„Haben und nicht brauchen ist Diebstahl!“

[1] Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! [2] Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.

 Unsere Welt, liebe Gemeinde, funktioniert anders. Anders als es Gott da kundtun lässt durch seinen Propheten. Das ist vor allem dann spürbar und sichtbar, wenn man durch die Einkaufszonen der Republik schlendert oder mit Menschen spricht, die sich das Notwendige zum Leben nicht mehr leisten können.

In einer Gesellschaft, „der das Kaufen und Verkaufen, das Rechnen und Verrechnen längst zur zweiten Natur geworden“ ist, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass lebenswichtige Dinge, wie Brot und Wasser, Milch und Wein einfach so, geschenkt zu haben sind (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Alles umsonst! Keine Anstrengungen! Keine Mühen! Unglaubliches verspricht dieser Text! Wer kann das glauben? Lebensnotwendige Dinge kostenlos! Ob in der Gnadenfülle dieses Textes seine eigentliche Unzugänglichkeit liegt? (Hellmut Gollwitzer in: GPM, 2. Sonntag n. Trinitatis, 1972, S. 270).

Diese, an unserer Realität trainierte Schwäche des Textes, liegt wohl darin, dass wir es gewohnt sind, für die Dinge des täglichen Lebens zu bezahlen. Und zwar nicht weniger oder gar nichts, sondern eher immer etwas mehr.

Das Benzin, der Treibstoff unserer Gesellschaft, wird in unseren Tagen regelmäßig  teurer. Wasser wird auch in unserer Region knapper.

Vieles wird teurer, vieles wird knapper. Die Güter dieser Welt sind begrenzt – das wissen wir: Nicht nur Öl, Gas – in manchen Landstrichen dieser Welt sind auch das Wasser und das tägliche Brot begrenzte Güter. Von Milch und Wein ganz zu schweigen … Auch die Kirche kann nicht mehr wie früher gewohnt „aus dem Vollen schöpfen“. „Wir leben in einer Welt der knappen Güter, in der wir rechnen und haushalten müssen“ und das spürt wohle jeder von uns. Auch die Kirchen. (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Die Mittel werden knapper, aber wie verteilt man den Mangel gerecht? Diese Frage wird umso ernster, wenn man sich vor Augen hält, dass es in vielen Ländern der Welt Konflikte gibt, weil das verdiente Geld nicht mehr ausreicht, um das Brot, den Reis für die Familie zu kaufen. Ich halte es darum auch für eine Unsitte, wenn auf Hochzeiten Reis geworfen wird. Reis ist für die Hälfte der Weltbevölkerung ein Grundnahrungsmittel und wir werfen es auf die Straße?

Und wahrscheinlich gilt: Je höher die Nahrungsmittelpreise steigen desto kleiner wird der Traum von einer Welt, in der alle genug haben und keiner zu viel.

Gottes Angebot, vorgetragen durch den Propheten Jesaja, hebelt diesen Mechanismus aus, denn er fragt nicht nach den knapper werdenden Gütern, er bietet stattdessen Lebensfülle an und setzt so die Gesetze des Marktes außer Kraft. Die Gesetze eines Markt, der so sehr auf Wachstum setzt und auf die Vermehrung der Konsumenten. Sobald ein Markt abgeschöpft oder gesättigt ist, wird einfach ein neuer Wachstumsmarkt gesucht.

Aber für alle Märkte gilt: Der Markt kann nur wachsen, weil viele Konsumenten glauben, dass sie noch nicht genug haben.
Und die Werbung tut ihr Übriges dazu und hält die Illusion hoch, dass wir noch mehr brauchen, noch mehr haben müssen, obwohl wir eigentlich schon übersättigt sind. Wie viele Mobiltelefone braucht ein Mensch? Wie viele Paar Schuhe brauchen Sie wirklich? Oder anders gefragt:

Warum werde ich nicht satt? So heißt ein Lied der Toten Hosen. Die deutsche Punkband trifft damit den Kern einer auf Wachstum und Wohlstand ausgerichteten Welt.

Du sollst gar nicht satt werden, lautet die echte Botschaft hinter all den Verlockungen und Angeboten. Denn satt wäre gleich Geschäftseinbruch. Lieber erhalten wir dir einen künstlichen Hunger, sagen die Konzerne, die ihre Waren feilbieten.

Im Angesicht eines südamerikanischen Bauern oder eines Kindes in Indien, das für weniger als einen Hungerlohn einen billigeren Grabstein, auch für deutsche Friedhöfe herstellt, oder einer Näherin aus Bangladesch, die alle zusammen nicht genug verdienen, um ihre Familie auch nur annähernd adäquat zu ernähren, ist dieser künstlich erzeugte Hunger nicht mehr nur Hohn, sondern schon Spott .

