Von den wahrhaft großen Dingen im Leben (1.Petrus 2, 2-10)

Mai diesen Jahres: ungefähr 90 Kinder des Kirchenkreises feiern mit ihren Eltern den Abschlussgottesdienst des Kindercampes in Neuendorf. Da war der Wunsch von Hanns Dieter Hüsch, dass Gott uns einen großen Sommer schenke (Im Übrigen meine ich, dass Gott, unser Herr, uns einen grossen Sommer schenke.Den Familien einen Korb voll Ruhe und viele hoffnungsvolle Blicke auf grün und blau….), schon zum ersten mal in Erfüllung gegangen. Die Sonne schien strahlend, blendend und heiß vom Himmel und mitten unter den Kindern saßen zwei, die besonders aufgeregt ihrer Taufe entgegenfieberten. Ich hatte ihnen im Vorfeld anhand der Symbole Wasser; Licht und Name versucht zu erzählen, was die Taufe für uns Christen so unverzichtbar macht, an Festtagen ebenso wie in den dunklen Augenblicken des Lebens, die immer irgendwann kommen können. Davor schützen ja weder Glaube noch Taufe. Im Gottesdienst habe ich dann ein altes Taufwassergebet gesprochen und mit diesem Gebet Wasser in die Taufschale gegossen.

Als es hieß: „Die Taufe bettet uns ein in das Sterben und den Tod Christi. Wasser kann Leben gefährden oder gar vernichten. Das Wasser der Taufe sagt uns: Mit seinem Tod hat Christus alles beseitigt, was uns von Gott trennt und unser Leben ins Verderben führen könnte.“ – da schob sich eine Wolke vor die Sonne und für einen Augenblick war alles in Schatten getaucht, so als wollte der Himmel unterstreichen, wie sich im Leben alles auch bedrohlich wenden und verdunkeln kann.

Als es dann aber weiterging: „Die Taufe bettet uns ein in Gottes Hände.

So wie ein Kind im Bauch der Mutter gut gebettet ist, wie Wasser uns tragen kann, werden wir durch das Leben getragen. Das Wasser der Taufe sagt uns: du wirst nicht untergehen. Gottes Hände halten dich, wo immer du bist.“ – da war die Wolke ein Stück weitergezogen und die Sonne tauchte wieder alles in ihr Licht.

Ich war nicht der einzige, dem aufgefallen war, wie das Spiel der Sonne die Worte des alten Taufgebetes unterstrich. Manchmal braucht es solche sinnlichen Augenblicke, damit ich nicht mehr so viele Worte machen muss, weil das, was gesagt werden soll, eigentlich doch nicht erklärt werden kann. Die Wärme und die Helligkeit der Sonne kann ich nicht erklären, ich muss sie auf meiner Haut und meinem Gesicht spüren, die Liebe Gottes erschließt sich mir erst, wenn ich spüre, wie sie mich hindurchträgt und sicher hinüberbringt. Der Mensch ist eben eine Einheit aus Herz und Verstand, mit beiden glaube ich: mit Herz, um ganz und gar dabei zu sein, und mit Verstand, weil der Glaube sich nicht mit einfachen und billigen Antworten zufrieden geben darf, sondern die Welt und Gott sehen und verstehen lernen will. Deswegen ist der Kinderglaube und sein Vertrauen genau soviel wert wie der intellektuelle Glaube, der das Gespräch mit Philosophie und Naturwissenschaft nicht scheut, weil  jeder seine ganz eigene Sicht zum besseren Verstehen beiträgt. Das Bild der vernünftigen lauteren Milch umfasst gewissermaßen beides, denn ich will und soll im Glauben nicht im Status eines neugeborenen Kindes bleiben, sondern darf den aufrechten Gang und den erhobenen Blick ebenso, wie das kritische Fragen lernen. Ich bleibe also mein Leben lang unterwegs und wachse!

