Mehr Himmel auf Erden: Macht Kranke gesund!

Matthäus 9,35 – 10,10 (21.7.2019 Westerstede – St.-Petri-Kirche)

(Wer im Internet sucht, wird kaum Predigten über den neuen Predigttext aus der aktuellen Perikopenordnung finden.)

Liebe Gemeinde, gut tut es und heilsam ist es, am Sonntagmorgen aus den Worten der Evangelien Jesus zu hören und vor Augen zu sehen. Seit bald 2000 Jahren wird eine fast unglaubliche, erstaunliche Begebenheit weiter erzählt. „Auf dein Wort hin,“ hören wir Petrus zu Jesus sagen …. und am langen Ende staunen die Augenzeugen, folgen Jesus nach, überwältigt von seinen Fähigkeiten und seiner Macht.

Heute morgen hören wir – nach der neuen Predigttexte-Ordnung – einen wunderbaren Abschnitt, der dankenswerterweise (!) neu aufgenommen worden ist, aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 9,35 bis Kapitel 10,1 und 5 bis 10. Hören wir zunächst nur den ersten Teil:

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

Es jammert Jesus! Dem Evangelisten Matthäus, der das offensichtlich nach mehreren Heilungsbegegnungen miterlebt hat (Kap. 9,9) fehlen die Worte. Er verwendet hier ein Wort, das die Gefühle, das Empfinden in den Eingeweiden, ein „tiefsitzendes Mitfühlen“ bezeichnet.

Das Volk jammert Jesus. Als er die Menschen sieht, empfindet er ein tiefsitzendes Mitgefühl. Er spürt ihre Ängstlichkeit, ihre Ängste. Er nimmt wahr wie zerstreut sie sind, als hätten sie alle ein Mobiltelefon in den Händen, um sich zu zerstreuen, um sich abzulenken von der grauen oder harten Wirklichkeit.

Es jammert Jesus. Deshalb braucht er Helferinnen und Helfer, die ihn beim Lehren und Heilen unterstützen. Deshalb ruft er zur Fürbitte auf: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Es jammert Jesus. Das bedeutet doch auch: Es jammert Gott! Unser Gott hat ein tiefsitzendes Mitgefühl mit uns! – Es kann einen sprachlos machen, was das für ein Gott ist. Ja, liebe Gemeinde, das ist unser Gott. Was die Menschen innerlich bewegt, geht ihm nach, geht ihm nahe. Er fühlt mit uns, er spürt unsere Nöte, unsere Ängste, unsere Trauer. Und alle Formen von Zerstreuung, die von diesen seelischen Schmerzen ablenken sollen, jammern ihn wieder …

Es jammert Gott! Und diesen lebendigen Gott feiern wir hier und heute! Unser Gott sieht mehr und fühlt tiefer als wir zugeben oder wahr haben wollen. Was wir vielleicht nicht einmal unserer/m engsten Vertrauten erzählen würden, was wir nicht einmal vor uns selbst wahrhaben wollen oder uns noch nicht bewusst ist, DU, Gott, fühlst mit uns, was uns im tiefsten Herzen bewegt. (Stille)

Und Jesus, unseren Gott, jammert es nicht nur. Er hat auch Fähigkeiten, er hat Macht. Auch davon hören wir: Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

– „Herr Pastor. steht da wirklich ALLE Krankheiten und ALLE Gebrechen?“

– Ja, ganz ehrlich. So lesen wir staunend diese Zeilen: ALLE Krankheiten und ALLE Gebrechen. Und wir sollten diese Worte wahrhaftig hören und ernst nehmen. Matthäus überliefert uns: Jesus hat damals wirklich alle Krankheiten geheilt. Und deshalb sind die Massen an Menschen ihm auch nachgefolgt., so berichtet der Evangelist vor der Bergpredigt. Er lehrte anders, schreibt Matthäus, er lehrte anders als die Schriftgelehrten, er lehrte mit Macht, mit Vollmacht.

