Sein Leben lassen (Johannes 10, 11-16)

In der kommenden Woche jährt sich  das Ende des zweiten Weltkrieges zum 74.Mal. Dieses Datum wird seit der Rede Richard von Weizsäckers 1985 gesamtdeutsch als Tag der Befreiung verstanden. Die Rolle der Kirchen und ihrer Vertreter bedarf aber immer noch trotz Schuldbekenntnis im Lichte auch der Rede vom guten Hirten und den Mietlingen kritischer Reflexion. Zu unserer Kirchen-Geschichte und zur Wirkungsgeschichte von Johannes 10 gehören auch drei Gestalten, an die ich wegen ihres Glaubens und wegen ihrer Rolle erinnern möchte .

Am 22.Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl durch Enthauptung hingerichtet. Der Volksgerichtshof hatte mit ihnen kurzen Prozess gemacht. Beide wurden wenig später im engen Familienkreis beigesetzt. So erinnert man sich:  

Pfarrer Karl Alt segnete Sophie und Hans mit den Worten des Johannes-Evangeliums aus: „Niemand hat größere Liebe, denn die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Zwei Tage zuvor war der Pfarrer noch „mit bebendem Herzen“ zu den Geschwistern in die Todeszellen geeilt, um ihnen das Letzte Abendmahl zu geben. „Man vermeinte das Flügelrauschen der Engel Gottes zu vernehmen“, sagte der Geistliche…. Bereits in der kurzen Verhandlung bewies Sophie Scholl mit ihren erst 21 Jahren großen Mut und Unbeugsamkeit: „Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie es nicht auszusprechen.“ 

So unterbrach Sophie Scholl in der Verhandlung die Hassreden und Zornesausbrüche Roland Freislers.

Karl Alt hatte als Geistlicher Hans und Sophie Scholl also auch in der kurzen Zeit zwischen Urteilsverkündung und Hinrichtung begleitet. Sie nahmen von den Eltern Abschied, feierten Abendmahl und dann seien die Geschwister gefasst in den Tod gegangen. 

Für den 24-jährigen Hans Scholl las der Pfarrer das berühmte „Hohelied der Liebe“ aus dem Neuen Testament und den 90. Psalm „Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für“ und reichte ihm das Abendmahl. Auch Sophie Scholl spendete Alt in ihrer Zelle das Abendmahl. Danach habe das junge Mädchen „aufrecht und ohne mit der Wimper zu zucken“ noch einen letzten Gruß an den Bruder Hans ausgerichtet. Der zeigte ebenfalls bis zum Ende seinen Widerstandsgeist: In den wenigen Sekunden, die ihm von der Übergabe an den Scharfrichter bis zur Enthauptung blieben, rief er noch: „Es lebe die Freiheit!“ So dokumentiert es das Hinrichtungsprotokoll, in dem der anwesende Reichsanwalt das als „Vorfall“ niederschrieb.

Ein gemeinsames Abendmahl, das die Geschwister mit ihrem katholischen Freund Christoph Propst feiern wollten, kam nicht zustande, weil die Geschwister Scholl nicht in letzter Minute noch katholisch werden wollten. Immerhin konnten sie bei einer „letzten Zigarette“, die ihnen wohl das Gefängnispersonal aus einer menschlichen Rührung zugestand, voneinander Abschied nehmen.

Am 9.April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ  Flossenbürg hingerichtet. Einer der Biografen, Ferdinand Schlingensiepen, resümiert, dass sein ganzes mutige Leben und sein dramatisches Sterben österlich war, weil er vorlebte, was Ostern bedeutete.

Wolfgang Huber, der in einem gerade erschienen Buch den Lebens, Denk- und Glaubensweg Bonhoeffers noch einmal nachzeichnet, deutet das Ende so:

„Dietrich Bonhoeffer hatte solches Grauen (wie die Schlacht an den Seelower Höhen, wo innerhalb von 4 Tagen annähernd 50.000 Menschen zu Tode kamen, der Verf.) seit langem kommen sehen. Er wollte seinen Beitrag dazu leisten, es zu verhindern oder doch wenigstens zu begrenzen – so klein dieser Beitrag auch immer sein mochte. Doch die Schrecken der allerletzten Kriegswochen erlebte er nicht mehr. Nach den anderthalb Jahren im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel  hatte er die Zeit von Oktober 1944 bis Februar 1945 im Hausgefängnis der Gestapo zugebracht, im Gelände der heutigen Topographie des Terrors. Dann wurde er für zwei Monate ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Die Gruppe von Gefangenen, zu der er gehörte, landete im Schulhaus von Schönberg im Bayerischen Wald. Am 8. April, dem Sonntag nach Ostern, hielt Bonhoeffer dort auf Bitten seiner Mitgefangenen einen Gottesdienst. Kurz darauf kamen zwei Polizisten, um ihn mitzunehmen. Die österliche Hoffnung des Sonntags Quasimodogeniti zerstob. Doch Bonhoeffer hielt an der Hoffnung fest, ein neu geborenes Kind Gottes zu sein. Seine letzten Worte vor dem Abschied hießen: „Für mich ist dies das Ende, aber auch der Beginn.“…

