Von Heiligen und geliebten Kindern

Liebe Gemeinde,

wir sind alle keine Heiligen – wer hätte das gedacht? Höchstwahrscheinlich sind wir keine fiesen Verbrecher wie die Hauptfiguren in manchem Tatort, ganz sicher auch sind wir keine psychopatischen Monster, à la Hannibal Lecter, aber wir sind eben auch – keine Heiligen – abgesehen davon, dass unsere protestantische Variante des christlichen Glaubens überhaupt nicht in der Lage ist, Heilige von Unheiligen, Premiumchristen von Holzklassechristen zu unterscheiden.

Dabei berufen wir uns auf die markanten Worte des Apostels Paulus  aus dem Römerbrief, Kapitel 3 (23f): Denn es ist hier kein Unterschied: 23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Fast könnte man meinen, dass genau dieses „allesamt Sünder“ Sein, das unheilig Sein in unserer Existenz weggeswicht werden sollte, indem der heutige Text nicht naheliegend mit Vers 1 beginnt, sondern mit Vers 2 und daher mit dem neugierig machenden Wörtchen „und“: „und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein… – und nun wissen Sie ja bereits, worum es bei dem gekappten Vers 1 geht, nämlich darum, dass wir Sünder sind, dass uns laufend mehr oder weniger (bei mir ist es eigentlich immer mehr als weniger) – daneben geht. „So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede…“ – so heißt der Vers, der uns vorenthalten werden sollte. Eine Aussage, die erdet, die das Honigglas geschlossen hält und nicht anfängt, unseren Mund süßklebrig zu bestreichen. Willkommen im wirklichen Leben. Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid, üble Nachrede. – Harmlos ist anders! Wir müssen nicht immer alles gleichzeitig fabrizieren. Eines reicht ja schon und das Eine könnte auch Geiz sein oder Starrsinn, Eitelkeit oder Rachsucht, Teilnahmslosigkeit oder Ignoranz – was auch immer.

Auf dem Diagnosezettel steht etwas, steht, wenn wir uns gegenüber halbwegs ehrlich sind, immer etwas. Und nun geht es um die Therapie. Was ist die Therapie? Wie sieht sie aus? Damit setzt unser Text ein und er tut das mit einem Bild. Vielleicht ist es Ihnen beim Hören eben ja aufgefallen, dieser Text aus dem 1 Petr ist voller Bilder, schöner und eindrucksvoller Bilder. Ein solches steht gleich am Anfang: seid begierig wie Stillkinder nach Muttermilch. Ein Bild, das, wenn man eigene Kinder hat, schier unvergesslich ist. Der hungrige Säugling fordert schreiend nach Muttermilch. Das ganze kleine Persönchen zittert und bebt, tobt und schreit und sägt wie mit der Kettensäge an unseren Nerven herum, bis die Milch fließt und der Säugling saugt, als gäbe es kein Morgen… und schier himmlische Ruhe einsetzt. Ein Bild für maximale, unbeirrbare und unsteigerbare Entschlossenheit. Ein Bild für die Art und Weise, wie wir begierig sein sollen nach dem, was uns trägt, begierig nach einem festen Glauben, begierig nach einem Hineinwachsen in und Verschmelzen mit diesem Glauben und einem Leben aus diesem Glauben. Der Glaube als Begehrlichkeit. Auf die Allgemeinheit/die große Masse trifft das sicher nicht zu. Zu heftig sind die gerade wieder veröffentlichten Austrittszahlen, zu heftig ist der prognostizierte Schwund an Mitgliedern und Bedeutung der Kirche. Aber: das sind auch nicht die Adressaten unseres Textes. Seine Adressaten sind alle, die bereits auf den Geschmack gekommen sind. Der Autor spricht ausdrücklich vom Schmecken und spricht seine Leser als die an, die geschmeckt haben, dass der Herr freundlich ist. Mit Geschmacksbeschreibungen sind immer starke Gefühle verbunden. Sie sind ein Ausdruck ausgeprägter Lust oder eben auch Unlust. Denken wir an die bitteren Pillen, die zu schlucken sind oder wenn uns etwas sauer aufstößt. Das süße Leben andererseits, die süßen Worte oder süße Gedanken. Auch Gottes Freundlichkeit schmeckt süß, wenn man sie erlebt hat. In einer Bewahrung, einer richtigen Entscheidung, einem glücklichen Ende oder einer Rehabilitation. Eigentlich meint der Text aber nicht die kleinen Häppchen, die manche Tage süß machen. Der Text meint den ganz großen Happen. Nicht das Vesper zwischendurch, sondern das große Büffet. Das große Büffet, die Megamahlzeit ist die grundlegende Entscheidung Gottes, uns anzunehmen, Ja zu uns zu sagen für und bis in alle Ewigkeit. Und für das unumstößliche Ja Gottes steht die Taufe. Als Jesus sich von Johannes im Jordan taufen ließ, da sagte plötzlich die Stimme vom Himmel: Das ist mein lieber Sohn! Und das ist auch die Botschaft an uns: Wir sind mit der Taufe von Gott angenommen. Seine Kinder. Einfach so – ohne Vorleistung, ohne Gegenleistung, ohne Nachleistung. Einfach so. Die Taufe stellt uns hinein in eine weltweite Gemeinschaft. Das Abendmahl wirkt demgegenüber ja trennend. Allein innerhalb der evangelischen Konfessionen hat es Jahrhunderte gedauert bis Abendmahlsgemeinschaft möglich wurde. Mit den römischen Geschwistern könnte es noch Jahrtausende gehen. Die Taufe hingegen verbindet; sie wird auch im Blick auf die orthodoxen Christen gegenseitig anerkannt – und das ist sehr gut so.