Wenn wir an den EINEN Gott glauben, dann wirkt der Schöpfer allen Lebens in Jesus. Mit all seiner schöpferischen Weisheit, mit allen seinen göttlichen Fähigkeiten und seiner Macht kann er heilen, was nicht gesund ist. Matthäus betont diese Macht Jesu mehrmals. Und damit steht Matthäus ganz in der jüdischen Tradition wie es im 2. Mose Kap. 15,26 heißt: „Ich bin der HERR, dein Arzt.“

Und dann lesen wir, dass Jesus diese Macht, diese heilenden Fähigkeiten weiter gibt an diejenigen, die bei ihm in der Lehre sind, seine Jünger. Und wir werden gleich ahnen, warum dieser Text aus dem Matthäus-Evangelium bisher nicht in der Reihe der Predigttexte vorgekommen ist. Es heißt weiter:

1 Und Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

Diese Worte lassen wir einmal lange in uns nachklingen …..

Predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.

Ich kann mir das gut vorstellen wie Jesus damals die Schriftgelehrten mit seinem Predigen und Heilen irritiert hat. Ich kann mir gut vorstellen wie in denen Neid wächst, wie Ablehnung und Feindschaft wuchern wie ein Geschwür. Dieser Rabbi zieht die Massen an, weil er mit Vollmacht predigt und sich seine Macht in den vielen Heilungserfahrungen von Menschen bestätigt. Die Heilungen sprechen für sich. Die Geheilten und ihre Angehörigen werden im wahrsten Sinn des Wortes „begeistert“ sein von dem Menschen, in dem sie mehr und mehr den verheißenen Messias, den Christus erkennen.

Und nun höre ich Eure Gedanken, liebe Gemeinde: „Was bedeutet dieser Auftrag Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger für uns heute: „Predigt, das Himmelreich ist nahe herbei gekommen, macht Kranke gesund, weckt Tote auf ….?“

Zuerst: Die medizinische Grundlagenforschung, die psychosomatische Medizin entdeckt immer mehr die Zusammenhänge von Psyche und Soma. Seele und Leib sind eine untrennbare Einheit. Der Hausarzt, der sich Zeit nimmt für seine Patientin, der ihr Umfeld, ihre Lebensgeschichte, ihre Familie mit in den Blick nimmt, schaut ganzheitlich auf seine Patientin.

Der Arzt auf der Intensivstation, der die Seelsorge anruft und um Unterstützung bittet, weiß um die unsichtbare, seelische Seite menschlichen Leides.

Die Krankenschwester oder Altenpflegerin, die für die Pflege eines Menschen zuständig ist, sucht auch die persönliche Beziehung zu ihm oder ihr, fragt nach, wo in der Seele der Schuh drückt. Denn die Seele braucht auch Pflege, und das wirkt sich auf den Körper aus.

Und die Weltgesundheitsorganisation hat die Spiritualität längst als eine der wichtigen Aufgaben der palliativmedizinischen Begleitung von schwerkranken, sterbenden Menschen beschrieben.

Und wir Christen? Vertrauen wir dem Gebet, wie es der Jakobusbrief (5,14f.) sagt: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten …“

In unseren Gottesdiensten sollten wir den Gebeten für Kranke viel mehr Raum geben. Von Kirchentagen kennen manche aus der Halle der Stille das Angebot der Handauflegung oder der Heilungs- und Salbungsgottesdienste. Wir können dem Wirken des Heiligen Geistes weitaus mehr zutrauen!

Christen in aller Welt berichten von Spontanheilungen, die wissenschaftlich unerklärbar sind. Aber müssen wir immer alles erklären können? Trotz aller medizinischen Kenntnisse oder vielleicht gerade mit Blick auf die Forschungen der Zusammenhänge von Seele, Geist und Körper sollte in uns ein Vertrauen wachsen, dass Heilung möglich ist. Denn Christus wirkt und heilt auch heute, wir dürfen ihm diese Macht auch zutrauen.

„Mehr Himmel auf Erden: Macht Kranke gesund!“ Als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger sollten wir diesen Auftrag Jesu an uns immer wieder hören und auf uns wirken lassen:

Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Amen.

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