Das Hörbuch – Die Bibel

Wir hören den Predigttext bei Johannes im 5. Kapitel (39-47).

Liebe Gemeinde,
ich war bei einer „Goldene Konfirmation“ in der Gemeinde meiner Jugend, in Berlin-Britz. In dieser Gemeinde ist es Brauch, dass die Jubelkonfirmanden Erinnerungsstücke aus ihrer Konfirmandenzeit, hier Mitte der 70er Jahre, mitbrachten.
Eine Single von den Beatles in Vinyl! Ein Kassettenrecorder von ITT Schaub-Lorenz! Ein Walkman, auch schon mit Kopfhörern! Ein Album mit eingeklebten Farbfotos! Eine Liedmappe im Schnellhefter A5 quer, und so weiter. Alles recht gut in Schuss.

Leider hatte keiner der Teilnehmenden eine Lutherbibel dabei. Luthertext, revidiert 1956, wie würde sie aussehen? Vielleicht in Lederhülle mit Reißverschluss und Goldschnitt? Alles unversehrt, wie aus dem Ei gepellt? Oder mit Gebrauchsspuren? Lose Seiten, abgestoßene Ecken? Wie sieht ihre alte Bibel aus?

Meine Mutter war in Britz im GKR. Die GKR-Sitzungen begannen dort mit einer Bibelarbeit. Bibeln wären dort verfügbar gewesen, allerdings hatte die Hälfte der Mitglieder ihre eigene dabei. Heute wäre wohl die kleinste eine App auf dem Smartphone.

Die größte allerdings hatte der schon betagte Pfarrer – Kiloschwer. Die Bibel hatte neben den gedruckten Spalten einen breiten Rand. Auf den meisten Seiten hatte er, neben dem Text, Notizen und Anmerkungen gemacht. Was für ein ramponiertes Ding. Ein Wunder, dass sie nicht auseinandergefallen war. Aber, die Gebrauchsspuren waren das Gütezeichen. Offenbar benutzte er diese Bibel schon sein ganzes Pfarrerleben lang.

Am Sitzungsbeginn wurde die vorgeschlagene Bibellese aus den Losungen gemeinsam bedacht. Jeder der wollte, konnte seine Eindrücke schildern. Unklare Stellen versuchten sie gemeinsam zu erörtern. So im Tenor: was meint die Heilige Schrift damit, was hat das mit unserem Alltag zu tun?

In Hausbibelkreisen wird das wohl ähnlich sein. Wie Jesus sagte: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin, und sie ists, die von mir zeugt.“ Joh. 5, 39

Wo gibt es das heute noch? An welchen Orten wird noch händeringend nach Antworten gesucht, wo wir Leben finden können? Wo wird noch gerungen um die Wahrheit? Das ist ja fast ausgestorben!

In Talkshows vielleicht noch, wenn handverlesene Experten einer Position, je schriller, je lieber, aufeinander losgehen. Das sind die Ausnahmen.

Es gab Zeiten, da musste Hochschulprofessoren ihren ganzen Mut zusammennehmen, wenn sie in ihre Vorlesung gingen. Da kamen sie womöglich gar nicht zu Wort. Die jungen Leute wollten diskutieren statt zuhören. Darum wurden sie ausgepfiffen. Das artete dann in Streitgesprächen aus. So wie im Text, Jesus mit den Pharisäern.

Es wurde gerungen um die Wahrheit. Diese suchten die Pharisäer in der Heiligen Schrift. Genauer, im „Alten Testament“. Was wurde erfragt?
Nicht, in welchem Zeitraum wurde die Welt erschaffen, Woche oder Jahrmillionen? Welche Weinsorte hat Noah angebaut? Wo ist die Bundeslade geblieben?

Sie haben nach wichtigerem gefragt. Was sagt die Schrift über den Messias, den Heiland der Welt? Sehnsucht und Unruhe trieb die Leute damals um. Wir haben es da viel besser. Wir wissen: In Jesus ist der Erlöser erschienen. Das macht uns dankbar. Das kann uns aber auch faul machen!

Die Frage ploppt auf, brauchen wir das „Alte Testament“ überhaupt noch? Das ist doch durch Jesus überholt. Wer einen Flachbildschirm hat, guckt keine Röhre mehr. Wer ein Navi hat, legt die Straßenkarte beiseite. Alt ist out, abgemeldet.

