Auf der Suche nach Anerkennung

  1. Suche nach Anerkennung

Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen (Joh 544), sagt Jesus und da hat er dummerweise recht. Jeder von uns ist irgendwie darauf aus von den anderen anerkannt zu werden, gemocht zu werden.

Und das ist auch nichts schlimmes. Ganz im Gegenteil – das ist einfach zu tiefst menschlich. Ich möchte ge­mocht werden, möchte anerkannt werden. Wer möchte das nicht.

Ich erinnere mich – zwar schlecht aber doch – noch ein bisschen an meine Schulzeit. So in der 7./8./9. Klasse da hat mich genau dieses Thema beschäftigt – wie vermutlich die meisten Menschen in diesem Alter.

[Ihr Konfirmanden, die Ihr heute Eure Konfirmandenzeit beginnt, Ihr seid ja gerade genau in diesem Alter und erlebt das vielleicht auch gerade.]

Pubertät – das ist die Zeit, in der die Eltern peinlich werden, sagt man ja manchmal. Und so ein bisschen ist das auch so. Es ist aber auch die Zeit im Leben, in der wir Menschen uns das erste Mal so richtig Gedanken machen, wer wir eigentlich sind. Als Kinder sind wir vor allem die Kinder unserer Eltern. Das ist der Kern kindlicher Selbstdefinition. Und dann kommt die Zeit, in der wir plötzlich merken: Wir sind noch mehr. Ich, Sebastian Maurer, bin nicht nur das Kind von meinen Eltern und was da sonst noch so dazugehört, sondern ich bin ich. Ich bin ein ganz eigenständiger Mensch. Und dann ist da sofort die Frage da: Wer bin ich denn dann? Was macht mich aus? Was unterscheidet mich von/verbindet mich mit anderen?

Und die Frage der Anerkennung spielt dabei eine große Rolle. Als Kind reichte es mir völlig aus wenn meine Eltern mir sagten, dass ich schon ganz in Ordnung bin, so wie ich bin. Plötzlich war das nicht mehr so. Plötzlich… oder eigentlich eher so ganz allmählich merkte ich, dass es mir doch auch immer wichtiger wurde, was Freunde und Schulkameraden und auch ganz andere Leute von mir dachten. Und dann waren eigentlich nicht nur meine Eltern peinlich, sondern eigentlich alles irgendwie. Furchtbar.

Und so richtig aufhören tut das ja auch nie, man gewöhnt sich aber mit der Zeit dran und dann ist es einem irgendwann auch egal.

  1. Menschliche Anerkennung

Aber: Anerkennung anderer bleibt wichtig. Ja, ich will anerkannt werden und gemocht werden. Das ist normal, das geht allen so. Aber irgendwann musste ich auch begreifen, dass mich eben niemals alle mögen werden und ich es nicht allen recht machen kann und dann auch nicht von allen gleichermaßen aner­kannt werde.

Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen (Joh 544), sagt Jesus und da hat er dummerweise recht.

Denn mit der menschlichen Anerkennung ist das so eine Sache. Sie ist mitunter flüchtig. Anerkennung kann man erlangen und wieder verlieren.

Auch das habe ich gerade als Jugendlicher durchaus schmerzhaft lernen müssen. So manch einer, der einmal mein bester Freund war, fand mich irgendwann nicht mehr cool genug und suchte lieber den Kontakt zu anderen, die eben viel, viel cooler waren. Und dann wurde ich nur noch mit einem kurzen Kopfnicken gegrüßt und auch nur dann, wenn es keiner der „richtigen Coolen“ mitbekam.

Zum Glück hatte ich da schon gelernt, dass ich von anderen durchaus wesentlich mehr anerkannt wurde. Und dass mir Coolness irgendwann ziemlich egal war.

Aber Ihr merkt schon: Das wurmt mich noch heute.

Ja, das mit der Anerkennung ist schon so eine Sache. Anerkennung ist wichtig für uns Menschen. Für alle. Und jeder, der sagt, ihm oder ihr wäre es egal, was die anderen von ihm denken, lügt (oder hat ein anderes Problem). Und gerade die selbst gewählte Isolation ist oft auch nur eine Methode um Aufmerksamkeit und dann auch Anerkennung zu bekommen.

  1. Göttliche Anerkennung

Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen, sagt Jesus, nur die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.

(Joh 544)

Ja, es scheint so ein bisschen so, als war die Enttäuschung über mangelnden Glauben schon ein Problem, mit dem sich auch unser Herr und Heiland auseinander setzen musste. Und wenn er sagt Ich bin nicht dar­auf aus, von Menschen Anerkennung zu bekommen (Joh 541), dann klingt das nur so halb glaubhaft, spricht doch dieser Text ansonsten eine ganz andere Sprache. Das ist hier einer der Texte, an dem man merkt, dass in Jesus Gott und Mensch sich sehr nahe kommen. Göttliche Erhabenheit und menschliches Angefochten Sein sind hier ganz dicht beieinander.