Wie war das eigentlich vor Jahrhunderten, in der ersten Zeit der Kirche, noch näher dran am 1.Petrusbrief, der nach Meinung vieler Ausleger in direktem Zusammenhang mit der Taufunterweisung zu verstehen ist?

Da war der Taufweg auch äußerlich ein langer Prozess von vielleicht drei Jahren – von der Unterweisung bis zur Taufe. Besonders eindrücklich waren die Tage vor dem großen Ereignis, aus alten Quellen und Berichten kann man sich eine ungefähre Vorstellung der Taufpraxis machen: „Die Taufe selbst beginnt an einem Donnerstag mit der Selbstreinigung der Taufbewerber; bis zum Wasserritus am Sonntagmorgen waschen sie sich nicht mehr. Am Freitag und Samstag fasten sie. Am Samstag versammeln sie sich, erhalten vom Bischof u.a. die Hand aufgelegt, der Bischof führt bei jedem Einzelnen einen Exorzismus durch, bläst ihm anschließend – in Analogie zum heilenden Handeln Jesu – ins Gesicht, versiegelt Stirn, Ohren und Nase mit dem Kreuzzeichen. Es schließt sich eine Nachtwache mit biblischen Lesungen und Belehrungen durch den Bischof an. Der Taufmorgen beginnt mit dem Hahnenschrei an einem Gewässer. Es wird über dem – möglichst reinen und fließenden – Wasser gebetet. Die Täuflinge legen ihre Kleider ab. Sie treten in der Reihenfolge Kinder, Männer, Frauen nach einander zur Taufe an. Davor werden die Öle geweiht, es erfolgt eine feierliche Absage an den Teufel, die Salbung, das dreimalige Untertauchen unter Bekenntnis zum dreieinigen Gott und dann noch eine Salbung. Anschließend ziehen die neu eingekleideten Täuflinge und die sie Begleitenden in die Kirche. Nach Handauflegung, neuerlicher Salbung und Versiegelung sowie einem rituellen Kuss wird gemeinsam das Vaterunser gebetet, der Friedenskuss ausgetauscht (und zwar separat zwischen den Männern und den Frauen) und dann die Eucharistie gefeiert. Diese wird feierlich mit drei Kelchen begangen, gefüllt mit Wein, mit Honig vermischter Milch und Wasser.“

Eine prägende  Erfahrung für das ganze Leben! Mehr und erst recht nicht weniger kann und darf es auch nicht sein. Es geht ja um Besonderes und um ein entscheidendes Datum im Leben eines jeden Menschen, einmalig und unwiederholbar, mindestens so wichtig wie der Geburtstag, den wir zumindest in unseren Kulturkreisen ausgiebig feiern. Für den Tauftag sollten wir eigentlich ebensolches tun!

Paulus hat vorhin in der Epistel eine Begründung für die herausragende Bedeutung der Taufe genannt: wir finden uns mit einem Mal in einem ganz besonderen Verhältnis zu Jesus Christus wieder, jenseits von Herz und Verstand, unlösbar mit dem Leben und Sterben und deswegen am Ende auch Auferstehen Jesu verbunden.

Und unser Predigttext verstärkt das noch: nach dem Sinn des Lebens müsst ihr nicht suchen, ihr habt ihn längst gefunden. Ihr seid unverzichtbarer lebendiger Stein in einem Bauwerk, das Kirche heißt – und womit nicht unsere Kathedralen und Türme, sondern die lebendigen Gemeinden vor Ort gemeint sind. Aber wer einmal gebaut hat, weiß, dass so ein Bauwerk nicht gut auf einzelne Stein verzichten kann, wenn es stabil und sicher stehen soll. Die Frage ist also erlaubt, wo mein Platz in diesem Großen Ganzen sein kann und sein soll. Und es ist keiner zu klein und keiner zu groß und alle sind wichtig.

