Der Herr ist mein Hirte – paßt das noch?

Predigt über Ps 23 und Joh 10, 11-16. 27-30

  1. Mai 2019, 2. Sonntag nach Ostern

 

 

Gnade sei mit euch und Friede

Von dem der da ist

und der da war

und der da kommen wird,

Christus, unserm Herrn. Amen

         Off 1,4

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Psalm 23 ist vielen von Ihnen vertraut – so nehme ich an. Als wir diese alten Worte vorhin gebetet haben, habe ich das gespürt.

Ps 23 nimmt uns hinein in das Bild des Hirten. Der Hirte hegt die Tiere seiner Herde. Er führt und begleitet sie und sorgt dafür, daß sie alles haben, was sie brauchen.

Dieses Bild ist vertraut und tröstlich. Es ist ein Bild für Gott: so sorgt Gott für uns. Er ist der Hirte, wir sind seine Herde.

Jesus identifiziert sich mit diesem Bild. Es beschreibt den Auftrag, den er lebt. Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich (V 11 + 14).

 

Hirte und Herde, ein vertrautes Bild, habe ich eben gesagt.

Doch stimmt das wirklich?

Wann haben Sie zum letzten Mal einen Schäfer, eine Schäferin mit ihrer Herde gesehen? Und wo? (Tauschen Sie sich bitte für einen Moment mit Ihrem Nachbarn oder Ihrer Nachbarin aus. – Evt. Rückmeldungen. Evt. Nachfrage: haben Sie mit dem Schäfer, der Schäferin sprechen können?)

Hirten sind nicht mehr Teil unseres Alltags. Wir begegnen ihnen vielleicht im Urlaub – ich habe zuletzt welche in Marokko gesehen.

Herden – egal ob Kühe, Pferde, Rinder, Kleinvieh sind in unsern Breiten oft anscheinend sich selbst überlassen. Sie werden nicht gehütet. Sie grasen auf Weiden, die durch Zäune gesichert sind. Kontakt mit Menschen haben sie nur, wenn sie ihren Ort wechseln sollen oder für Impfungen oder ähnliches.

Schafe werden bei uns vorwiegend zur Landschaftspflege und zum Hochwasser- und Küstenschutz z.B. auf den Deichen Ostfrieslands und an der Elbe eingesetzt. Manchmal auch als vierbeinige Rasenmäher. Ihre Wolle, Milch und Fleisch bringen wenig Geld ein.

 

Hirten und Herden – sie sind uns fremd geworden. Sie sind ein Fotomotiv. Wären Sie alltäglich, würden wir sie nicht fotografieren. Oder machen Sie Fotos von grünen Ampeln, von Ihrer Fußmatte oder dem Inhalt Ihres Kühlschranks?

Hirten und Herden – sie sind uns fremd geworden. Sie sind nicht Alltag, sondern Ausnahme, Besonderheit.

 

Und doch sind sie ein Bild für Gott und sein Volk, also uns; ein Bild für Jesus und was er für uns tut, wer er für uns ist.

Wie kann das sein? Oder genauer: wie kann das funktionieren?

Müssen wir vielleicht andere Bilder finden, um das Geheimnis Gottes und wer Gott für uns ist, zu umschreiben? Neue Bilder, um zu beschreiben, wer Jesus ist – und wer wir sind? Bilder, die unserer Lebenswelt entnommen sind – so wie es zu biblischer Zeit und bis ins letzte Jahrhundert das Bild von Hirte und Herde war.

Vor einigen Jahren habe ich mich mit einer Konfirmandenklasse mit Ps 23 beschäftigt. Und ich bat sie, ihn umzuschreiben und ein anderes Bild zu finden, das Gott beschreiben könnte.

Die Mädchen bildeten eine Gruppe, die Jungen eine andere.

Die Mädchen schrieben: „Der Herr ist mein Gärtner, mir wird nichts mangeln.“ Sie blieben im Bild des Gärtners, der sich um die Pflanzen seines Gartens kümmert.

Die Jungens schrieben: „Der Herr ist mein Tankwart, mir wird nichts mangeln.“ Sie gaben sich darein zu beschreiben, was ein Auto braucht, um sein Ziel zu erreichen.

 

Gott als Gärtner. Gott als Tankwart.

Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Und was wären Ihre Ideen?

(Bitte tauschen Sie sich noch einmal mit Ihrem Nachbarn oder Ihrer Nachbarin aus. – Evt. Rückmeldungen.)

 

Menschen rufen Gott mit vielen Namen an. Sie beschreiben die Beziehung zu Gott mit unterschiedlichen Bildern. Kein Name, kein Bild wird Gott ganz und gar gerecht. Wählen wir das Bild, den Namen, der in diesem Augenblick unseres Lebens passend ist.

 

Amen

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinnen

in Christus Jesus.

Amen

         Phil 4, 7

 

Lied: Wir strecken uns nach dir

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