Gedanken zu statt einer Predigt über 2.Korinther 13, 11-13

Der Prediger/die Predigerin betritt die Kanzel und tritt so der erwartungsvoll blickenden und hörbereiten Gemeinde entgegen. Und je nach persönlicher Neigung oder örtlicher Tradition folgt der Kanzelgruß: „Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus“ oder: „ Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.“ Ich jedenfalls kenne es nicht anders!

Der Kanzelgruß nimmt mich mit in die Rolle hinein, die ich nun habe, nicht mehr nur Liturg, sondern Prediger, der das Gespräch zwischen dem auszulegenden Bibeltext und der Gemeinde anstimmt, leitet, voranbringt, also mitten in der Kommunikation des Evangeliums steht –  ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen, dort steht Gott mit seinem Wort- und doch äußerlich Wortführer ist, aber auch wenn die Predigt in den meisten Fällen monologisch aufgebaut ist, hoffentlich die Gemeinde in seinen Gedankenbewegungen zu Worte kommen lässt.

Die Kundigen haben vielleicht Ernst Lange herausgehört, für den Kommunikation des Evangeliums die Hauptaufgabe der Verkündigung, und damit auch im Raum der Lehre der Praktischen Theologie ist und der einen Blick auf die Strukturen und die Gestalt von Kommunikation lenkt. Die Geschichte des dreieinigen Gottes will weitererzählt und in die Lebensgeschichte der Hörer eingetragen werden. Hier ist nicht der Ort abstrakter, weltfremder und sich selbst genügender theologischer Spekulationen, so aufregend auch sie zu ihrer Zeit sein können, sondern lebensrelevanter Gottes- und Menschengeschichte, übrigens kein Widerspruch zu guter Dogmatik. Aus Anlass des Barth-Jahres hat Ralf Frisch in seinem Bändlein „Alles gut – warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat“ den narrativen Charakter der kirchlichen Dogmatik betont, die die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt, weitererzählt. Barths Kirchliche Dogmatik als großes Narrativ – eine ganz ungewohnte Sicht auf dieses unvollendete Werk…aber von Gott zu erzählen kann auch nie ein vollendetes Werk sein, schon gar kein menschliches. Aber wenn Gott in sich Beziehung ist, und dann in Beziehung tritt, dann gibt es allerdings viel zu erzählen, Stoff ohne Ende.

So muss ich also beim Predigttext für den kommenden Sonntag eben bei mir und meiner Erfahrung und meiner Beziehung zu diesem Wort Gottes  anfangen, auch wenn ich nicht das erste Wort habe.

Ich möchte weder als Prediger noch als Hörer auf den Kanzelgruss verzichten. Qualifiziert er doch die folgende Rede in besonderer Weise. Es folgt eben nicht nur eine persönliche Meinungsäußerung, eine kluge und hoffentlich vorbereitete Rede, sondern eine provozierende Ansprache an den Hörers, aus der der Anspruch Gottes deutlich wird und unter dem auch der Prediger/die Predigerin steht. Gegen die Beliebigkeit der Kanzelrede, die ja jeder halten könnte und natürlich auch halten darf, geht es um die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, um  die Liebe Gottes, und um Gemeinschaft, wie Gottes Geist sei schafft. Das Gottesdienstbuch, seit Ende der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts in Geltung, hält den Kanzelgruss allerdings für entbehrlich, da der Prediger ja bereits als Liturg die Gemeinde in der Salutatio gegrüßt hat und Doppelungen vermeiden möchte. Ich bleibe dennoch fröhlich beim Kanzelgruß und glaube dies mit guten Grund tun zu dürfen, und fange gern an zu erzählen.

Eine besondere Herausforderung, wenn die Zeit der eindrucksvollen Feste im Kirchenjahr zu Ende geht, uns damit keine Festerzählungen oder Legenden mehr zur Verfügung stehen und das Leben mit seinen Geschichten herhalten muss.

Wenn ich nicht aufpasse, verirre mich in den Spekulationen über das innere Wesen Gottes: drei in eins, eins in drei

Der Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt; Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren, Gott gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; und der Heilige Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird.

