftigen Brocken hingelegt. Schönen Dank auch.
Jedermann sei untertan der Obrigkeit.
Was will uns das heute sagen? In einer Zeit, wo auf der einen Seite Obrigkeit vor lauter innerparteilichem oder inter-GroKo-Zank kaum stattfindet. Und auf der ande-ren Seite Obrigkeit ganz ungeniert auf Nationalismus und Ausgrenzung und De-mokratiefeindlichkeit setzt.

Es wäre ja jetzt schön einfach, wenn wir sagen könnten: Naja, zu Paulus‘ Zeiten war alles viel einfacher, die Obrigkeit war lieb und freundlich, da war man doch gern Untertan.
Pfeifendeckel.
Paulus lebte unter einem Regime, dass den Christen im besten Fall ablehnend, im schlimmsten Fall feindlich gegenüberstand. Denn für die Römer, die die damals bekannte Welt beherrschten, war dieser neue christliche Glaube, der immer weiter um sich griff, ein Ärgernis. Ein staatsfeindlicher Kult. Irgendwann dann eine Bedro-hung.

Und trotzdem sagt Paulus in Hinblick auf eben diese römische Herrschaft: Jeder-mann sei untertan der Obrigkeit.
Und er geht ja mit gutem Beispiel voran. Denn als er in Jerusalem von seinen ext-remistisch-jüdischen Gegnern angeklagt wird, beruft er sich auf sein römisches Bürger-recht. Und unterstellt sich der römischen Gerichtsbarkeit.
Jedermann sei untertan der Obrigkeit.
Warum? Paulus sagt: Der Ordnung wegen. Die Alternative wäre Anarchie und Chaos. Das Recht des Stärkeren. „Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin, dir zugut.“
Sie beschützt vor Rechtsunsicherheit, und sie bestraft, wo das Recht übertreten wird.
Das ist ihre Aufgabe.
Und deshalb ist es notwendig, sich ihr unterzuordnen.
Und, liebe Leute, wenn wir das nüchtern betrachten: die Obrigkeit in unserem Land geht dieser Aufgabe doch immer noch erstaunlich gut nach. Schon gleich, wenn man sie mit Putin, Trump, Bolsonaro und Konsorten vergleicht.

Darüber könnten wir jetzt trefflich diskutieren. Machen wir aber nicht.
Lieber wollen wir uns doch mal etwas eingehender mit der Begrifflichkeit beschäfti-gen. Um zu erkennen, was uns dieser Text HEUTE, am 4. November 2018 hier in Plüderhausen zu sagen hat. Oder zumindest sagen könnte.
Zunächst einmal: was heißt das „untertan sein“? Zu Zeiten des Paulus herrschte der Kaiser in Rom und mit Hilfe von Staatsbeamten und Soldaten eben im ganzen Reich.
Das war noch lange Zeit so. Gewählte Parlamente – mit sehr beschränkten Befug-nissen- gibt es seit 150 Jahren. Und vor hundert Jahren erst wurde in den deut-schen Ländern die Erbmonarchie abgeschafft.
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht – so hatten es die Preußen verordnet. Die meisten verstanden das so: geh du deiner Arbeit nach in Beruf, Haushalt und Familie. Und lass den Kaiser machen. Der weiß schon, was gut für dich ist.
Soldaten wurden auf die Person des Königs, später dann auf die des sog. „Führers und Reichskanzlers“ vereidigt. Diesen Eid zu brechen, auch wenn man sah, wel-che unsäglichen Verbrechen im Namen und Auftrag dieser Obrigkeit geschah, war für viele ein Ding der Unmöglichkeit. „Meine Ehre heißt Treue“, so schrieb es sich die SS auf die Fahne. Und meinte mit „Treue“ nichts anders als „Kadavergehorsam“.
All das ist für uns heute sicher nicht gemeint mit „Unter-tan sein.“ Da hat sich inzwi-schen entscheidendes verändert.

