Kein exklusiver Club

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Dieses Wort unseres Herrn Jesus Christus bestimmt den 2. Sonntag nach Trinitatis. Jesus selber lädt uns nicht nur zu seinem Mahl ein, sondern er will uns seine Hilfe anbieten, dass wir unsere Belastungen ertragen können, er will uns erquicken, uns froh und frisch machen. Er will uns umfassend einladen, damit es uns wirklich gut geht.

Der Prophet Jesaja weiß nichts von diesem Wort Jesu, auch wenn er ihm in seiner Zielrichtung sehr nahe kommt.

Er beobachtet eine Marktszene. Da werden Wasser und Wein, Milche und Brot angeboten. Und er stellt fest, welche Ware einen Preis hat und welche einen Wert – und das viele Menschen meinen, das sei das Gleiche.

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

Ironisch kommentiert der Prophet den Markt: Da kaufen die Menschen wertlose Lebensmittel. Sie arbeiten den ganzen Tag, um sich Dinge zu leisten, die sie nicht brauchen, um konsumieren zu können, ohne wirklich zu leben. Sein Problem ist dabei allerdings weniger, dass das gekaufte Brot eher ein Stück aus dem Chemiebaukasten ist als Handwerksarbeit aus Sauerteig, Wasser und Mehl. Das könnte heute unser Problem sein.

Sein Problem sind die Menschen, die die Erfüllung ihrer Bedürfnisse auf dem Markt suchen und nicht bei Gott. Sein Problem sind Menschen, die langsam und allmählich ihren Glauben, ihren Halt im Leben verlieren.

Der Prophet lebt im Exil, gemeinsam mit anderen Menschen, die ihre Heimat verloren haben, die fremdbestimmt leben. Äußerlich: Da gab es Besatzer, die haben sie fortgeführt aus ihrer Heimat in ein fremdes Land mit fremder Sprache, fremden Sitten, fremder Religion. Sie haben ihr Asyl nicht gesucht, es wurde ihnen diktiert.

Daraus folgte auch eine innere Heimatlosigkeit. Sie verloren ihren Sinn, ihr Ziel, ihren Glauben. Sie verloren, was ihnen wichtig war. Das war ein schleichender Prozess, auf den der Prophet mit seiner Ironie hinweist. Er warnt sie, das zu verlieren, was wertvoll ist im Leben und nur noch für den Tag zu leben.

Und er redet mit uns. Ihr bewegt euch auf dem freien Markt, gebt viel Geld aus für Dinge des täglichen Bedarfs, aber auch dafür, Sinn zu finden in eurem Leben. Dabei gäbe es dieses Angebot von hohem Wert bereits kostenlos.

Kommt herbei – hier ist Wasser des Lebens ruft der Prophet. So billig, so einfach könnt ihr nie wieder drankommen. Wie ein guter Verkäufer verzweifelt er fast daran, dass die ‚Kunden’ sein Angebot nicht annehmen wollen. Sie stolpern umher, basteln sich das, was wir heute Patchwork-Religion nennen würden, nehmen aus allen Religionen, allen Kulten das, was ihnen gerade einleuchtet – und werden doch nicht glücklich damit. Die einfache Botschaft des Predigers aber lassen sie an sich abprallen: Wasser des Lebens ist Euch schon längst gegeben, damals bei Abraham, damals beim Auszug aus Ägypten, damals in den Verheißungen an David, damals, als Jesus zu den Menschen kam, können wir als christliche Gemeinde ergänzen.

Damals ging es um das Überleben und sich einrichten in der Fremde. Heute geht es vielleicht um die Gier nach Aktien, nach Immobilien, nach Allem, was man zum Leben zu brauchen meint. Es geht so oder so um nicht weniger als um das erste Gebot: Was bestimmt mein Leben? Wir zahlen Geld für das, was nichts wert ist, und nehmen das kostenlose Angebot nicht an. Vielleicht weil das, was nichts kostet, nichts wert sein kann? Der Segen, den Gott auf sein Volk legt wird nicht sichtbar an wirtschaftlichem oder militärischem Erfolg, sondern in der Seele der Menschen. Wir könnten so zu Zeichen des Segens Gottes werden.

Hören ist in der Tat ein Gratisangebot, vor allem, wenn es verglichen wird, mit den Leistungen, die gebracht werden müssen, um in anderen Religionen zur Erleuchtung zu gelangen. Aber vielleicht gilt auch hier für Viele: was nichts kostet, ist auch nichts. Vielleicht verpassen wir darum das Wort Gottes, weil es zu einfach am Wegesrand liegt.

Vielleicht müssen wir immer wieder neu erkennen, wie groß die Geschenke Gottes sind, was uns an Gnade und Freiheit geschenkt ist. Wie wertvoll die Liebe ist mit der uns Gott begegnet und mit der er uns ausstattet.

Jesu Einladung gilt allen: Wohlhabenden und Armen, Nahestehenden und Fernen, Glaubenden und Zweifelnden. Da ist niemand, der ausgeschlossen wird. Alle, die Sehnsucht haben, alle denen ihre Last manchmal schwer wird, sind willkommen. Wohl dem, der die Einladung annimmt! Der 2. Sonntag nach Trinitatis ermuntert dazu, Gottes Einladung nicht auszuschlagen, sondern sich an seinen Tisch rufen zu lassen in eine bunt gemischte, wachsende Gemeinschaft, in der ein Klima der gegenseitigen Achtsamkeit und Wertschätzung, Offenheit für Außenstehende und Nachsicht gegen Schwächere herrscht. Christentum ist kein exklusiver Club – Gott sei Dank!

Davon erzählt schon Jesaja, auch wenn er sich nur an seine Volksgenossen und Volksgenossinnen richtet. Ihnen erzählt er von der großartigen Einladung Gottes, die ohne Vorbedingungen und ohne Leistungsnachweise erfolgt. Einfach weil da Menschen sind, die suchen.

Und er erzählt auch, dass mich diese Einladung verändern kann. So wenig, wie ich zufrieden damit bin, teure, aber schlechtere Angebote anzunehmen als das Angebot und die Liebe Gottes, so wenig werde ich dann auch in meinem Leben zufrieden damit sein, billig zu leben, auf Kosten anderer. So wenig werde ich bereit sein, vom Leben weniger zu verlangen, als die Gemeinschaft der Menschen, die zu Gott gehören. Gottes Wort gibt es kostenfrei, aber nicht umsonst. Es verändert mein Leben und macht mich zu einem neuen einem befreiten Menschen, der andere befreien kann.

An Gottes Tisch ist Platz für alle – auch für die „Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen“, auch für die von den Straßen und Gassen der Stadt. An diesem Tisch entsteht Gemeinschaft: Aus Fremdlingen werden Hausgenossen.

Kirche ist kein exklusiver Club, die Gemeinschaft der Heiligen wird niemanden ausschließen wollen, den Gott liebt.

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