Große Aufgabe und noch größere Verheißung

Matthäus 9,35 – 10,10 (21.7.2019 Berlin-Hellersdorf)

9, 35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
10,1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.
5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

Im Mai und hauptsächlich im Juni jeden Jahres war in meiner Kindheit Rüben verziehen dran. Überall, wo Zuckerrüben angebaut wurden, war es nötig, und überall war es Kinderarbeit. Anders ging es gar nicht. Die ausgesäten Rüben wuchsen büschelweise, weil beim früher verwendeten Saatgut aus einem Korn immer mehrere Pflanzen wuchsen, viel zu dicht, als dass dicke Zuckerüben sich hätten entwickeln können. Also musste ausgedünnt werden. Wenn die Pflänzchen so ca. 10 cm groß waren, dann gingen zuerst die Frauen übers Feld und entfernten mit der breiten Hacke schon viel vom Überschüssigen. Aber dann mussten wir Kinder ran, krochen auf allen Vieren übers Feld und entfernten bei allen Rübenbüscheln die schwachen Pflänzchen und ließen immer nur eine, die kräftigste, stehen. Es war zuweilen eine arge Quälerei, aber am Schluss der oft langen Rübenzeilen stand immer eine große Kanne mit Malzkaffee oder Tee und am Ende des Tages gab’s gut beschmierte Brote. Das tat gut. Und Geld entsprechend der Leistung gab’s natürlich auch. Die Felder waren alle eigentlich gleich, ein Feld aber liebten wir besonders. Da stand am Rande nicht nur eine nette Bäuerin, die uns zu trinken gab, da standen Kirschbäume! Welch wunderbare Aussicht, nach all der Mühe: frische Kirschen!

Das alles fiel mir ein, als ich wieder und wieder über den heutigen Predigttext nachdachte und über den mühevollen Weg, auf den Jesus seine Jünger schickt, denn es winkt ja eine Verheißung, das Himmelreich. Die Gottesherrschaft ist doch nicht nur etwas, was die Jünger nun selbständig verkünden sollen, sie gilt auch ihnen selber.

Trotzdem bleiben Verkündigung und Mission ein mühsames Geschäft. Und da ist es gut, wenn wir uns heute, wo es um den Verkündigungsauftrag geht, den Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern gibt, als erstes dies klar machen: Mission ist eine unermessliche Aufgabe, aber mit großer Verheißung.

Die Botschaft, um die es geht, mag anderen als große Torheit erscheinen, wie es Paulus in der heutigen Epistel schreibt. Uns aber ist genau diese Botschaft, dass Gott sich auf unsere menschliche Seite stellt, und das nicht nur in Schön-Wetter-Situationen, sondern auch in Not und Tod, uns ist diese Botschaft vom Kreuz zum Lebensquell geworden, deshalb reden wir davon.

Und wie alles andere muss auch die Verkündigung, muss die Mission, immer wieder klein beginnen. Vielleicht kommt’s Ihnen jetzt auch gleich in den Hinterkopf, Gerhard Schönes Lied.“Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen … Indem wir uns das klar machen, kommen wir auch mit dem Widerspruch klar, der sich daraus ergibt, dass Jesus bei Matthäus hier im heutigen Predigttext sagt, wo die Jünger alles nicht hingehen sollen, sondern in ganz engen Grenzen ihres Volkes bleiben. Am Ende seines Evangeliums aber schreibt derselbe Evangelist Matthäus, dass der Auferstandene sagt: „Gehet hin in alle Welt …“ (28,19) Aber genau das ist der Unterschied. Hier in unserem Predigttext spricht der irdische Jesus, in Matthäus 28 ist es der auferstandene Christus. Natürlich richtet sich die christliche Botschaft an alle Welt, wie es so schön heißt. Aber das andere gilt auch und wird uns heute ins Gedächtnis gerufen: Mission beginnt vor der Haustür.

Was Mission ausmacht, ist sehr vielfältig, ist aber orientiert an der Hoffnung auf das Reich Gottes, das oft so beschrieben wird, dass Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden und den Armen das Evangelium gepredigt wird. Oder wie es hier heißt: Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Das Ganze ist nichts anderes als eine Konkretisierung der Aufforderung: Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Hier haben wir, was kirchliches Handeln ausmachen soll: Wort und Tat, Verkündigung und Diakonie. Und das Ganze, und damit sind wir am Knackpunkt: umsonst. Zugegeben, hier wird das Ganze etwas kompliziert. Die Mönche im Mittelalter konnten Kranke umsonst pflegen oder Nahrungsmittel umsonst ausgeben. Im Prinzip ist das auch heute so möglich. Aufs Ganze gesehen, haben wir aber heutzutage ein sehr kompliziertes und möglichst austariertes Sozialsystem, wo der darin notwendige Ausgleich im Allgemeinen durch Geldleistungen erbracht wird. Nehmen wir ein Krankenhaus, das zur Diakonie gehört. Es erbringt Gesundheitsleistungen, die von den Krankenkassen erstattet werden. Damit ist aber niemals der Gesamtbetrieb finanziert, es bleibt eine Lücke. Unsere Kirche betreibt Schulen. Dafür zahlt der Staat, weil Bildung ja eigentlich seine Aufgabe ist, er zahlt aber nie alles. Auch da ergibt sich eine finanzielle Lücke, die wir als Kirche und Gemeinden schließen müssen. Wir sollten diese Lücken aber nicht beklagen, sondern als Gelegenheit wahrnehmen, etwas von dem „umsonst“, von dem Jesus hier spricht, Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn McKinsey oder ähnliche Firmen uns als Kirche beraten, dann können wir sicher viel lernen, wie wir gute oder noch bessere Haushalter der Gaben sind, die uns Gott gegeben hat. Aber Gnade uns Gott, wenn wir die Verkündigung seiner guten, froh machenden und befreienden Botschaft verwirtschaftlichen. Mission geschieht umsonst. Das ist die dritte einfache Schlussfolgerung aus unserem heutigen Predigttext. Ein Stück weit finden wir das nach wie vor bei den sogenannten kirchlichen Amtshandlungen verwirklicht, also Taufe, Trauung, Beerdigung in erster Linie. Manchmal fallen da Gebühren an. Beim genaueren Hinsehen sind diese aber immer für Reinigung, Beleuchtung, Heizung usw. gedacht, was man auch gut verstehen kann. Dass der Pfarrer kommt, dass er sich unter Umständen viel Zeit für diesen besonderen Fall nimmt, das kostet nichts! „Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“

Ja, Mission ist zuweilen oder eigentlich immer ein mühsames Geschäft und einträglich schon gar nicht. Auch unser eigener Weg zum Reich Gottes gleicht oftmals arg dem endlosen Gekrieche übers Rübenfeld, wo die Knie wund werden und der Rücken schmerzt, auf den die Sonne brennt. Aber am Feldrain, steht da nicht die Bäuerin mit dem Tee und den Wurstbroten? Stehen da nicht Kirschbäume, die uns mit ihrer Fülle zu Lebensbäumen werden? Und am Ende, ganz am Ende, steht da nicht der, der schon lange vor uns und immer wieder sagt: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ (Jes. 55,1) Dieser Weg lohnt. Amen.

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