Das Mitglied eines Besuchsdienstes erzählte vom Besuch bei einer jungen Frau. Während des Gespräches fragte er, ob es eine Bibel in ihrem Haushalt gäbe? Die Frau antwortet: „Ja, wir haben Eine. Aber sie ist uralt. Ich weiß nicht, ob die heute noch gilt!“

Diese Sorge ist unbegründet. Die Bibel ist zeitlos. Denn in ihr geht es um ewige Wahrheiten. In ihr wurden Weisheiten und Gesetze niedergeschrieben. Das meiste allerdings, sind Darstellungen von Erlebnissen der Menschen, die sich auf Gott eingelassen haben.

In Luckenwalde, im Kindergarten meiner Enkelin, ist jeden Freitag Wochenendandacht. Die Kinder hören von Adam und Eva und warum Gott sie des Paradieses verwies. Vom Turm zu Babel, der unvollendet blieb, weil Gott den Hochmut der Menschheit durch die Sprachverwirrung dämpfte.

Von David, der das Kraftpaket Goliath von den Beinen holte. Von Ruth, die auf dem Feld Körner sammeln musste, um nicht zu verhungern.

Die Kinder hören davon, lesen können sie noch nicht. Die Bibel, das Hörbuch. Viel besser als die elektronischen Hörbücher. In denen prominente Sprecher farblose Klassiker interessant lesen.

Die Bibel ist noch viel spannender, denn da spricht kein Schauspieler, sondern Gott selbst. Dabei nutzt er fehlbare Menschen. Und er hat keine Angst, dass die Qualität darunter leidet, im Gegenteil.

So spricht Gott durch Totschläger wie Mose oder David. Durch Rahab, die Bordsteinschwalbe. Jakob den Erbschleicher. Josef die Petze. Jona den Hasenfuß.

Die Geschichte von Jona, der drei Tage im Bauch des Fisches, auf dem Weg nach Ninive war. Diese Geschichte war einmal Thema. Und eine Frau aus dem Kirchenchor fragte: „Jona? Von einem Fisch verschlungen? Davon habe ich noch nie gehört.“

Diese Frau singt im Kirchenchor. Und wenn der Chor nicht sang war sie oft im Gottesdienst. Sie kannte die Geschichte von Jona nicht? Ich grübelte, dann würde sie sicher auch anderen interessante Geschichten nicht kennen.

Aber wie kann das angehen, bei einer regelmäßigen Kirchgängerin? Einen Grund dafür spürte ich auf. Selten wird im Gottesdienst über das „Alte Testament“ gepredigt. Und wenn, dann immer über dieselben Textstellen. Für die zu predigenden Texte gibt es die Perikopenordnung. Das ist ein Plan, der über einen sechsjährigen Rhythmus, jedem Sonntag feste Textstellen zuweist. Die meisten Texte sind aus dem „Neuen Testament“. Viele aufregende Geschichten aus dem „Alten Testament“ kommen so nie an die Reihe.

Z.B.: Wer waren die Männer im Feuerofen, warum wurde der kleine König Joasch vor der Königin Atalja jahrelang versteckt? Oder wie kam die Bundeslade nach Jerusalem? Wieso wurden Absalom oder Simson ihre langen Haare zum Verhängnis?

Aber das wurde nun mit Einführung der neuen Perikopenordnung geändert. Freut euch auf neue, interessante und selten gehörte Geschichten.

Viele Besucher in Gemäldeabteilungen von Museen verstehen viele Bilder von bedeutenden Künstlern nicht. Sie denken, es handelt sich um Mythologie. In Wahrheit ist es eine biblische Geschichte. Nur leider kennt keiner mehr die Handlung, noch die Akteure. Wir verarmen.

Vielleicht denken einige Gemeindeglieder, ich weiß Bescheid. Ich kenne den Stoff und die Helden der Lutherbibel. Lehnen sich zurück, stellen die Bibel ins Regal und sagen: „Wenn ich mal nicht weiterweiß, weiß ich wo sie steht.“

So lassen die einen aus Hochmut oder Besserwisserei die Bibel im Schrank. Andere vielleicht aus Nachlässigkeit. Die einstige „Gute Gewohnheit“ ist abhandengekommen. Sie geht unter, in dem Vielen, was täglich eure Zeit und Kraft voll beansprucht.

