Jesu Roadmap (Matthäus 9, 35- 10,1.5-10)

Wer rumkommt, sieht die Welt mit anderen Augen. Ein Perspektivwechsel tut gut, um Dinge einmal ganz anders zu betrachten. Alte Pfade sind oft ausgetreten und neue so schwer zu entdecken. Es ist sicher einfacher auf den vertrauten Wegen unterwegs zu sein, als sich in unbekanntes Terrain zu wagen. Aber ist es gut?

Nach außen hin suchen wir nach einer neuen Roadmap (so nennt man heute Strategien oder Projektpläne) für unsere Kirche. Angesichts der düsteren Zukunftsaussichten (Prognosen verheißen bis 2060 einen Mitglieder- und Finanzmittelrückgang um die Hälfte) ringen wir schon lange um eine zukunftsfähige Strategie, wollen „Wachsen gegen den Trend“, als „missionarische Kirche“  und „Kirche der Freiheit“, die sich als „Salz der Erde“ versteht, spielen dabei zumindest mit biblischen Bildern und erinnern uns an ein starkes leider eher verloren gegangenes Selbstverständnis der Kirche in der Welt  – und schrumpfen munter weiter und machen ebenso munter weiter wie bisher. Es ist ja noch immer gut gegangen. Wir lassen es uns zu recht viel kosten und hoffentlich würde uns Dietrich Bonhoeffer in Anlehnung an den Wochenspruch nicht wieder „billige Gnade“ in einer „teuren Kirche“  vorwerfen, wie er es zu seiner Zeit getan hat und eine Rückbesinnung darauf forderte, dass Gottes Gnade schließlich alles, nämlich seinen Sohn, gekostet hätte.

Wegen des teuren Schatzes, wegen der Gnade ist der Perspektivwechsel gut!

Schauen wir einmal hin: Jesus macht sich auf den Weg, rings um in alle Städte und Dörfer und er schickt seine Jünger hinaus auf die Straßen Israels. Zunächst noch nicht auf die Straßen, die die Welt bedeuten. Das kommt erst noch, aber mit einem klaren Auftrag, einer klaren Strategie und einer Idee: predigt das Kommen des Himmelreiches, macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus und gebt umsonst weiter, was ihr habt.

Ich könnte auch sagen: wagt den Blick in den offenen Himmel, der euch gehört, und befreit das Leben von allem, was es hindert, was  es gefangen hält, was es knechtet; und lebt, lebt mit Gott – frei und froh.

Schauen wir auf uns: oft verharren wir, bleiben stehen, überschreiten nicht die Grenzen, in denen wir zu Hause sind; die Grenzen unserer Dörfer, unsere Städte, unserer Länder und Kulturkreise oder unserer Gewohnheiten Aber manchmal lassen wir uns auch bewegen und hinausschicken. Und dann passiert der Perspektivwechsel.

Es hat nur 20 Stunden gedauert, um an das andere Ende der Welt zu gelangen, nach Simbabwe, einem der ärmsten Länder der Welt, aber reich an wunderbaren Menschen und reich an Gottvertrauen und Glauben.

Mühsamer war es aus der Metropole Harare in die abgelegenen Dörfer zu gelangen, mit denen wir als Kirchenkreis freundschaftlich und partnerschaftlich verbunden sind,…weil die Straßenverhältnisse wohl eher so waren wie zur Zeit Jesu…Ochsen- und Eselkarren sind in manchen Gegenden wie z.B. Mulindi deutlich geeignetere Fortbewegungsmittel als europäische oder asiatische Kleinbusse.

Dort haben wir dann über zwei Wochen das Leben der Menschen in ihren Dörfern geteilt, mit ihnen geredet, gegessen, überlegt, geplant und, was kein Beiwerk war, Gottesdienste gefeiert. Sie baten uns darum, mit ihnen Gottes Wort zu teilen und sie luden uns ein, zu predigen. Die Kirchen sind selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens. Und  ihre Gottesdienste sind ganz anders als unsere.

Das liegt am Temperament der Menschen, die viel emotionaler ihren Glauben ausdrücken, an ihrer Musik, die in das Herz und in die Beine geht und auch daran, dass anders als im christlichen Europa die wachsenden Kirchen oft Pfingstkirchen sind oder von der Pfingstbewegung geprägt sind. Weltweit müssen wir uns über den Weg des Evangeliums auf den Straßen, in den Dörfern und Städten gar keine Gedanken machen. Das Christentum wächst und es wächst vor allem in der Gestalt der Pfingstkirchen, in denen das Wirken des Gottesgeistes besonderen Raum bekommt. Nüchtern wie es dann wieder unserer Art entspricht kann man die Anliegen dieser Kirchen so beschreiben und ich zitiere jetzt einmal: „Anbetung, Lobpreis, Seelsorge, Evangelisation, Heilungsdienste, das Erfasst- und Erneuertwerden des ganzen Menschen wie auch der Gemeinde. Dabei wird eine auf den Heiligen Geist und die Charismen (vor allem Heilung, Prophetie, Zungenrede/Glossolalie) bezogene erfahrungsorientierte Frömmigkeit akzentuiert. Diakonische Dienste werden in enger Zuordnung zum Evangelisationsauftrag praktiziert.“ (https://www.ezw-berlin.de/html/3_130.php )   Wenn man aber all das hautnah erlebt und ein Teil dieses Weges auf Zeit wird, dann ist es überhaupt nicht mehr nüchtern, sondern so, wie ich es vor zwei Wochen in Mulindi  mit Worten des Apostels Paulus gepredigt habe: „wir danken Gott für euren Glauben und werden zu Hause viel von ihm zu erzählen haben, wie ihr euch umeinander kümmert, generationsübergreifend zusammenhaltet, singt und betet und vor allem vor Gott für die Schwachen und Kranken eintretet, wie ihr teilt, was euch oft nur spärlich zum Leben geschenkt ist und dennoch zu allererst aufrichtig dafür Dank sagt.“

Und das bekenne ich hier, obwohl ich kein Anhänger der Pfingstbewegung bin.

