Der Erinnerer

Heute geht es um die Vergesslichkeit.

Ich bin leider ein ziemlich vergesslicher Mensch.

Ein Freund von mir – er ist auch Pfarrer – hat dagegen das Gedächtnis eines Elefanten (sagt er selber).

Er kann sich zum Beispiel mit jemandem unterhalten und wenn er denjenigen Jahre später wiedertrifft, dann kann er das Gespräch einfach fortsetzten.

Wie geht’s denn ihrer Tochter in München? Die hatte doch so Schwierigkeiten im Studium? Und was ist aus der Bienenzucht geworden, die ihr Mann anfangen wollte?

Ich habe meinen Freund schon oft hemmungslos beneidet, denn – wie gesagt – ich bin eher ein vergesslicher Mensch.

Schon das Merken von Namen bereitet mir große Schwierigkeiten.

Aber eines Tages habe aufgehört, meinen Freund zu beneiden.

Nämlich wie er mir erzählt hat:

Gerhard, ich kann aber auch keine Kränkung vergessen. Jedes gemeine Wort – und wenn es 30 Jahre her ist – das ist in meinem Gedächtnis so frisch, als wäre es gestern gesagt worden.

Ich habe mir gedacht: Dann habe ich lieber ein schlechtes Gedächtnis.

Es gibt ja schließlich auch eine Menge Techniken und Hilfsmittel, die einem da weiterhelfen.

Aufschreiben zum Beispiel.

Oder in elektronischen Kalendern kann man Termine und Aufgaben eingeben, und der Kalender erinnert einen dann rechtzeitig daran.

Das hilft schon sehr.

Und dann gibt es ja zum Glück Menschen, die einen erinnern.

Wie viele Schüler haben sich schon unendlich viele peinliche Situationen erspart, weil ihre Eltern morgens gefragt haben: Hast Du an Deine Sportsachen gedacht?

Eine Zeitlang hatte ich einen Job, bei dem ich Leute daheim abgeholt habe und zum Flughafen gebracht habe. Und ich habe sie immer gefragt: Reisepass dabei? Ticket dabei? Und ganz schön oft lag das noch auf der Kommode im Flur…

Ich bin zum Beispiel sehr dankbar, wenn mich meine Frau an Sachen erinnert, die wir zusammen gemacht haben.

Wenn sie mich darauf bringt, dann fällt es mir auch wieder ein – aber von selber wäre ich da oft nicht mehr darauf gekommen.

Oder wenn sie mich an Sachen erinnert, die ich machen wollte – und ich habe sie total aus den Augen verloren.

Wobei – manchmal ist es schon sehr unangenehm, erinnert zu werden.

Wenn mir meine Frau sagt: Du hast doch gesagt, dass Du dich um die neuen Winterreifen für das Auto kümmern wirst – und ich habe es total vergessen.

Oder wenn mir eines meiner Kinder sagt: Du hast doch gesagt, dass Du heute mit mir das und das machst – und ich habe es total vergessen und meine Zeit schon anders verplant.

Das mit dem erinnert werden hat also seine zwei Seiten.

Aber im Großen und Ganzen muss ich schon sagen:

Auch wenn es manchmal unangenehm ist – erinnert zu werden ist schon eine tolle Sache.

Die Vorteile überwiegen die Nachteile bei weitem.

Warum erzähle ich das alles?

Weil der Heilige Geist, den wir an Pfingsten feiern, ein großer Erinnerer ist.

Wir haben es gerade gehört:

Der Heilige Geist, den euch der Vater an meiner Stelle senden wird, er wird euch an all das erinnern, was ich euch gesagt habe, und ihr werdet es verstehen.

An was will uns der Heilige Geist denn so erinnern?

Das erste und wichtigste, an was er uns immer wieder erinnern will:

Du bist Gottes geliebtes Kind.

Egal, was die anderen sagen.

Egal, was Du über dich selber denkst.

Egal, was Du fühlst.

Du bist Gottes geliebtes Kind.

Das ist das Erste und das Wichtigste.

Und als zweites:

Er will uns immer wieder an das erinnern, was uns Jesus gesagt hat, und er will uns helfen, es zu verstehen.

Wir brauchen den Heiligen Geist, damit uns das, was Jesus sagt, nicht ent-fällt, sondern ein-fällt.

Es ist nicht das Wissen, das uns fehlt, sondern die Erinnerung im Ernstfall.

Dass uns genau dann, wenn es darauf ankommt, einfällt:

Moment, da war doch noch was, was Jesus dazu gesagt hat.

Und das will der Heilige Geist machen.

Und eine der Sachen, die Jesus gesagt hat, und an die uns der Heilige Geist immer wieder erinnern möchte ist:

Wer mich liebt, der wird auch nach meinem Wort leben.

Den wird auch mein Vater lieben, und wir beide werden zu ihm kommen und immer bei ihm bleiben.

