Ich schäme mich der Tränen nicht (Johannes 20,11-18)

Niemand muss sich seiner Tränen schämen. Ostern ist nicht das Verbot und nicht das Ende aller Tränen. Ostern ist der weite Raum, in dem wir trauern und neuen Mut finden dürfen.

Die Bilder haben mich berührt und zu Tränen bewegt. Die Menschen standen am Ufer der Seine, mehr oder weniger nah am Ort des Geschehens. Sie sahen den Himmel vom Feuerschein rot gefärbt und die Rauchsäule dunkel aufsteigen. Es war nicht einfach nur eine Kirche, die brannte. Es ging nicht nur um Kunst und Architekturgeschichte. Es ging um das Herz und die Seele einer ganzen Nation. Was Revolutionen, Besatzungen und Kriege nicht vermocht haben, schien in wenigen Stunden ein Feuer anzurichten: die völlige Zerstörung der Kathedrale Notre-Dame. Die Menschen standen hilflos und sahen den verzweifelten Kämpfen der Feuerwehren zu. Sie sangen, sie beteten und sie weinten. Sie schämten sich ihrer Tränen nicht. Da standen alte und junge ganz nah beinander, vereint in der Trauer. 

Natürlich bangten sie um ein Nationaldenkmal, um ein einzigartiges architektonisches Bauwerk, um eine Touristenattraktion. Sie bangten aber vor allem um eine Kirche, ein Zeugnis des Glaubens und der Hoffnung, um eine Symbol der Verbindung in die Geschichte und in die Zukunft ihrer Nation, ihres Volkes und mit all den Trauernden in der Ferne auch Europas. Wie kaum eine andere Kathedrale verkörpert sie die Ideale der Gotik: ein lichtdurchflutetes Gotteshaus, das den Blick nach oben zieht, zum Himmel strebt. Licht und Farben erzählen von der Schönheit des Glaubens und der Hoffnung. Und die Kämpfe gegen die Flammen waren Kämpfe um diese Hoffnung, die Tränen waren auch Ausdruck der Sehnsucht, dass das Himmelstor sich nicht verschließt.

Solche Katastrophen setzen sich fest in der Erinnerung, im Herzen und in der Seele ganzer Völker und an der Trauerarbeit zeigt sich, ob es Zukunft geben wird.

In die Ruine der zerbombte Kathedrale von Coventry hinein hat man nach dem Krieg als Zeichen der Versöhnung mit den Angreifern, den Deutschen, eine neue Kathedrale gebaut, im Zentrum eine Kapelle der Versöhnung. Diese Kirche wurde der Geburtsort der Nagelkreuzgemeinschaft.

Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche war mehr als nur eine Rekonstruktion zur Wiederherstellung der Stadtsilhouette, es war die Wiedergeburt der Seele einer ganzen Stadt, um Frieden mit der Zerstörung Dresdens im zweiten Weltkrieg und Versöhnung möglich machen zu können.

Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist stehen geblieben, die neue Kirche wurde um sie herum gebaut, ein Prozess der Ideenfindung und der öffentlichen Diskussion, an deren Ende ein Ort des Friedens und der Versöhnung, ein Mahnmal gegen den Krieg entstand, und heute vielleicht das Wahrzeichen Berlins ist, mit einem Raum, in dem einen der vom Gekreuzigten zum Segnenden  erhöhte Christus empfängt in einem himmlischen Blau, dem Lärm der Großstadt entrückt, in die Stille der Gottesbegegnung entführt – ein Ort für Tränen der Freude und der Trauer.

Vielleicht wird ähnliches in Potsdam mit dem Wiederaufbau des Turmes der Garnisonkirche gelingen, wenn die Zornestränen der einen  über den Wiederaufbau und des Schmerzes über den historischen Verlust durch die Sprengung des alten Turmes der anderen getrocknet sind.