Fangt wieder an! Ihr habt doch bestimmt ein Losungsbuch. Den Kalender, in dem für jedem Tag ein Hoffnungswort, auch aus dem „Alten Testament“, steht. Nehmt euch täglich die Zeit und schau hinein.

Dann lest nicht nur die Losung, das mag beim Frühstück reichen. Aber zu einer Zeit, wo ihr mehr Ruhe habt, nehmt den vorgeschlagenen Abschnitt vor. Der ist nicht lang, oft nur ein halbes Kapitel. Denkt darüber nach, betet und redet mit Gott darüber. Die stille Zeit mit Gott soll ein Gespräch sein. Nicht einseitig: „Lieber Gott mir fehlt das und das, Amen“, Ende. So nicht!

Beginnt mit Lesen eines Bibelstücks, dann denkt in Ruhe darüber nach. Am besten die Gedanken notieren. Im Losungsbuch, Kalender oder Tagebuch. Oder wie der Pfarrer vom Anfang der Predigt, in seiner XXL-Bibel. Das weckt Begeisterung.

Viele „unbeleckte“ Menschen haben schon über Verteilaktionen von „Evangelien“ oder „Neuem Testament“ zu Jesus gefunden. Manchmal gibt es dann Kommentare wie: „Das Buch ist super! Ich habe es gleich durchgelesen!“ Und weiterführend, ließen sich einige dann sogar taufen.

Was aber ist mit denen, die probiert haben die Bibel zu verstehen? Jesus dennoch nicht fanden, wie die Pharisäer im Text. Sie haben das Ziel vor Augen und die richtige Landkarte. Sie studieren sie eifrig. Aber den Weg, der überdeutlich eingezeichnet ist, den finden sie nicht. Dem Apostel Paulus, früher selber Pharisäer, ist das ein Rätsel. Es ist wie eine Decke vor ihren Augen, sagt er. Über die vielen Gesetze, Gebote und Eitelkeiten übersehen sie Jesus.

Meine Oma wollte die Bibel einmal komplett durchlesen. Mit der Schöpfungsgeschichte ging es noch. Dann kämpfte sie sich durch die ersten 100 Seiten und blieb dann bei Mose und irgendwelchen Gesetzen hängen. Oder war es bei den 20 Seiten Inneneinrichtung der Stiftshütte. Oder bei den Kriegen von Josua. Jedenfalls, sie fuhr sich fest. Allein funktioniert das nicht.

Leider kannte sie keinen Hauskreis oder unsere Landeskirchliche Gemeinschaft. In diesen Kreisen treffen sich Interessierte, lesen gemeinsam Stücke der Bibel und tauschen sich darüber aus. Der Vorteil dieser Gruppen ist, es wird zusammengetragen was jeder gefunden hat. So kommt ihr weiter, so macht Bibellesen noch mehr Freude.

Ansonsten macht es für euch, ohne Druck: Lest, was euch anspricht. Befremdet es euch, scheint es für andere geschrieben? Blättert weiter bis Gott zu euch spricht. Z.B. eine Seite blättert auf, ein Wort springt euch an, ihr werdet es spüren. Vielleicht durch eine Geschichte die ihr erstmals lest. Oder durch Geschichten, die ihr schon kennt, wo er euch etwas Neues zeigen möchte.

Das ist dann wieder ein guter Grund, sonntags, hierher zu kommen. Wo ihr euch überraschen lassen dürft: Z. B. wird in der Predigt ein Gedanke entfaltet, ein Aspekt betrachtet. Ups, so habe ich das ja noch gar nicht gesehen. Und plötzlich leuchtet ein bekanntes Bibelstück von einer ganz unerwarteten Seite auf.

Seid ihr dann einmal in einer Gemäldegalerie und steht vor einem Bild mit einem fremden biblischen Motiv, merkt euch die Textstelle. Zuhause lest dann nach, ihr kennt jetzt den Weg. Vielleicht macht ihr neue Entdeckungen in der Heiligen Schrift.

Denn Christus spricht zu uns. Er hat unendlich viele Möglichkeiten. Aber mit Sicherheit spricht er durch die Bibel. So haben wir ihn immer ganz nahe bei uns und sind so unendlich reich beschenkt. Wir können immer wieder schöpfen aus dem Brunnen, der nie versiegt.

Der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir Erkennen und Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Joachim Musiolik.)

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