Neuschöpfung

‚Das gehört sich einfach‘ sagt jemand und teilt mir mit: Da gibt es nichts zu widersprechen. Das ist so und das war schon immer so. Manchmal zu Recht, manchmal ist es ein Argument aus Faulheit. Ich selber muss mich entscheiden, wie ich das sehe. Möchte ich tun, was sich nicht gehört, was man nicht schon immer so gemacht hat? Unserer Vorfahren haben das, sonst würden wir heute noch mit Anzug und Schlips oder im Kostüm mit Kopftuch zum Gottesdienst erscheinen. Das ist aber selten geworden.

In anderen Fragen sieht das anders aus. Noch immer ist zum Beispiel für viele Christenmenschen ein Sonntag ohne Gottesdienst möglich – aber keine Dauerlösung.

Ich glaube schon, dass wir zum einen immer wieder neu begründen müssen, warum wir was jetzt machen oder nicht machen. Aber es ist auch hilfreich, wenn es denn mal heißt: Das ist eben so.

Das hat sich bewährt. Das ist gut.

Im Alten Testament gab es dafür die Weisheit, griechisch Sophia. Das war nicht einfach eine Frau, es war eine göttliche Gabe, die außerhalb der Religionen existierte. In manchen Religionen war sie selber Göttin. In der jüdischen Religion war sie ein Geschöpf Gottes. Ihr verdanken wir die sogenannten Sprüche, sie bekennt von sich selber:

22 Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. 32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom Herrn. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Mit der Weisheit ist das ganz eigenartig. Sie ist Gottes Geschöpf, war lange vor den Menschen und den Dingen da, so früh, dass die Bibel sonst von ihrer Erschaffung nichts erzählt, aber irgendwie ist sie auch ein Gegenüber zu Gott. Sie tanzt und spielt um ihn herum und schafft Möglichkeiten, dass Menschen in Gottes guter Schöpfung leben können.

Und sie erzählt mir etwas von meinem Wert, von meinem Vorrang vor den Dingen. Die Weisheit war bei Gottes gesamten Tun vom Anbeginn der Schöpfung dabei und durfte spielen mit Vergnügen, mit Freude mit Entzücken. Sie hat der Schöpfung Leichtigkeit verliehen.

Ihr Gesang macht deutlich: Die Weisheit, die Fröhlichkeit, das Spiel gehören zur göttlichen Sphäre. Auch die Sexualität – Lust ist ihr wichtig. Wir dürfen leben in Gottes guter Schöpfung. Wir dürfen sie genießen, uns austoben. Dafür steht die Weisheit und wir dürfen bebauen und bewahren. Das ist Gottes Auftrag. Und Beides gehört zusammen, gerade am Sonntag Jubilate.

Darum wird Frau Weisheit am Ende so ernst und redet von der Zucht, weil wir auch eine Verantwortung haben – Verantwortung vor Gott und Verantwortung vor den Menschen, die mit uns leben und denen, die nach uns kommen. Das war schon immer so und soll auch bleiben.

Manchmal sieht es ja so aus, als würden die Börsen unser Leben bestimmen, als ginge es nur um Effizienz und Kosten-Nutzen-Analysen. Das ist wenig weise. Das ist Vernichtung von Lebensmöglichkeiten. Das Leben ist uns geschenkt, um es zu genießen und um es verantwortungsvoll zu gestalten, aber nicht um es zu verbrauchen oder zu verschwenden. Alle unsere Wirtschaftskonstrukte, unsere Theorien sind nur Hilfsmittel. Wir können sie benutzen, wenn sie uns helfen, aber ansonsten haben sie keinen Wert.

Die Weisheit stellt sich vor als Geschöpf Gottes. Wir dürfen annehmen, dass alles Wesentliche von Gott erschaffen ist. Darum dürfen wir es genießen. Für die Menschen vor 3000 Jahren war die Weisheit nicht einfach eine Sache, sondern eine Person die Gott geschaffen hat. Es gibt Weisheiten, die man nicht beweisen muss. Sie sind augenscheinlich und gehören zur guten Schöpfung Gottes. Und es gibt Weisheiten, um die man immer neu ringen muss.

Wir haben die Weisheit nicht, aber sie steht uns zur Verfügung. Wir können uns Ihrer bedienen und mit ihr Leben gestalten. Wir können von ihr lernen, dass es höhere Werte gibt, als Aktienkurse und Supersparpreise.

Jubilate – Jubelt! Jubilate ist der Sonntag der Neuschöpfung: Wir erinnern uns an die erste Schöpfungsgeschichte, wir jubeln über die Auferstehung, mit der Gott seine Schöpfung und seinen Bund erneuert – für alle Menschen. Wir feiern die Hoffnung auf den verheißenen neuen Himmel und die neue Erde.

Schöpfung und neues Leben sind Themen des Sonntags Jubilate. Die gute Schöpfung am Anfang, das schöpferische Spiel der Weisheit vor Gott, das erinnert uns daran, wie gut es uns geht, weil wir diesen Gott haben, der für uns da ist.

Wir denken auch an die Vorläufigkeit der Schöpfung. Auch Christinnen und Christen sind der Vergänglichkeit unterworfen. Und doch haben sie bereits eine Ahnung von neuem Leben. Denn Jesus Christus ist auferstanden. Für den, der daran glaubt, hat der Tod seine Endgültigkeit verloren. Neu zu werden ist möglich, auch hier und heute. Wer an dieser Hoffnung festhält, in dem entwickeln sich Kraft und Stärke, die weiterhelfen.

Ich erinnere an den Wochenspruch: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5,17

Wir sind bereits solche neuen Kreaturen, wir dürfen das, was uns geschenkt ist genießen. Wir dürfen heute Muttertag feiern, nicht um einen Trend zu bedienen, auf Angebote der Wirtschaft zu reagieren, sondern, weil wir dankbar sind, dass es in unserer Gesellschaft, in unserer Gemeinde so unterschiedliche Menschen gibt und eben auch Menschen, die die Hoffnung für diese Welt nicht aufgeben und darum Eltern werden, Verantwortung für Menschen konkret übernehmen.

Darum lasst uns dankbar sein und fröhlich sein: Jubilate

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