Auch wieder in Mulindi wurden wir gebeten, mit Pastor James Munkuli, der von seiner Hände Arbeit und von Spenden lebt, kranke Gemeindeglieder zu besuchen und für sie zu beten. Wir sind dann einige Kilometer zu Fuß unterwegs gewesen zu den Kranken, nur oder um vor allem für sie mit Gebet da zu sein, nicht mehr und nicht weniger! Sicher ist das Gebet dort auch wichtig, weil Ärzte weit weg sind. Und es liegt eine große Erwartung darin, dass Gott helfen kann und helfen wird. Unmittelbarer kann man eigentlich nicht leben, dass unser Gebet doch nur Sinn macht, wenn wir von ihm auch etwas erwarten. Es ist nicht nur Konzentration auf die eigenen Gedanken, Ruhepause für die Seele oder eine Entspannungsübung, es ist die Erwartung, dass Dinge, die Gott erst einmal ans Herz und auf das Herz gelegt wurden, sich dann auch verändern, weil Gott sie sich zu Herzen nimmt. In der Mitte der Woche und am Sonntag wiederholte sich dieses Bild. Nach dem Gottesdienst kamen unzählige Kranke und baten uns um ein Gebet und einen Segen und so fanden wir uns wieder umgeben von vielen Menschen, mit denen wir unter Handauflegung beteten und die wir segneten ,ehe sie mit einem Amen und einem Halleluja ihre Wege gingen. Wir haben keine Wunderheilungen erlebt, aber ich habe die Kraft und die Herausforderung gespürt, aber ebenso auch die kostbare Aufgabe, ganz nah und ganz und gar für einen Menschen in diesem Augenblick und in der Gegenwart Gottes dazu sein. Ich habe eine Unmittelbarkeit erlebt und eine Wichtigkeit, in dem, was wir getan haben, die so direkt mit dem Leben der Menschen zu tun hatte und so direkt das Evangelium in ihr Leben hinein versprach, unabhängig davon, ob Gott nun heilt oder Kraft schenkt den Weg der Krankheit zu gehen. Es war völlig frei von Konkurrenz zu denen, deren professionelle Aufgabe es ist, als Mediziner zu heilen. Es war schlicht und buchstäblich ergreifend die vornehmste Aufgabe der christlichen Gemeinde, für ihre Kranken im Gebet vor Gott einzutreten.

Ich muss gestehen, dass ich mit solchen Erlebnissen dann auch die Bibel wieder mit ganz anderen Augen lese, auch die Freude, sie zu lesen, wieder ganz neu spüre. Ein Wunsch, der uns vor drei Jahren  in den Gemeinden Simbabwes schon begegnet ist, war es, Bibeln in der eigenen Sprache für die Gemeinde zu besitzen und als wir uns entschlossen, das Wort Gottes nicht nur durch unser Predigen zu teilen, sondern in dem wir der Gemeinde zwanzig Bibeln in Tonga schenken, da ging ein lautes Halleluja durch die Reihen, eine große Freude und ein fröhlicher Gesang.

Zu Hause angekommen sind die Straßen wieder gut befestigt, die Autos finden ihren Weg und werden höchstens durch den Stau am Weiterfahren gehindert, wir werden uns manchmal wieder auf ausgetretenen oder eingetretenen Pfaden wiederfinden. Aber die Agenda Jesu, seine Roadmap, seine Strategie leuchtet mir auch für uns und unsere Gemeinden direkt ein: ringsum unterwegs sein in den Dörfern und Städten, vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit predigen, sie leben und dabei Krankheiten und Gebrechen nicht ausweichen, sich also den Nöten der Menschen unmittelbar stellen und keine Scheu haben, den Schatz des Evangeliums zu teilen, umsonst, ohne hohe Hürden oder Auflagen, geradezu verschwenderisch.

Was wäre wohl, wenn die Kranken in unseren Gottesdiensten Raum hätten, nach vorne zu kommen, damit wir für sie unter Handauflegung beten, wenn wir mit unseren Bibel in den Händen im Gottesdienst Gottes Wort teilen, wenn wir von Gott nicht so viel reden, sondern ihn einfach feiern, ihn groß machen, statt zu problematisieren und dabei mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnen, der nicht nur weht, wo er will, der auch ein Feuer entzünden und Herzen begeistern kann und  will? 

Wir werden sicher nicht einfach afrikanische Gottesdienste erleben. Ich schätze auch die hohe Kunst der europäischen und besonders der protestantischen Kirchenmusik sehr und bin mir sicher, dass sie Gottes Herz ebenso bewegt. Aber die andere Perspektive – nicht nur meine Sorgen und Probleme, sondern Gotts Fürsorge und seine Gegenwart in den Mittelpunkt zu stellen und laut in die Welt hinauszuposaunen mit Herzen, Mund und Händen, vielleicht ja sogar mit Füssen, – tut uns gut. Wagen wir es doch einmal voller Gottvertrauen. Gott ist groß und er hat seiner Kirche Großes verheißen. 

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