Wenn einer einen Bock geschossen hat…

Was machen wir eigentlich, wenn jemand einen richtig großen Bock schießt?

So richtig großen Schaden anrichtet, etwas richtig Gemeines macht?

Was machen wir dann?

Wobei wir da immer zwei unterschiedliche Fälle unterscheiden:

Wie gehe ich damit um, wenn ich etwas falsch mache?

Wie gehe ich damit um, wenn jemand anderes etwas falsch macht?

Genau das ist das Thema dieses Sonntags:

Umgang mit Scheitern, mit Fehlern, mit Gescheiterten, mit Leuten, die etwas falsch gemacht haben, die einen richtigen Bock geschossen haben.

Bei den Reaktionsmöglichkeiten gibt es bei uns ein ganz breites Spektrum.

Ich nenne mal ein paar verbreitete Reaktionen:

Rechtfertigen. „Da war doch eine gute Absicht dahinter“

Relativieren. „Das kann doch jedem passieren“

Rausreden. „Das war eine Verkettung unglücklicher Zufälle und Umstände“

Verharmlosen. „So schlimm war das auch wieder nicht“

Vertuschen. „Da lassen wir Gras drüber wachsen. Und wenn ich Glück habe, dann hat es niemand gemerkt“

Verschieben. „Die anderen haben mich dazu gebracht, das zu tun. Ich bin falsch beraten worden.“

Reparieren. „Ich versuche den Schaden auszugleichen“

Wiedergutmachen. „Ich sorge für eine Entschädigung“

Und ganz am anderen Ende der Skala:

Bestrafen. „Das muss Folgen haben“

Rächen. „Dem muss es mindestens so weh tun wie mir“

Vernichten. „Töten. Oder Wegsperren. Für immer“ Oder die Variante davon, wenn ich selber den Fehler gemacht habe: „Ich schmeiße mich vor einen Zug.“

Wir sind da in unseren persönlichen Vorlieben sehr verschieden und es kommt ja immer auch darauf an, worum es geht.

Und auf meine Tagesform.

Und ob ich mich gerade mit meiner Frau gestritten habe oder nicht.

Wobei ich glaube: Es ist bei uns ziemlicher Konsens:

Taten müssen Folgen haben

(Ausnahme: Es geht um mich selber. In einem Fragebogen in einer Zeitschrift hat einmal irgendein Prominenter – ich habe vergessen wer – die Frage gestellt bekommen: „Welche Fehler verzeihen Sie am ehesten?“ Und er hat geantwortet: „Meine eigenen!“
Das ist eine gute Illustration dafür, dass wir mit diesen beiden Sachen unterschiedlich umgehen.)

Trotzdem sind wir uns grundsätzlich einig: Taten müssen Folgen haben.

Und wer einen schlechten Job gemacht hat, der soll am besten entlassen werden oder zumindest auf gar keinen Fall befördert werden.

Ein Beispiel dafür:

Ursula von der Leyen ist die Chefin der Bundeswehr, verkalkuliert sich bei der Renovierung der „Gorch Fock“ um 90 Millionen Euro und lässt die Bundeswehr zum Sanierungsfall verkommen. U-Boote tauchen/taugen nichts, Flieger haben massive Bodenhaftung, den Truppen fehlt sinnstiftende Motivation. Doch nun soll sie an die Spitze der EU befördert werden. Und viele schütteln den Kopf und sagen: Wie kann man nur schlechte Leistung belohnen.

Wobei ich nicht behaupte, dass ich beurteilen könnte, ob Frau von der Leyen einen guten Job macht oder nicht. Das kann ich als Außenstehender überhaupt nicht beurteilen. Ich gebe hier nur wieder, was viele denken und sagen!

Im Evangelium haben wir gerade gehört, dass Gott da anscheinend ganz anders denkt und handelt wie wir Menschen.

Der jüngere Sohn hat einen großen Bock geschossen.

Er hat großen finanziellen Schaden angerichtet.

Er hat viele Menschen tief verletzt.

Seinen Vater.

Seinen Bruder.

Und auch die Leute aus seinem Dorf, über die er Schande gebracht hat.

Und als er heimkommt, wird er nicht bestraft, sondern mit offenen Armen aufgenommen.