Wer mich aber nicht liebt, der richtet sich auch nicht nach dem, was ich sage.

Gott liebt uns, das ist hoffentlich jedem klar.

Und er wünscht sich, dass wir diese Liebe erwidern. Auch klar.

Und dieses „Gott lieben“, das geht nicht, indem ich mal in die Kirche gehe.

Und das geht nicht über Spenden.

Und das geht auch nicht, indem man für den lieben Gott ganz viel arbeitet.

Sondern es geht, indem wir auf ihn hören und dann das, was er sagt, auch tun.

Jesus ist da ganz eindeutig, ganz glasklar.

Wer sich nach meinen Worten richtet, der liebt mich.

Und wer sich nicht nach meinen Worten richtet, der liebt mich halt nicht.

So ist das eben.

Ganz einfach.

Ganz banal.

Und das stellt uns natürlich vor die Frage:

Will ich das überhaupt?

Eigentlich will ich doch mir lieber nichts sagen lassen. Von niemandem!

Ich will doch mein eigener Chef sein.

Schließlich bin ich doch ein freier Mensch!

Und auf den ersten Blick ist das ja auch eine ganz schöne Zumutung:

Wenn ich Dich liebe, dann soll ich mich nach dem richten, was Du sagst und nach deiner Pfeife tanzen?

Das ist doch Gefangenschaft und Sklaverei und keine Liebe.

Auf den ersten Blick ja.

Aber wenn wir genauer hinschauen, dann ist doch genau das, was Liebe ausmacht:

Das ich mich nach den Wünschen von dem richte, den ich liebe.

Dass ich auf das höre, was er oder sie mir sagt.

Und dass ich mich bemühe, das zu tun und es so zu tun, wie es den anderen freut.

Und dass ich mich bemühe, das sein zu lassen, was der oder die andere nicht abkann, nicht leiden mag.

Wenn ein Ehemann einfach sein Ding macht, ohne auf die Wünsche seiner Frau einzugehen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was sie nicht ausstehen kann – dann kann er mit einem noch so großen Blumenstrauß anrücken und ihr noch so oft sagen „Ich liebe dich“ – es wird nichts nützen.

Sie wird sagen: Spar dir deine leeren Worte. Und die Blumen kannst Du dir sonst wo hinstecken.

So ist es doch!

Und genauso ist es mit uns und mit Gott.

Wer mich liebt, der wird auch nach dem leben, was ich sage.

Und der Heilige Geist wird ihn daran erinnern.

Wenn wir ihm Raum geben.

Wenn wir ihn bei uns einladen.

Wenn wir ihm sagen: Komm, sprich mit mir. Ich will hören.

Und mit dem Heiligen Geist ist es genauso wie mit menschlichen Erinnerern:

Manchmal kann das echt unangenehm sein, an was wir da erinnert werden.

Peinlich vielleicht.

Aber meistens ist es auch ganz gut.

Es fühlt sich nämlich meistens ganz gut an.

Weil oft ist es einfach das Richtige.

Aber dann auch wirklich das zu tun, was Jesus so sagt.

Es ist eigentlich ganz einfach – und doch ist es oft nicht leicht.

Es ist eigentlich nicht kompliziert – aber es ist oft schwierig zu tun.

Das ist so.

Und da wird auch gar nicht drum herum geredet.

Und Gott weiß selber, dass wir sehr oft dabei Schiffbruch erleiden werden.

Und dann kommt wieder der Heilige Geist und erinnert uns daran:

Es kommt nicht auf den Erfolg drauf an, sondern dass wir es versuchen.

Und wenn wir dabei total versagen, dann erinnert er uns daran, dass wir nicht aus Leistung leben, sondern aus Gnade.

Dass wir mit unseren Schiffbrüchen und Sprungverweigerungen zu Gott kommen dürfen, ihm unser Versagen bekennen dürfen und dass er uns dann niemals in die Pfanne hauen wird, sondern uns vergibt und uns aufs Neue hilft.

Und an noch etwas will uns der Heilige Geist erinnern:

An den Frieden, den Gott seinen Kindern geben will.

Frieden lasse ich euch, sagt Jesus, meinen Frieden gebe ich euch, einen Friede, den sonst keiner geben kann.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!

Unsere Herzen füllen sich oft ganz schnell und ganz leicht mit lauter Sorgen.

Und die Sorgen lassen dann oft so Kopfkino laufen.

Alles ganz finster.

Horrorvorstellungen.

Was alles passieren könnte.

Aber der Heilige Geist geht immer und immer wieder mit uns durch diese sorgengefüllte Räume und fragt: Kann das nicht weg? Und räumt dann die Sorgen nach draußen.

Und der Friede bleibt.

Das ist Gottes Pfingstversprechen:

Ich erinnere Dich immer und immer wieder.

Und darum:

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!

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