In der Taufe wird uns die Erneuerung unserer ganzen Person zugesprochen. Eine Zusage, die ganz unabhängig vom Lebensalter der Getauften gilt. Diese Zusage entfaltet idealerweise ihre Wirksamkeit im Glauben. Die vielfältige Bedeutung der Taufe kann je nach Alter und Lebenssituation eine ganz unterschiedliche Gewichtung erhalten. 5 Die Taufe eines Kindes bringt auf einzigartige Weise die Bedingungslosigkeit der göttlichen Heilszusage zum Ausdruck – und dass der Mensch nicht den kleinsten Funken selbst dazu beitragen kann. Demgegenüber macht die Taufe eines Erwachsenen den verpflichtenden Charakter der Taufe stärker bewusst, dass dem Ja Gottes unser Ja zu folgen hat. In diesem Zusammenhang kommt unser Text auf das Bild von den Steinen zu sprechen: lebendige Steine, Ecksteine, kostbare Steine verworfene Steine, anstößige Steine und Ärgernis Steine. Die Taufe bzw. der Glaube sind so ein Stein bzw. solche Steine. Doch was sind sie für mich persönlich? Kostbarer Eckstein? Wir sehen hier in unserer Kirche solche alten, riesigen und auch kostbaren Ecksteine, bald 600 Jahre alt. Mit ganz viel Handwerkskunst genau so behauen, dass sie in ihre ganz spezielle Lücke hineinpassen. Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang auch an andere Steine – Schmucksteine denken. Haben Sie eventuell – das betrifft eher die weiblichen Anwesenden – einen Ring oder eine Kette zu Hause mit ein paar in Gold gefassten Steinchen von drei oder vier Karat? Das wären dann zweifelsfrei auch kostbare Steine. Steine, auf die man mit maximaler Aufmerksamkeit aufpasst. Steine, die höchstens, wenn es darum geht, wer sie einmal erben wird, zu Ärgernis Steinen werden können – und auch schon oft geworden sind.

