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Wenn Sie die Berichte vom aktuellen Kirchentag in Dortmund verfolgen, werden Sie feststellen: Evangelisches Leben blüht. Die Vielfalt der Meinungen der Weltsichten, der Meinungen über das, was christlich geboten ist, ist beeindruckend und manchmal auch verwirrend. Und wir nehmen zur Kenntnis und hätten manchmal gerne einen Papst, der uns sagt, was richtig ist, was wir glauben sollten und was nicht. Nun ja: Nicht gerade diesen und seinen Vorgänger erst recht nicht. Aber irgendwie dann doch schon.

Jesus hat es auch mit traditionellen VerfechterInnen der reinen Lehre zu tun, die seine Worte anzweifeln. Ihnen stellt er sich in einer Rede:

39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; 40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. 41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen an; 42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. 43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. 44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? 45 Meint nicht, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft. 46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Ob seine Rede viel Erfolg gehabt hat, bezweifle ich. Sie ist nicht wirklich einladend, nicht charmant genug. Damit ist keine Wahl zu gewinnen.

Aber sie erzählt viel über uns und von unserem Glauben. Und sie erlaubt uns, nachzudenken, wer wir sind.

Manchmal meinen wir ja, unser Glaube sei unser Verdienst, unsere Leistung. Wir könnten stolz darauf sein. Aber hier wird klar: Glaube ist ein Geschenk, das aus dem Hören kommt und nicht jedem gelingt das. Und Jesus macht deutlich: Glaube lebt in der Gegenwart, aber er lebt auch aus den Wurzeln der Vergangenheit. Exemplarisch nennt er hier Mose, auf den er sich in Taten und Worten bezieht.

Glauben ist kein intellektueller Vorgang und auch kein Ergebnis intensiven Bibelstudiums. Glauben kommt aus dem Hören des Wortes Gottes und aus dem Vertrauen in die Liebe Jesu Christi. Intellekt und Bibellektüre sind dann der zweite Schritt. Und Glaube wird weitergegeben, in dem Menschen christlich Leben und von der Liebe Gottes erzählen.

In dieser Überlieferung der Worte Jesu geht es auch um Verletztheit der christlichen Gemeinde. Es schmerzt, dass die jüdische Gemeinde sich abgrenzt, nicht anerkennt, dass in Jesus Christus der Messias Gottes gekommen ist.

Unsere Konfliktlinien sind Andere. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht mehr so recht weiß, was Pfingsten bedeutet außer Rock am Ring, die Christi Himmelfahrt mit Vatertagstouren gleichsetzt und bei Trinitatis nur noch auf Ahnungslosigkeit trifft.

Immer mehr wird wichtig bleiben, dass wir aus dem Wort Gottes kein Denkmal machen, dass unveränderbar auf seinem Sockel steht und nichts mehr mit uns zu tun hat. Wir müssen immer neu herausfinden, wie Gott uns in unserem Leben begegnen will, wie sein Wort unser Leben aufmischen will, was seine Geburt, sein Heiliger Geist für uns bedeuten.

Die Schrift verweist auf das lebendige Wort Gottes, das wir erkennen dürfen und in unserem Leben zur Entfaltung kommen lassen können. Und Jesus ermutigt und, immer neu auf die Suche zu gehen nach Gottes Wahrheit in unserem Leben.

Wer sucht, hat noch nicht gefunden. Wer sucht, rechnet damit, dass die Wirklichkeit nicht in Stein gemeißelt ist, rechnet damit, dass die eigene Weisheit nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Dass Gottes Wille immer noch ein ganz anderer sein kann als das, was wir heute dafür halten.

Wir sind alle einzelne Personen mit eigener Glaubensgeschichte und eigener Form, Glauben zu leben. Das ist wertvoll, dass wir diese Vielfalt auch pflegen, nicht kritiklos und schon gar nicht ohne Diskussion. Aber ernst nehmen, dass wir gemeinsam auf einem Pilgerweg sind hin zum lebendigen Wort Gottes.

Davon legt nicht nur der Kirchentag Zeugnis ab. Davon legt auch unser Gemeindeleben Zeugnis ab mit seinen viele unterschiedlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Zeugnis geben, heißt im griechischen martyrein. Wer Zeugnis gibt über seinen Glauben, macht sich angreifbar, wird womöglich zum Märtyrer, zu Märtyrerin. Ein Zeugnis kann aus Worten und Taten bestehen und bezieht Kraft aus Worten und Taten Christi. Jede gelebte Liebe, jedes Zeugnis ist Glaubensbekenntnis über den lebendigen Gott.

Jesus ist selber als Zeuge gekommen. Er ist das lebendige Zeugnis der Liebe und Hingabe Gottes. Er steht in der Tradition des Mose und weist darüber hinaus. Ohne Mose keinen christlichen Glauben. Ohne das Hören auf Gottes Wort auch nicht. Ohne die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder geht Glauben eben auch nicht.

Nicht die Geschichte ist das letztgültige Zeugnis der Liebe Gottes, sondern das Bekenntnis zu seinem Sohn, zu seiner gelebtem Liebe.

Der 1. Sonntag nach Trinitatis ermuntert uns dazu, dass wir achtsam bleiben für die Stimme Gottes zwischen den vielen Stimmen um uns. Helfen kann uns, wenn wir auf die Liebe sehen, die wir in Christus und seiner Gemeinde erleben. Helfen kann uns das Zeugnis von Mose und den Propheten, ein Bekenntnis, das an Gott allein festhält und nach Gottes Willen fragt. Helfen kann uns aber auch, wenn wir achtsam bleiben für uns selber. Wie reden wir über Menschen, wie gehen wir mit ihnen um? Was ist wirklich wichtig in unserem Leben, was beherrscht unser Denken?

Zum Kirchentag gehört der Markt der Möglichkeiten, eine riesige Messe, auf der Initiativen, Gruppen, Parteien, Institutionen und Firmen Antworten anbieten auf Frage des Lebens. Manchmal auch auf Fragen, die ich nie gestellt habe. Ich muss mich entscheiden, wie ich mit solchen Antworten umgehe, auf welche Angebote ich eingehe. Ich muss meinen Weg finden mit meinem Glauben, mit meinem Gewissen und mit Schwestern und Brüdern – aber auch mit den Anderen, mit den Menschen, denen ich begegne, von denen manche auch eine Herausforderung sind.

Es gibt keinen Papst und auch sonst keinen Menschen, der mir sagt, was richtig ist. Es gibt Menschen, die mir Antworten anbieten. Meine Antworten muss ich aber selber suchen und finden.

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