Aber mag der Menschensohn hier auch noch so angefressen sein, weil alle die, die ihm zuhören und mit ihm unterwegs sind und ihm nach­laufen, bei jeder Gelegenheit unter Beweis stellen, dass sie das mit dem Glauben an Jesus und seine Botschaft zwar schon ernst meinen, aber dass eben doch so vieles andere irgendwie immer wichtiger ist… Mag der Menschen­sohn auch noch so genervt sein, der Gottessohn weist dennoch daraufhin, wo der Ausweg ist: „Warum ist Euch die Anerkennung der an­deren Menschen immer so wichtig, aber warum küm­mert es Euch so wenig, was Gott von Euch denkt?“

Denn das wäre ja eine Frage, die für einen Christenmenschen eigentlich schon wichtig sein müsste.

Was denkt Gott eigentlich von mir? Was hat der eigentlich für eine Meinung von mir? Wie sieht der mich? Was für eine Meinung hat Gott von mir?

Ich behaupte mal einfach – Ihr dürft mir gerne widersprechen –, dass sehr viele Menschen, wenn nicht gar nicht meisten, von denen die von sich behaupten, dass sie irgendwie ja schon an Gott glauben und erst recht für die, die lieber nur von einer höheren Macht sprechen… dass die meisten davon ausgehen, dass die reine Annahme, dass es diesen Gott gibt, schon Glauben sei. „Ich glaube, dass es Gott (irgendwie) gibt, also glaube ich an Gott.“

Nein! Das ist (noch) kein Glaube, denn das würde nichts in meinem Leben austragen. So eine Annahme schadet sicherlich nicht, aber sie nutzt auch nicht und weder Gott noch ich selbst hätten etwas davon. Da könnte ich auch sagen: „Ich glaube, dass Elvis lebt. Oder dass es Außerirdische gibt.“ Das ist schön aber darauf kann ich nichts bauen.

Glaube ist erst dann wirklich Glaube, wenn ich zu meinem Gott eine Beziehung habe. Oder wenigstens versuche eine Beziehung zu Gott aufzubauen.

Glaube fängt da an, wo ich versuche Kontakt zu meinem Gott aufzunehmen, z.B. wenn bete.

Und beten kann so vieles sein: Ritualisierte, „immer gleiche“ Gebete, wie das Vaterunser in der Kirche, das Tischgebet vor dem Mittagessen oder ein Nachtgebet vor dem Einschlafen, sind genauso wertvoll und genauso wichtig für die eigene Gottesbeziehung, wie ein „lockeres Gespräch mit Gott“ – meinetwegen auch morgens unter Dusche. In den Don-Camillo-und-Peppone-Filmen quatschte der katholische Pfarrer Don Camillo immer ganz locker mit Jesus, der ihm quasi aus dem Kruzifix in der Kirche heraus antwortete. Und auch wenn Gott in aller Regel leider nicht hörbar antwortet, sind solche lockere Gespräche mit Gott echte Gebete und mitunter wirklich sehr hilfreich. Glaubt es mir. Und was ich unserem Herrn nicht schon alles an den Kopf geschmissen habe…

Glaube fängt da an, wo ich versuche Kontakt zu meinem Gott aufzunehmen.

Glaube fängt da an, wo ich mir Gedanken mache, was Gott, was Jesus für mich bedeutet.

Glaube fängt da an, wo ich mich Frage, was würde Jesus jetzt zu mir sagen, wie würde Gott jetzt denken, was würde er mir raten. Was würde er mit vielleicht vorhalten…

Glaube fängt da an, wo ich Gott als mein Gegenüber anerkenne und nicht nur einfach als höheres, aber fernes und fremdes Wesen wahrnehme, sondern als echtes Gegenüber, als Begleiter, Berater, Freund, Vater, Mutter oder was auch immer anerkenne.

Glaube fängt da an, wo ich nach Anerkennung frage – und zwar nach gegenseitiger Anerkennung.

  1. Freiheit durch Gott

Und diese gegenseitige Anerkennung ist etwas wunderbares, denn sie verschafft mir Freiheit und Gelassenheit im Umgang mit meinen Mitmenschen.

Wenn ich mit meinem Gott in einer lebendigen von Anerkennung geprägten Beziehung stehe… Wenn ich weiß, da ist einer (oder eine), von dem ich weiß, dass er mir zuhört und mir durchaus auch antwortet – wenn auch nicht mit einer hörbaren menschlichen Stimme – Gottes Antworten muss man manchmal ganz schon suchen, vor allem, wenn sie anders sind als erwartet…

Aber wenn ich weiß, da ist einer für mich da, der mich ernst und den ich auch ernst nehme… Wenn ich weiß, da ist einer, der ist für hilfreicher Freund, kritischer Berater, liebervoller Vater, strenge Mutter oder so…

Dann weiß ich: Für mich ist in jedem Fall gesorgt. Es ist jemand an meiner Seite. Immer und in jedem Fall.

Und dann werden mich die Unwägbarkeiten menschlicher Beziehungen nicht mehr so sehr anfechten. Im Gegenteil: Dann ich bin ich – zumindest für mich – immer der starke, der coole, der, der mit beiden Füßen fest auf dem Boden, im Leben und im Glauben steht.

Vielleicht nicht immer, aber immer öfter.

Amen.

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