Luftpolsterfolie

Im Garten wartet die Dornenhecke.
Aber die tapfere Gärtnerin hat ihr den Kampf angesagt.
Hat sich gewappnet: Trägt Jeans, obwohl die Sonne schon den ganzen Tag am wolkenlosen Himmel scheint, hat
extra die dicken Handschuhe angezogen, damit die Dornen sie nicht stechen.
Schon nach wenigen Minuten sind ihre Hände zerkratzt, findet sie Spuren der Dornen auf ihrem aufgerissenen Arm. Sogar im Gesicht hat sie rote Striemen.
Alles vergeblich. Wer sich mit Dornen beschäftigt kommt nicht unversehrt davon.

Die Gärtnerin weiß wovon sie spricht.
Sie kennt das Leben.
Weiß von Höhen und Tiefen.
Von Diagnosen und Dornenhecken.
Schon oft hat sie an Gräbern gestanden.
Zuletzt vor einem Jahr.
Und alles ist noch ganz frisch.
Ihr Lachen klingt immer noch verrostet.

Als der damals der Anruf kam, wusste sie es noch bevor sie den Hörer abnahm und der frisch gekochte Tee wurde kalt.
Der Boden unter ihren Füßen war weg.
Aber die Welt drehte sich einfach weiter.
Blieb nicht einfach stehen wie ihre eigene.

Und draußen ging die Sonne auf und wieder unter.
Und vor dem Küchenfenster fuhren Radfahrer vorbei,
schimpften Mütter ihre Kinder und alle 30 Minuten kam der Bus.
Wie immer.
Es gab Tage, da ertrug sie das stoisch.
Und es gab andere, da wollte sie selber auch nicht mehr leben.
An diesen Tagen hätte ihr die Milch überkochen können,
nichts hätte sie weniger interessiert.

Die Gärtnerin weiß, dass man kostbare Dinge schützt.
Das hatte sie schon oft getan bei den Umzügen.
Hatte die Bilder doppelt eingewickelt in Luftpolsterfolie.
Aber am Ende war oft nicht mehr genug Folie auf der Rolle.
Und so sehr sie auch zog um mit den letzten Resten und viel Tesafilm die Dinge doch noch sicher einzupacken – manches Deckglas war trotzdem gesprungen.
Du kannst nicht alles beschützen. Sie hatte das damals geahnt.
Gehofft gegen alle Vernunft.
Heute weiß sie es besser.

Im Garten wartet die Dornenhecke. Draußen wartet die Welt.
Und man braucht die Dinge nur zu benennen.
Einen Bericht geben,
so neutral wie möglich, und trotzdem spürt man die Dornen.
Handschuhe, Jeans und Luftpolsterfolie würden nicht reichen.
Man muss nur eines nach dem anderen aufzählen.
So wie Johannes es in seinem Evangelium macht:
Es braucht nur einen Tag. 2 Latten, ein paar Nägel, ein Hammer, ein Statthalter, viel Geschrei, ein paar Soldaten, die Jünger und die Frauen unterm Kreuz und einen der sich traut, die Nägel einzuschlagen.
Und Jesus stirbt.
Aber nirgends zerreißt ein Vorhang, die Sonne verfinstert sich nicht und es gibt auch kein Erdbeben.
Die Welt bleibt nicht stehen.

Kostbare Dinge schützt man und kann es doch nicht.
Beziehungen zerbrechen.
Freundschaften enden.
Liebe vergeht.
Ein Gebäude verbrennt.
Und was viel schlimmer ist:
Menschen sterben.
Ob sie nun Gottes Kinder sind oder nicht.
Man kann das Schöne nicht beschützen.
Die Luftpolsterfolie reicht nie.

Trotzdem macht die Gärtnerin weiter.
Zieht und zerrt an dem Gehölz und riskiert weitere Verletzungen.
Irgendwann ist sie so zerkratzt, dass sie aufgibt.
Sie ahnt, dass sie die Dornen nie ganz aus ihrem Garten verbannen kann.
Und auch nicht aus der Welt.
Also hört sie auf. Für Erste.
Lässt die Dornen Dornen sein.
Sie wird sich ihnen wieder an einem anderen Tag zuwenden.

Auch Jesus hängt am Kreuz und ahnt, nein, wusste schon, dass die Luftpolsterfolie nie reicht.
Nicht reichen kann. Egal wie sehr du ziehst und zerrst.
Er wusste, dass das Deckglas trotzdem brechen kann.
Er steigt hinab in das Reich des Todes.
Jeus stirbt unspektakulär.
Nicht wie ein Gott.
Eher wie ein Mensch.
Und er weiß, wer sich mit Dornen beschäftigt kommt nicht unversehrt davon.
So wie die Gärtnerin.

Im Garten wartet die Dornenhecke.
Aber die tapfere Gärtnerin hat ihr den Kampf angesagt.
Hat sich gewappnet: Trägt Jeans, obwohl die Sonne schon den ganzen Tag am wolkenlosen Himmel scheint, hat extra die dicken Handschuhe angezogen, damit die Dornen sie nicht stechen.
Schon nach wenigen Minuten sind ihre Hände zerkratzt,
findet sie Spuren der Dornen auf ihrem aufgerissenen Arm.
Sogar im Gesicht hat sie rote Striemen.
Aber es ist nicht vergeblich.
Sie weiß:
Wer sich mit Dornen beschäftigt kommt nicht unversehrt davon.
So wie Jesus am Kreuz.
Die Gärtnerin ist übersät mit Schrammen und Kratzern und sie wünscht sich, dass jemand ihre Wunden versorgt.
Und Jesus sagt: Ich bin da und dann verbindet er die, die sich an den Dornen verletzt haben.
AMEN.

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