Wir haben keinen von Gott im Erbrecht eingesetzten Kaiser mehr. Wir wählen unse-re Obrigkeit, zumindest mittelbar. Es ist unser Privileg, ich möchte sogar sagen: un-sere Pflicht als Christinnen und Christen dieses Wahl-recht wahrzunehmen und auszuüben. Und wenn uns et-was nicht passt, dann können wir den Abgeordneten unseres Wahlkreises oder auch der Kanzlerin schreiben, können uns an Petitionen und Unterschriftenlisten beteiligen. Und wenn wir ganz ambitioniert sind, dann können wir auch den Gang durch die Institutionen wagen. Können als Christen im Gemeinderat, Kreistag, Landtag usw. tätig werden.
Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr engagierte Christen in öffentlichen Ämtern.
All das bedeutet heute „untertan sein“. Sozusagen „untertan sein 4.0“. Denn in all dem erkennen wir ja das Amt der Gewählten an. Und die Spielregeln unserer frei-heitlich-demokratischen Grundordnung auch.

Ein besonders steiler Satz des Predigttextes ist wohl der: Es ist keine Obrigkeit au-ßer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.
Das könnte man jetzt so missverstehen, dass die Obrigkeit in ihrer konkreten Aus-prägung von Gott so eingesetzt und quasi sakrosankt sei.
In dieser Weise wurde sogenannte Obrigkeitsgebot – v.a. in evangelischen Kreisen – ja lange verstanden. Erst An-fang der Woche las ich wieder von zwei evangelischen Theologen, die im 3. Reich selbstverständlich Mitglied von NSdAP und SA waren – und dann nach dem Krieg fröhlich für die Stasi spitzelten. Alles rechtfertigt durch das Obrigkeitsgebot.
So ist das aber nicht gemeint. Vielmehr verstehe ich das so: die Macht der Obrigkeit ist begrenzt durch Gott.
An Martin Luther denken wir heute, vier Tage nach dem Reformationstag, ja auch wieder besonders. Luther ist ja nun nicht als Vorreiter der Regimekritik bekannt. Doch er hat 1523 ein kleines Büchlein geschrieben: Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei.
Natürlich bezieht er sich auf unseren Predigttext.
Aber wo man vielleicht hätte erwarten sollen, dass Luther die Obrigkeit im verklärten Licht schildert. Da lesen wir Sätze wie: „du sollst wissen, dass es von Anbeginn der Welt gar ein seltener Vogel ist um einen klugen Fürsten, noch viel seltener um ei-nen frommen Fürsten. Sie sind im allgemeinen die größten Narren oder die ärgsten Buben auf Erden;“ – auf gut Deutsch: das übelste Gesindel.

Luther sieht das ganz realistisch: die Obrigkeit ist nicht im Amt, weil sie besonders klug oder gar fromm ist.
Und selbst die fragwürdige Lobbyhörigkeit unserer Herrschenden nimmt Luther da aufs Korn, wenn er schreibt:
Denn das ist der größte Schaden an den Herrenhöfen, wenn ein Fürst seinen Sinn den großen Hansen und Schmeichlern gefangen gibt und seine eigene Meinungs-bildung hintanstehen lässt, da es ja nicht einen einzelnen Menschen betrifft, wenn ein Fürst Fehler macht, sondern Land und Leute müssen solche Fehler ausbaden.

Ich will aber auf einen ganz anderen Punkt raus. Luther sagt nämlich: Wenn ein Fürst unrecht hätte, ist ihm sein Volk dann auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein. Denn gegen das Recht gebührt niemand zu tun; sondern man muss Gott (der Recht haben will) mehr gehorchen als den Menschen.
Wenn das Institut der Obrigkeit von Gott herkommt, dann ist Gott eben auch die Grenze.
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Wenn es hart auf hart kommt, ist auch gewaltsamer Widerstand gegen eine verbre-cherische Obrigkeit erlaubt.

