Gott schmecken

Der Kaffee in der Kirche ist ihm zu dünn, fand ein Mann neulich. Er trinkt seinen Kaffee lieber zuhause. Das ist natürlich Geschmackssache. Ich bin eher dankbar, wenn der Kaffee nicht so schwarz wie die Nacht ist, dass der Löffel darin steckenbleibt. Wie schmeckt Kirche? Was schmecken Menschen, wenn sie bei uns zu Gast sind? So viel gibt es im Gottesdienst nicht zu kosten. Ungefähr einmal im Monat gibt es Abendmahl. Die Hostie, ein wenig papiern, wie Oblaten eben so sind, und ein kleiner Schluck Traubensaft. Der ist Bio und süß. Und nach dem Gottesdienst Kaffee oder Tee, manchmal ein Plätzchen dazu. Das Schwatzen steht im Vordergrund, weniger wie es schmeckt. Warum eigentlich nicht? In den USA – wo der Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst einen ungleich höheren Stellenwert einnimmt – hat einmal eine Gemeinde geworben: Die Kirche mit dem besten Kaffee. Das klingt tatsächlich attraktiv. Ein Cappuccino mit einem Berg von Schaum, das fände ich richtig chic.
Auch wenn es beim Abendmahl heißt: Seht und schmeckt die Freundlichkeit Gottes, zum Schmecken haben wir in der Kirche nicht wirklich eine Beziehung entwickelt. Das ist schade, denn erstens spielt es für die Menschen eine wichtige Rolle, und zweitens ist es unbiblisch.  Was es zu essen gibt, hat direkte Auswirkungen auf unsere Laune. Für ein gutes Restaurant fahren Leute kilometerweise. Im Krankenhaus ist das Essen der Höhepunkt des Tages – oder eben auch nicht, und Aufsichtsräte und Vorstände werden mit guter Verpflegung bei Laune ge- und von kritischer Beurteilung abgehalten. Frauen tauschen sich Kochrezepte aus. Selbst Typen, die nicht für Gefühlsduseligkeit bekannt sind, bekommen glänzende Augen, wenn sie von ihrem Lieblingsgericht schwärmen. Der Geschmackssinn ist lebenswichtig, denn er warnt uns, wenn etwas verdorben oder ungenießbar ist. Schmecken ist ein lustvoller Sinn und beeinflusst unser Wohlbefinden. Doch in der Kirche konzentrieren wir uns auf das Hören. Es geht um Denken, Verstehen, Unterscheiden. Aber die Bibel redet nicht so verkopft von Gott und dem Glauben. Wie schmeckt Gott?

Ihr habt doch geschmeckt, dass Gott freundlich ist, heißt es im 1. Petrusbrief. Vorher ist von Milch die Rede und davon, wie gierig und lustvoll Neugeborene an der Brust saugen. Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zum Heil,  da ihr schon geschmeckt habt, dass Gott freundlich ist.
Mit Milch verbindet die Bibel auch das Land der Hoffnung. Den versklavten Israelit*innen wird ein Land versprochen, wo Milch und Honig fließen. Ganz oft kommt das im Ersten Testament vor. Und dass die Armen Gott schmecken, die, die bedroht sind und verfolgt werden (Psalm 34,9).
Gott essen. Wie schmeckt Freundlichkeit? Wie schmecken Güte, Liebe und Gerechtigkeit? Und umgekehrt: Wonach schmeckt Tod? Das ist im Zweiten Testament der Gegensatz zum Geschmack Gottes, wenn es heißt, dass Menschen den Tod schmecken (oder nicht schmecken, z.B. Mt 16,28).

1977 ging es um Weintrauben und Orangen. Da stellten sich in Westdeutschland evangelische Frauen in Fußgängerzonen und vor Supermärkte, verteilten Handzettel und schrieben Briefe: „Kauft keine Früchte aus Südafrika. Baut nicht mit an den Mauern der Apartheit.“ Eine solche Boykott-Aktion hatte es, jedenfalls innerhalb der Kirche, noch nicht gegeben. Sie dauerte fast 2 Jahrzehnte. 1994 fiel das letzte Apartheitsgesetz in Südafrika, und die Aktion hat dazu beigetragen.

Gerecht essen und kaufen, das wollen heute immer mehr Menschen. Sie machen sich Gedanken darüber, unter welchen Umständen produziert wird, was ihnen im Laden angeboten wird. Viele verzichten auf Fleisch, weil sie an dem Leiden der Tiere nicht mehr mitschuldig sein wollen. Andere entscheiden sich bewusst für fair gehandelte Bananen, Tee oder Saft. Auch die beiden Gemeindekirchenräte haben 2009 beschlossen, dass bei uns fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt wird.

Es soll gut schmecken in unseren Kirchen. Und das tut es ja auch: beim Weltgebetstag sind die Speisen aus anderen Ländern ein Höhepunkt. Im CJD gibt es bei den Gottesdiensten Brotstückchen und Weintrauben. In der Jacobikirche haben wir zu Silvester einmal an der Krippe Stollen geteilt, weil Stollen das Jesus-Kind symbolisiert, das in weiße Windeln gewickelt ist. Der ökumenische Gottesdienst am Pfingstmontag ist nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil die Leute danach bei selbstgebackenem Kuchen zusammensitzen.
Warum nicht einmal auch im Gottesdienst zusammen essen? Das Abendmahl ist vom Ursprung her ein richtiges Essen. Milch und Honig und Weintrauben und Feigen. Das Manna wird wie Semmeln mit Honig beschrieben (Ex 16,31). Da läuft das Wasser im Mund zusammen.

Gott macht sich erfahrbar, nicht nur mit Worten, sondern richtig sinnlich. Im Februar haben wir im Gottesdienst über das gute Riechen nachgedacht und über den Wohlgeruch Gottes (Elsa Tamez). Heute geht es darum, wie Gott schmeckt.
Was Menschen von Gott erleben, soll sie verlocken. Es soll sie nicht kasteien oder ihnen Lasten auflegen, sondern Lust machen. Eine Last fällt ab. Ein Traum wird wahr. Das weckt Hunger nach mehr, so verstehe ich den 2. Petrusbrief. Was wäre das für ein Gottesdienst: es duftet verführerisch und alle zappeln vor Erwartung hin und her, so wie die Babies, bevor sie gestillt werden! Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zum Heil, da ihr schon geschmeckt habt, dass Gott freundlich ist. (1 Petr 2,2-3)

Mehr Predigten: www.queerpredigen.com
Andere Predigten in der Trinitatiszeit
Andacht über Elisabeth von Thüringen: Gerecht essen

drucken