Immer wieder werden die Sätze zitiert, mit denen der zuständige KZ-Arzt Bonhoeffers Tod später schilderte. In einem Nebenraum sah er „Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien“ und war erschüttert von der „hingebungsvollen und erhörungsgewissen Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Menschen“. Auch ein weiteres kurzes Gebet erwähnt er, nach dem Bonhoeffer „dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen“ beschritt. „Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden.“  Diese Schilderung soll anrührend sein; für mich ist sie eine dreiste Beschönigung.“

Ich gebe zu, dass diese Schilderungen eher der  Passionsgeschichte gleichen, aber sie zeigen, dass die Rede vom stellvertretenden Leiden und Sterben überhaupt nicht welt- und wirklichkeitsfremd sind. Die österliche Freude, zu der der Sonntag Misericordias Domini mitnehmen will, springt einem nicht gleich fröhlich und unbeschwert an.

Aber ich würde auch einer Freude misstrauen, die die Augen vor der realen Gefahr und dem wirklichen Leid verschließt. 

Die Lebens- und vor allem die Leidensgeschichten der Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffers zeigen vor allem, dass der Osterglaube, der Glaube an die Lebensliebe Gottes in der Kraft der Auferstehung und der Gestalt des Gekreuzigten Kräfte freisetzt, den Todesmächten, ihrer Todesbesessenheit und ihrer Todesbotschaft mit allen Konsequenzen zu widerstehen. Das österliche an ihrem Geschick ist der Aufstand des Lebens, auch wenn er in den Tod geführt hat.

Das bleibend österliche ist es, sich nicht mit den immer noch mächtigen Helfern der Angst, des Schreckens und des Todes,  abzufinden – gerade nach den Anschlägen in Sri Lanka denke ich: unsere Trauer, unsere Sorge, unsere Angst sind bei Gott gut aufgehoben, gut, dass wir einen guten Hirten haben, der die Seinen nicht aufgibt, nicht vergisst und zurücklässt. Unsere Trauer, unsere Sorgen und auch unsere Angst dürfen nicht den Schreckensboten und Terrordienern gehören.

Österlich ist es aber auch, die eigene Freiheit, die eigene Geborgenheit und Sicherheit, die eigene Unbeschwertheit, den eigenen Reichtum des Lebens wahrzunehmen.

Wie frei, wie unbedrängt leben wir doch, manchmal frage ich mich: wie lange noch?

Welch ungeahnte Möglichkeiten bietet uns das Leben!

Was für ein Gnade, die immer in Gefahr steht, verloren zu gehen, wenn die Herzen von Neid und Missgunst beherrscht werden, wenn Menschen nicht mehr willens und in der Lage  sind, ihre Möglichkeiten zu teilen, um sie zu mehren, statt sie verbissen durch Abschottung zu verteidigen.

Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer haben gezeigt, dass der Osterglaube nicht nur das fromme und vom Sterben bedrohte Gemüt angeht, sondern im öffentlichen Raum zu einem Aufstand des Lebens führt. 

Er wird uns wohl nicht das Leben kosten, Gott sei Dank.

Aber Nachfolge, dem Vorbild Jesu folgen, wird wohl in diesem  Jahr mit den Kommunalwahlen, den Europawahlen, den Landtagswahlen und auch den GKR-Wahlen politisch sein.

Denen, die mit Ängsten arbeiten und auf Stimmenfang gehen, denen, die Menschen bewerten, die Fürsorge und Schutzbedürftigkeit abstufen oder gar Lebens- und Liebeswürdigkeit nach unterschiedlichem Maß zubilligen, verdienen Widerspruch, weil sie sich als unredliche Hirten, als Mietlinge erweisen.

Dem Ruf des guten Hirte aber dürfen wir folgen, weil er  unterschiedlichste Menschen verbindet, zusammenführt, Leben schätzt, würdigt, schützt und dafür eintritt – ganz und gar mit allen Konsequenzen. 

Das sind Früchte des Osterglaubens und Hoffnungszeichen des Lebens: den guten Hirten zu kennen, ihm zu vertrauen, dem guten Hirten zu folgen.

Er führt zu grünen Auen, frischen Wasser und das auf guter Straße. An seinem gedeckten Tisch dürfen wir Platz nehmen und in seinem Haus bleiben alle Zeit! Amen

drucken