Zumindest von seinem Vater.

Der übrigens rennt, damit er vor den Leuten aus dem Dorf als erster bei seinem Sohn ist um so zu verhindern, dass er verprügelt oder sogar gelyncht wird.

Dass das, was der Vater macht, vielen nicht richtig vorkommt sehen wir am älteren Bruder, der aus Protest der Willkommensparty fern bleibt.

Ich habe mich schon oft gefragt:

Wie hat eigentlich der jüngere Sohn das Ganze erlebt?

Aus seinem Innenleben erfahren wir ja nur etwas vor seiner Heimkehr.

Uns wird erzählt, dass er sich schämt.

Und dass er sich für völlig wertlos hält.

Und dass er den finanziellen Schaden sieht, den er angerichtet hat, und dass er es durch Arbeit als Tagelöhner wiedergutmachen will.

Und dass er einsieht, dass er Unrecht getan hat. „Ich habe gesündigt“, sagt er.

Von dem Empfang, der ihm gemacht wird und wie sein Vater reagiert scheint er völlig überrascht zu sein – aber aus seinem Innenleben erfahren wir nichts.

Schade.

Darum schauen wir jetzt noch auf Paulus.

Er hat nämlich vergleichbares erlebt.

Paulus hatte auch eine schlimme Vergangenheit.

Als Stephanus gesteinigt wurde, da saß er als Zuschauer in der ersten Reihe – und hat sich darüber gefreut, dass da mit einem Christen kurzer Prozess gemacht wird.

Später wurde er dann selber zu einem skrupellosen Christenverfolger, der auch an Hinrichtungen beteiligt war – so steht es in der Apostelgeschichte.

Und dann erlebte er eine große Wende.

Er lernte Jesus kennen und wurde Christ.

Danach hat er sich erst einmal mehrere Jahre in die Einsamkeit zurückgezogen.

Und in dieser Zeit hat er Gott immer besser kennen gelernt und zu seinem eigenen großen Erstaunen wurde ausgerechnet er dazu berufen, einer der wichtigsten Leiter der jungen Christenheit zu werden.

Vom Christenverfolger zum Chefmissionar– was für eine Wende.

Durch ihn sind viele Menschen zum Glauben gekommen.

Einer von ihnen war Timotheus.

Ihm hat er in einem Brief von dieser großen Wende in seinem Leben erzählt und wie es ihm damit gegangen ist.

Paulus hat folgendes geschrieben:

 

Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn.

Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte.

Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat.

So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.

Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste.

Aber ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen.

Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.

 

Ich finde: Bei diesen Worten spürt man sehr deutlich, wie fassungslos Paulus darüber ist, wie Gott ihn behandelt.

Und wie dankbar er dafür ist.

Gott legt mich nicht fest auf das, was einmal war.

Sondern Paulus hat erlebt:

Gott hat mich nicht verurteilt, sondern begnadigt.

Gott hat mich nicht kaltgestellt, sondern mir eine Aufgabe gegeben.

Gott hat mich nicht am Boden zerstört, sondern hatte Geduld mit mir.

Gott hat nicht Wiedergutmachung gefordert, sondern mir Glaube und Liebe geschenkt.

Eine schlimme Vergangenheit – einfach ausgelöscht, durchgestrichen.

Und Paulus kann es auch viele Jahre später immer noch nicht fassen.

Und dass er – ausgerechnet er! – dann auch noch berufen wird, für Jesus zu arbeiten.

Unglaublich.

Er kommt aus dem Staunen nicht heraus.

 

Warum erzählt Paulus das dem Timotheus und warum sollen wir immer wieder darüber nachdenken?

Ich denke, es hat zwei Gründe.

Erstens: Wir sollen lernen, mit Versagern und Übeltäter auch so umzugehen wie Gott es macht.

Vielleicht sind wir auch so Leute, die Menschen festlegen auf das, was sie waren, auf das, was sie sind.

Ohne Gnade und Erbarmen.

Die hat mich einmal enttäuscht, mit der bin ich fertig.

Das ist sehr menschlich.

Aber Gott ist ein Gott der Vergebung.

Und Gott ist ein Gott der zweiten Chance.

Und der dritten Chance.

