Luftpolsterfolie

Im Garten wartet die Dornenhecke,
Aber die tapfere Gärtnerin hat ihr den Kampf angesagt.
Hat sich gewappnet: Trägt Jeans, obwohl die Sonne schon den ganzen Tag am wolkenlosen Himmel scheint, hat extra die dicken Handschuhe angezogen, damit die Dornen sie nicht stechen.
Schon nach wenigen Minuten sind ihre Hände zerkratzt, findet sie Spuren der Dornen auf ihrem aufgerissenen Arm. Sogar im Gesicht hat sie rote Striemen.
Alles vergeblich. Wer sich mit Dornen beschäftigt kommt nicht unversehrt davon.

Die Gärtnerin weiß wovon sie spricht.
Vor einem Jahr hat sie ihren Mann beerdigt.
Kurz vor seiner Pensionierung kam die Diagnose.
In den letzten Wochen hatte sie ihn gepflegt.
Harte Zeiten, für beide.

Als das Telefon gegen Abend klingelte erkannte sie die Nummer sofort.
Sie wusste es noch bevor sie den Hörer abnahm und der frisch gekochte Tee wurde kalt.
Der Boden unter ihren Füßen war weg.
Aber die Welt drehte sich einfach weiter.
Blieb nicht einfach stehen wie ihre eigene.

Die Sonne ging auf und wieder unter.
Draußen vor dem Küchenfenster fuhren Radfahrer vorbei, schimpften Mütter ihre Kinder und alle 30 Minuten kam der Bus.
Es gab Tage, da ertrug sie das stoisch.
Und es gab andere, da wollte sie selber auch nicht mehr leben.
An diesen Tagen hätte ihr die Milch überkochen können und es hätte sie nicht weniger interessieren können.

Kostbare Dinge schützt man.
Das hatte sie oft getan bei den Umzügen. Hatte die Bilder doppelt eingewickelt in Luftpolsterfolie.
Aber am Ende war oft nicht mehr genug Folie auf der Rolle.
Und so sehr sie auch zog um mit den letzten Resten und viel Tesafilm die Dinge doch noch einzupacken – manches Deckglas war trotzdem gesprungen.
Du kannst nicht alles beschützen. Sie hatte das damals geahnt.
Jetzt weiß sie es.

Im Garten wartet die Dornenhecke. Draußen wartet die Welt.
Und man braucht die Dinge nur zu benennen und schon spürt man die Dornen.
Man muss nur eines nach dem anderen aufzählen.
So wie Johannes.
[TEXT]

Mehr braucht es nicht.
Jedes Jahr im Frühling. Besonders schmerzhaft.
Ein Tag. Keine Glocken, 2 Latten, ein paar Nägel, ein Hammer, ein Statthalter, viel Geschrei, ein paar Soldaten, die Jünger und die Frauen unterm Kreuz und einen der sich traut, die Nägel einzuschlagen.
Und Jesus stirbt.
Aber nirgends zerreißt ein Vorhang, die Sonne verfinstert sich nicht und es gibt auch kein Erdbeben.
Die Welt bleibt nicht stehen.
Der Bericht so neutral wie möglich und trotzdem spürt man die Dornen.
Handschuhe, Jeans und Luftpolsterfolie würden nicht reichen.

Kostbare Dinge schützt man und kann es doch nicht.
Beziehungen zerbrechen.
Freundschaften enden.
Liebe vergeht.
Ein Gebäude verbrennt.
Menschen sterben.
Ob sie Gottes Sohn sind oder nicht.
Man kann das Schöne nicht beschützen. Die Luftpolsterfolie reicht nie.

Trotzdem macht die Gärtnerin weiter.
Zieht und zerrt an dem Gehölz und riskiert weitere Verletzungen.
Irgendwann ist sie so zerkratzt, dass sie aufgibt.
Sie ahnt, dass sie die Dornen nie ganz aus ihrem Garten verbannen kann.
Und auch nicht aus der Welt.
Also hört sie auf. Fürs Erste.
Lässt die Dornen Dornen sein.
Sie wird sich ihnen wieder an einem anderen Tag zuwenden.

Jesus hängt am Kreuz und ahnt, dass die Luftpolsterfolie nicht reicht.
Nie reichen kann. Egal wie sehr du ziehst und zerrst.
Er spürt, dass das Deckglas trotzdem brechen kann.
Er steigt hinab in das Reich des Todes.
Er stirbt unspektakulär wie ein Mensch. Nicht wie ein Gott.
Und Jesus weiß, wer sich mit Dornen beschäftigt kommt nicht unversehrt davon.
So wie die Gärtnerin.

Im Garten wartet die Dornenhecke.
Aber die tapfere Gärtnerin hat ihr den Kampf angesagt.
Hat sich gewappnet: Trägt Jeans, obwohl die Sonne schon den ganzen Tag am wolkenlosen Himmel scheint, hat extra die dicken Handschuhe angezogen, damit die Dornen sie nicht stechen.
Schon nach wenigen Minuten sind ihre Hände zerkratzt, findet sie Spuren der Dornen auf ihrem aufgerissenen Arm.
Sogar im Gesicht hat sie rote Striemen.
Aber es ist nicht vergeblich.
Sie weiß: Wer sich mit Dornen beschäftigt kommt nicht unversehrt davon.
So wie Jesus am Kreuz.
Die Gärtnerin ist übersät mit Schrammen und Kratzern und sie hofft, dass jemand ihre Wunden versorgt.
Und Jesus sagt: Ich bin da und dann verbindet er die, die sich an den Dornen verletzt haben.
AMEN.

drucken