Unsere Welt, die westliche Welt, schöpft aus dem Vollen. Wir genießen die Überfülle des Marktes.
Aber: Wie „kann man glaubwürdig von vom ‚Wasser des Lebens‘ sprechen, solange Millionen von Menschen verdursten oder ihr Wasser aus fauligen Tümpeln schöpfen. Wie kann man vom ‚Brot des Lebens‘ essen und die Hungrigen draußen lassen. […] Das unökonomische Angebot Gottes verlangt auch nach einem anderen Umgang mit den Regeln der Ökonomie: Einfach mal Wasser und Brot für alle, Saatgut ohne teure Patente multinationaler Konzerne, genug Milch für die eigene Ernährung […]. Und jeder sollte so viel Geld haben, dass er sich abends nach getaner Arbeit auch noch einen Schoppen in gemütlicher Runde leisten kann.

Eine solche Änderung des Systems aber verlangt eine ganz Menge und sie ist nicht kostenlos: Denn ein solches Umdenken fordert auch „die Bereitschaft westlicher Konsumenten, höhere Preise zu zahlen für Produkte, die fairer gehandelt werden.“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Es wird hoffentlich klar: Gott hat anderes im Sinn. Ihm geht es um die echten Bedürfnisse der Menschen und nicht um die künstlich erzeugten. Die durch Jesaja feilgebotenen Gaben sind keine Luxusgüter und stellen auch nichts Abgehobenes dar: Wasser und Brot, Milch und Wein sind alltägliche Sachen, Dinge, die man zum Leben braucht. Und was Jesaja in Gottes Auftrag den Menschen anbietet sind doch Dinge die wirklich glücklich machen.

Was macht euch wirklich glücklich?

Dinge, die mich glücklich machen:
Am Strand den Sonnenuntergang beobachten.
Knutschen.
Mit Freunden in unserem Garten am Lagerfeuer sitzen.
Wenn die Kinder samstagmorgens den Frühstückstisch decken [und mich wecken, indem sie mir einen Kaffee ans Bett bringen.]
Wenn Werder Bremen gegen den HSV gewinnt. Oder gegen Bayern.

Oder so Dinge wie im letzten Winter in Berlin: Dort steigt ein Obdachloser in einen Bus. In seiner Hand hält er ein paar Münzen, er will sich ein Ticket kaufen um wenigstens für ein paar Stunden der Kälte entfliehen zu können. Gerade als er bezahlen will, winkt der Busfahrer ab. Er ließ ihn kostenlos bis Schichtende mitfahren.

Oder sowas wie in Pittsburgh 2018: Nach einem verheerenden Attentat dort in einer Synagoge sammelte die muslimische Nachbargemeinde umgehend mehr als 120.000 Dollar, um den Opfern des Massakers schnell helfen zu können. Muslime halfen Juden. [Grenzenloses Mitgefühl]

Solche Sachen machen mich glücklich.
Dinge, die man nicht machen kann, weil sie dir geschenkt werden.
Für Geld kriegt man eben nicht alles.
Man kann Arzneimittel kaufen, aber nicht Gesundheit.
Wissen aber nicht Klugheit.
Bekannte aber nicht Freunde.
Eine Fahrkarte zu jedem Reiseziel, aber nicht zum Himmel.

Was in diesen wenigen Sätzen formuliert wird sind keine neuen Wahrheiten, sondern Allgemeingut. Wenn wir aber darum wissen, warum leben wir dann nicht danach? Könnte es sein, dass es nicht daran liegt, dass „wir das nicht wüssten, sondern eher, dass wir es nicht glauben!“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

Allzu leicht, so scheint es, wirft eine durchaus motivierte Schar die Flinte allzu früh ins Korn – liegt das daran, dass das Wort Gottes zwar so voll und schön in unseren Ohren klingt, wir aber eine Überdosis Realismus abbekommen haben?

„Unsere durch soziale Spannungen und Gegensätze zerrissene […] Welt, wartet auf ein Heilwerden, das in eine neue Verbundenheit der Menschheit untereinander führt. Und Wir werden unendlich viel Glaubensmut aufbringen müssen, dieser Welt zu sagen und zu bezeugen: das Heil ist da, für alle, schon jetzt, in dem lebendigen Wort von der in Christus erschienen heilsamen Gnade Gottes!“ (Vgl: GPM, 2. Sonntag n. Trinitatis, 1972, S. 274).

Das Warensortiment im christlichen Warenhaus, Milch, Wasser, Brot und Wein, mag überschaubar sein. Aber die Kraft darin ist unbeschreiblich.  Lassen wir uns also neu beschenken, „damit wir anderen schenken können.“
Dann wäre alles umsonst, aber nichts vergeblich!“ (J. Barthel: Alles umsonst? Bibelarbeit zu Jesaja 55, 1-5, 20102).

AMEN!

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