Das spüren anscheinend viele nicht und trennen  sich…

Und viele unter uns spüren den Schmerz und die Trauer über diese Verluste nicht und gehen ohne Reaktion darüber hinweg. Austrittserklärungen werden abgeheftet. Könnte man den Betroffenen nicht auch zeigen, wie schmerzhaft ihr Schritt für uns und das Ganze  ist?

Könnte man nicht denen, die ihre Kinder zur Taufe oder zum Konfirmandenunterricht nicht anmelden, nicht auch signalisieren und zeigen, dass sie vermisst und gebraucht werden?

Es geht nicht nur um die Zahl der Follower eines Internetauftrittes, um die Freunde bei Facebook, um die Fanbasis eines Vereins. Der 1.Petrusbrief spielt da mit ganz anderen Kategorien:

auserwähltes Geschlecht

königliches Priestertum

heiliges Volk

Ich gebe zu, dass solche exclusiven Zuschreibungen heute erklärungsbedürftig sind.

Königshäuser faszinieren zwar die Regenbogenpresse und Hochzeiten in den Königshäusern sorgen für gute Einschaltquoten. Die Rückgabeansprüche der Hohenzollern haben aber gerade keine gute Presse in unserer Region und erhöhen die Sympathie für den Hochadel nicht unbedingt.

Aber die gute Nachricht des Evangelums lautet: ihr seid jetzt keine Zaungäste und Zuschauer eines Spektakels mehr, zu dem ihr doch nicht gehört oder Zugang findet, sondern es geht gerade um euch. Gottes Aufmerksamkeit und Zuwendung adeln euch, erheben euch in den Stand, sein auserwähltes Geschlecht, sein Volk zu sein. Für euch hat er alles getan, seinen Sohn gegeben. Euch gilt seine Fürsorge und Liebe, euch gilt seine Sehnsucht und seine Treue, ihr seid ihm nah und liegt ihm am Herzen. Die Taufe ist also der Ritterschlag, die Erhebung in den Adelsstand, die Krönung … wie sollte man sich daran nicht ein Leben lang erinnern, zumindest, wenn wir dieses Datum entsprechend seiner Bedeutung begehen, die Taufgottesdienste entsprechend feiern, zelebrieren. Jede Taufe ist dann zugleich Tauferinnerung und Krönungsjubiläum: Höre es heute noch einmal: du bist auserwählt, du bist königlich, du gehörst zu Gottes Volk. Da klingt der Ruf „wir sind das Volk“ gleich ganz anders, vor allem nicht exclusiv, sondern von der Intention her inclusiv, denn Gottes Liebe will alle Menschen einschließen. Die Taufe ist also „einschließlich“ und nicht „ausschließlich“ gemeint! Ausgeschlossen ist und bleibt mit der Taufe nur die Last der Vergangenheit. Das ist dann ein Befreiungsschlag und noch mehr als ein Ritterschlag. Ich darf alles hinter mir lassen. Ich bleibe nicht Gefangener meiner Vergangenheit und meiner Schuld. Gott sieht hinter das Versagen und er sieht den Menschen hinter jeder Fassade. Schon so mancher hat vor solcher Haltung und Erfahrung kapituliert und sein Leben verändert. Menschen fällt Vergeben schwer (fast genauso schwer wie ein Neuanfang). Gott tut es einfach, wo er Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit spürt.

Und ihr spürt vielleicht, dass man von der Taufe und von dem, was wir mit ihr verbinden, gar nicht groß genug reden kann. Ich habe vieles nur angedeutet, manches bleibt dabei sehr im persönlichen und ganz und gar bei mir: wer bin ich und wo gehöre ich hin?

Manches ist und wird politisch und gesellschaftlich bedeutsam: Gottes Liebe hat einen unglaublich gleichmacherischen Drang. Vor Gott sind alle Menschen gleichwertig und gleich-gültig.

Ein Bonhoeffergedicht aus den Gefängnisbriefen in Auszügen:

Wer bin ich?  Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 (aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)

Feiern wir miteinander Gottes befreiende und reich machende Liebe.

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