Zu diesem Schluss kommt Luther 1539.

Was für ihn noch eher theoretisch war, wurde für die christlichen Widerstandskreise im Dritten Reich evident. Dietrich Bonhoeffer folgt ja Luther durchaus darin, dass Obrigkeit von Gott kommt. Aber er spricht dann von verantwortlicher Schuldüber-nahme: es ist verantwortlicher, die Schuld für den Mord an einem verbrecherischen Diktator (im konkreten Fall war natürlich Hitler gemeint) auf sich zu nehmen. Als im falsch verstandenen Gehorsam zuzulassen, dass in dessen Namen millionenfa-cher Mord und anderes Unrecht geschieht. Man beachte: auch dieser durch die Not gerechtfertigte Tyrannenmord bleibt Schuld.

Jetzt sind wir aber in arg schwermütige Dimensionen vorgedrungen.
Ich möchte gern noch auf einen letzten Aspekt der Obrigkeit in christlicher Sicht hinweisen. Und auch dieser hat mit der Begrenzung durch Gott zu tun: Obrigkeit ist vorläufig. Obrigkeit als von Gott gegebene Einrichtung ist vorläufig. Sie findet ihr Ende, wenn Gottes neue Welt, sein Reich einbricht. Wenn Gott einmal bei uns wohnt, wenn
er sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit aufrichtet, dann ist weltliche Ob-rigkeit überflüssig.
Bis dahin soll sie die ihr anvertrauten Menschen schützen und regieren, so gut sie kann. Aber sie soll niemals den Anspruch erheben, selbst den Menschen den Himmel auf Erden zu bringen. Wohin das führt haben uns das kommunistische und das nationalsozialistische System vor Augen geführt. Und ich fürchte, es werden nicht die letzten Versuche gewesen sein.

Jesu selbst sagt ja: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, Gott aber, was Gottes ist.
In all dieser Vorläufigkeit ist die Obrigkeit anzuerkennen. Zum Beispiel in Form ei-ner Selbstverpflichtung, wie ich sie bei einer Kollegin* gefunden habe:
Der Straßenverkehrsordnung, der Steuergesetzgebung und allen parlamentarisch verabschiedeten und davon abgeleiteten rechtlichen Bestimmungen unterwerfe ich mich gerne. Sollten sie mir reformbedürftig erscheinen, setze ich mich für ihre Än-derung auf geeignete Weise politisch ein, aber unterlaufe sie nicht.
Ich achte die Befugnisse von Polizei und staatlichen Behörden.
Ich achte und anerkenne, wie Menschen sich in Beruf und Ehrenamt für andere einsetzen, oft bis an die Grenzen ihrer Kraft. Ich sage für scheinbar Selbstverständ-liches auch einmal Danke! Meine Achtung gilt ausdrücklich auch denen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen politisch betätigen – als Gemeinderäte, als Kreis- und Landtags- und Bundestagsabgeordnete, als Bürgermeister, Landräte, als Minis-terinnen und MinisterpräsidentInnen und als Kanzlerin und Bundespräsident. Per-sönliche Angriffe und Verunglimpfungen in sozialen Netz-werken sind kein Mittel zur Auseinandersetzung, Briefe, Diskussionen und persönliche Gespräche aber schon.
Als Christ, der im Zweifelsfall Gott mehr gehorcht als den Menschen, bin ich in ers-ter Linie der Nächstenliebe verpflichtet – und das ist nicht blauäugig, sondern vor allem realistisch, wenn wir uns ein geordnetes Miteinander wünschen.
Ganz in dem Sinne von Paulus, der im Vers nach unserem Predigttext schreibt:
8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Amen

**‘ (Dekanin Barbara Alt, Ludwigsburg 1, 35423 Lich/ www.zentrum-verkuendigung.de/ leicht abgewandelt)

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