Die Alternative zum kostbaren Eck- oder Schmuckstein ist der wertlose, bloß störende Geröllbrocken, der Ärgernis Stein, den man nicht beachtet, sondern im besten Fall entsorgt, wegträgt, beiseite schafft. Seit einigen Jahren schon gibt es zunehmend Stolpersteine auf Plätzen und Gehwegen. Sie erinnern an Menschen, die von den Nazis getötet worden sind. Über 70 000 solcher Steine sind in fast ganz Europa verlegt. Man soll über sie natürlich nicht mit den Füßen, sondern lediglich mit den Gedanken „stolpern“ und die Namen der Opfer sowie die Gruseltaten der Nazis erinnern. Unsere Taufe bzw. jede Taufe ist wie so ein Stolperstein. Unser Name steht auf der Urkunde und wenn es keine Urkunde gibt oder gab, dann steht der Name im Kirchenbuch. Doch auch darauf kommt es nicht an. Jesus sagt ja vielmehr: Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind (Lk 10, 20). Wohl uns, wenn wir mit unserer Taufe nicht achtlos umgehen. Wenn sie uns wichtig und wertvoll ist wie ein Brillant. Wohl uns, wenn wir bei jeder Taufe, der wir beiwohnen an unsere eigene denken und uns dessen vergewissern, dass Gott uns angenommen hat, dass wir auf seiner Seite stehen und zur Schar seiner Kinder gehören. Es ist ja breit bekannt und schon oft gesagt, dass Martin Luther, wenn es ihm besonders dreckig ging, wenn die Anfechtungen übermächtig zu werden drohten, wenn er dem Verzweifeln nahe war, auf den Tisch geschrieben hat: Ich bin getauft! – und das hat ihn regelmäßig und zuverlässig aus jeder Krise geholt und ihn dessen vergewissert, dass er Gott als Premiumpartner hat. Es hat ja auch tatsächlich etwas von Exklusivität, wenn es hier heißt: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht“. Wenn Sie schon einmal an einem Flughafen z.B. vor der Lufthansa Lounge gestanden haben und mit ihrem Economy Ticket keinen Zugang bekommen haben – oder wenn Sie an einem größeren deutschen Bahnhof die DB Lounge (eben ohne 1. Klasse Ticket) nur von außen von der quirligen und unruhigen Passage aus betrachten durften, dann durften Sie den Unterschied zwischen dazu gehören und nicht dazu gehören eindrücklich erleben.

Mit der Taufe gehören wir dazu, sind wir dabei, wann immer es heißt Members only / nur für Mitglieder: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum“, Damit wird für den einfachen, einzelnen Christen/-in Exklusivität inklusiv. Dieser Vers 9 unseres Textes hat in der evangelischen Kirche eine absolut herausragende Rolle, denn dieser Vers begründet so etwas wie den Markenkern unserer Konfession: das sogenannte Priestertum aller Gläubigen/Getauften.

Für Martin Luther war klar, bzw. er kam zu der Erkenntnis: Niemand ist unter Christinnen und Christen besser oder schlechter oder heiliger als der andere. Er wandte sich gegen die Hierarchie in der Kirche, in der die Priester durch die Weihe eine besondere Würde verliehen bekommen. Luther war der Meinung: Jeder Christ soll die Bibel selbst lesen und verstehen, und jeder ist in dem, wie er glaubt, nur Gott gegenüber verpflichtet, aber keinem Menschen. Luther sagte: Jeder Christ wird durch die Taufe zum Priester geweiht. Deswegen heißt es auch ursprünglich: Priestertum aller Getauften. Mit der Zeit wurde daraus der Ausdruck „Priestertum aller Gläubigen“ und auch „Allgemeines Priestertum“, weil es sich auf alle Christinnen und Christen bezieht. Um der Ordnung willen muss es Ämter (Kirchenmusiker, Pfarrer, Diakone…) geben. Die Kirche bildet dazu aus und beruft Menschen in Ämter, ohne sie zu weihen und dem Amt einen sakramentalen Charakter zu geben.

Ein ganz konkreter Ausdruck des Priestertums aller Gläubigen in der Evangelischen Kirche ist die Presbyterial- und Synodalstruktur. Die Leitung der Gemeinden und der Gesamtkirche haben zum Beispiel nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer allein, sondern die Synoden und die Kirchengemeinderäte. „Der Kirchengemeinderat leitet zusammen mit dem/der Pfarrer/-in die Gemeinde“. Dies alles hat mit dem unscheinbaren Sätzchen in unserem heutigen Text zu tun:

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum…

Und der Satz geht so weiter: …dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht“; der griechische Philosoph Sokrates hat für alles was man so gemeinhin weitererzählt drei Siebe oder Filter definiert: Alles, was wir kommunizieren muss auf jeden Fall 1. wahr, 2. gut und 3. notwendig sein. Prüfen Sie mal, ob alles, was Sie in der vergangenen Woche weitererzählt haben, diese drei Filter überstanden hätte: gut, wahr, notwendig…

Falls jedoch Ausführungen über Gottes Wohltaten an Ihnen, an uns, an allen dabei waren, dann kann der Daumen senkrecht nach oben zeigen und kann kräftig unters Volk gestreut werden; dann machen Sie damit munter und lebendig weiter. Die Welt braucht nach wie vor – vielleicht auch mehr denn je – authentische Geschichten von Gottes Wohltaten an uns, die wir keine Heiligen – wohl aber seine geliebten Kinder sind. Amen

drucken