Wobei wir dann schon an der Stelle sind, an der Streit losgeht… Das kommt davon, wenn man spekuliert und nicht erzählt.

Wie will ich das Wesen ergründen, das innige Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist erfassen, wenn ich schon nicht verstehe, was unter Menschen auf der Beziehungseben alles funktioniert oder scheitert und sich meinem Verstehen jedenfalls gnadenlos entzieht.

Da liegt es doch viel näher, mich in die Gnade, in die Liebe und in die Gemeinschaft zu stellen und zu erleben, was um mich herum geschieht:

Brüder und Schwestern sind beieinander, nicht immer ganz einfach, nicht immer ganz glücklich, nicht immer konfliktfrei – sonst gäbe es die Korintherbriefe nicht und wir hätten auch nicht wirklich Kenntnis, wie früh geprägte liturgische Formeln schon existierten.

Aber immer bleiben sie: Brüder und Schwestern, auf wunderbare oder schicksalshafte Weise miteinander verbunden, egal, ob es gefällt oder nicht. (wir dürfen hier getrost das paulinische „adelphoi“ um die Schwestern erweitern)

Ihre, Unsere Gemeinschaft, Verbundenheit, Freude, Hoffnung, auch  ihr/unser Glaube sind Teil der Gottesgeschichte, die erzählt werden will. Übrigens wäre das endlich einmal nicht defizitorientiert, sondern würde an positives anknüpfen: seht, was ihr habt – und nicht nur, was euch nicht erst 2060 fehlt…

Es ist zugleich eine Gegengeschichte gegen alle ab- und ausgrenzenden Unterscheidungen zwischen Menschen je nach Herkunft, Geschlecht, Aussehen, auch womöglich gegen religiöse Abgrenzung, wenn sie außer Acht lässt, dass der Schöpfungsglaube alle Menschen erst einmal als Geschöpfe und Kinder Gottes sieht.

Das Problem ist nicht neu, die Mahnung ist alt: „habt einerlei Sinn!“ Mit anderen Worten: ringt um gemeinsame Sichtweisen, gemeinsame Standpunkte, findet euch mit der Differenz und der daraus folgenden Distanz nicht zu früh ab, das Bekenntnis zur Vielfalt darf nicht im Widerspruch stehen zur Suche nach dem verbindenden, sinnstiftenden und gemeinsam tragenden Grund. 

Liebe und Frieden sind verbindende und lohnende Ziele: füreinander einzustehen und in den Unterschieden, in der Vielfalt das gemeinsame Bild Gottes entdecken ist eine Erwartung an uns Christen, der ich mich auch nicht wirklich entziehen kann, an der vielmehr die Glaubwürdigkeit unseres Friedenszeugnisses hängt.

Es muss ja nicht gleich ein Kuss sein, der die Verbindung ausdrückt, auch wenn er als Sinnbild der Nähe und der manchmal auch körperlichen Zuwendung schon Sinn macht. Wir müssen Berührung nicht scheuen, nicht untereinander, aber auch mit denen nicht, die uns unberührbar erscheinen, denen zu nahen auch mir manchmal unsagbar schwer fällt. Dazu muss ich wahrlich kein Heiliger werden, aber das Heil wird so konkret und erlebbar, wenn ich berührt, angefasst, wahrgenommen und angenommen werde.

Die Gottesgeschichte kann ich wunderbar erzählen unter den Stichworten Gnade, Liebe und Gemeinschaft.

Es sind natürlich die triadischen Formeln, die solche Texte für die Sonntage ab Trinitatis qualifizieren.

Aber es ist auch theologisch richtig. Denn so wird die Heilsgeschichte von Vater und Sohn und Heiligem Geist, von Schöpfung, Erlösung und Heiligung qualifiziert. Aber nicht als Spekulation, sondern als Erzählgeschichte: Gott für uns und nicht Gott sich selbst genug.

Darum: „Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!

So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.

Grüßt euch untereinander mit dem Heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch alle.“

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