Und der siebenundsiebzigsten Chance.

Und wir sollen denken und handeln wie er.

Wir sollen Licht der Welt sein und Salz der Erde.

Wir sollen wie Christus – also wie Gott – gesinnt sein.

Und das betrifft auch unseren Umgang mit Menschen, die etwas falsch gemacht haben.

Andere – und auch uns selber.

Es gibt ja so Menschen, die kommen aus dieser Spirale von Selbstanklagen und Verurteilungen ganz schwer heraus.

Wir dürfen Fehler machen.

Und wir dürfen, ja müssen auch mit uns selber barmherzig sein.

Wir dürfen befreit aufatmen.

Und wenn ich diese beiden Texte richtig verstehe, dann ist die einzige Bedingung:

Einsicht, dass es falsch war, was da getan worden ist  – und der Wille, etwas zu ändern.

Einsicht und Umkehr sind anscheinend die einzigen Voraussetzungen.

Aber wenn das da ist, gibt Gott:

Grenzenloses Vertrauen, grenzenlose Gnade.

Und wir sollen das auch tun.

Wenn wir Christen sein wollen, dann sollen wir das auch tun.

Auch wenn es uns total fremd ist und gegen den Strich geht.

Das ist das erste.

 

Und der zweite Grund:

Paulus möchte uns neu ins Staunen bringen, wie grenzenlos gnädig er auch mit uns umgeht.

Vielleicht denkt jetzt jemand bei sich:

Moment – ich habe weder mein Erbe verprasst noch Christen verfolgt.

Darum schauen wir einmal ein bisschen genauer hin.

Vielleicht werden wir sensibler für das, was wir sind, wenn wir einmal genauer die fünf Begriffe anschauen, mit denen Paulus sein Sünder – Sein beschreibt:

Er nennt sich Lästerer, Verfolger, Frevler, Unwissend und Ungläubig.

 

Lästerung, das war für die frühen Mönche das Laster, das sie am meisten gefürchtet haben.

Der Lästerer stellt sich gegen Gott, er lehnt sich gegen ihn auf und verschließt sich gegen ihn, weil er tief in sich glaubt:

Ich brauche Gott nicht.

Ich muss nicht auf ihn hören.

Ich weiß selber am besten, was für mich gut und richtig ist, was ich tun und lassen soll.

Es geht mir besser, wenn ich nicht auf Gott höre.

 

Paulus war auch noch ein Verfolger.

Immer wenn wir begeistert etwas vertreten, wenn wir mit großem Eifer für etwas kämpfen, sind wir in Gefahr, andere zu verfolgen.

Wir sehen dann nur noch uns und unsere Ideen und sind blind für die Wahrheit.

Wir verfolgen unsere Prinzipien und merken gar nicht, wie wir zu Verfolgern von Menschen werden, die anders denken.

 

Das Wort Frevler, hybristes, hat den Hochmut als Wurzel.

Der Hochmütige, Überhebliche und Stolze verschließt immer mehr die Augen vor seinen eigenen Schwächen, so dass er sich von niemanden mehr in Frage stellen lässt, weder von Menschen noch von Gott.

Er weiß alles besser, er hat immer Recht.

 

Unwissenheit. Ich will lieber gar nicht genau wissen, was Gott mir sagen will, was er vielleicht an meinem Leben auszusetzen hat. Da höre ich lieber weg.

 

Und Unglaube: Die Weigerung, sich Gott anzuvertrauen. Die Haltung des tiefen Misstrauens beibehalten.

 

Ich weiß nicht, wie es Euch geht.

Aber wenn ich über diese 5 Punkte in meinem Leben nachdenke, dann fühle ich mich erschreckend oft ertappt.

Und darum muss ich auch immer wieder neu darüber staunen, wie groß die Gnade und die Liebe und das Erbarmen von Gott ist.

Und ich muss immer wieder neu darüber staunen, dass Gott ausgerechnet mich als Pfarrer haben wollte.

Und ich bin immer wieder neu motiviert zu versuchen, Menschen, die etwas falsch gemacht haben, so zu behandeln, wie Gott den jüngeren Sohn und Paulus und mich behandelt hat.

Und der Friede Gottes, ….

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