Ich merke, dass ich von Ostern nicht reden kann, ohne den Tränen ausreichend Raum gegeben zu haben. Ich muss den Schmerz erahnen, um die Freude und den Dank begreifen zu können.

Es sind ja nicht nur die Tränen über die Spuren der Verwüstung, des Schreckens, des Krieges, auch wenn wir uns vielmehr diese Tränen in der Gegenwart erlauben sollten, um nicht abzustumpfen, um uns nicht zu gewöhnen an die Allmacht der Gewalt und des Schreckens.

Es sind auch die Tränen über die in weltweiten Maßstäben eher kleinen Verwüstungen des Lebens, wenn der Tod gemeinsames Leben beendet oder was noch schwerer wiegt, Hoffnung auf eine gemeinsame und erfüllte Zukunft zerstört.

Maria Magdalenas, von der wir gar nicht so viel wissen, hat  menschlicher Phantasie soviel Nahrung gegeben, Wünsche und Gedanken einzutragen. Mit ihr begegnen wir jeder Form der Trauer, die aus der Liebe geboren ist: Trauer um die Eltern, um den Partner, um die Kinder, um die Freunde, um das eigene Leben und seine Möglichkeiten.

Maria weint am Grab. Sie weint  über den Tod des Freundes, über das Ende aller Hoffnung, über den, der sie angesehen und ernst genommen, ihr als Frau einen Wert, eben Ansehen gegeben hat. Sie weint, dass nun ihre Liebe, ihre Zuwendung, ihre Aufmerksamkeit keine Antwort mehr findet.

Sie weint, dass sie allem Anschein nach sogar den Ort für ihre Tränen, das Grab für ihre Trauer verloren hat.

Vielleicht macht das sogar den Wert der Denkmäler nationaler Größe mit aus, dass sie verlorene Orte ersetzen, Stellvertreter werden können, um zu trauern, zu mahnen, vor dem Vergessen zu bewahren. Wie viele Angehörige der Gefallenen aller Kriege haben keine Gräber, an denen sie Tränen vergießen können.

Ich wünschte mir manchmal ein Kultur des Weinens und das wir allen, Jungen und Alten, Männern und Frauen, ihre ehrlichen, die Seele befreienden und reinigenden Tränen erlauben.

Und ich wünsche jedem Menschen, der nicht aus Berechnung, sondern aus dem Schmerz der Seele heraus weint, aufmerksame Begleiter.

Gehören die Tränen zum Anfang der Auferstehung, dann gehören auch die Tröster und Zuhörer dazu, die Engel, die gesandt sind, meinen Schmerz wahrzunehmen, anzusprechen und ihn mitzutragen. Solche Osterzeugen können wir werden, wenn wir uns nicht wegdrehen, sondern hinschauen und hinhören: warum weinst du?

So entsteht der Raum zum Erzählen, zum Erinnern, zum Trauern, zur Rückkehr ins Leben, vielleicht schon heute oder morgen, oder in einigen Wochen.

Sicher: die Kirchen kann ich wieder aufbauen. Und die Trauer und die Sehnsucht nach solchen Denk-mälern und Erinnerungsorten werden ungeahnte Kräfte und Möglichkeiten freisetzen.

Das ist schon Ausdruck von Osterhoffnung: sich vom Offensichtlichen und Ausweglosen nicht allen Mut nehmen zu lassen und das Unmögliche zu wagen und zu erreichen.

Hoffnungszeichen in einer Welt der Zerstörung und des Todes – ich brauche sie, um nicht aufzugeben, um wieder aufstehen und weiter  machen zu können.

Meine Toten aber muss ich erst einmal loslassen, sie in Gottes Hand aufgehoben wissen, Leben als Geborenwerden und Sterben  begreifen.

Wohin aber die Reise geht, was es mit Ostern eigentlich im tieferen Sinne auf sich hat, was weitergesagt und weitergefeiert, weitergetragen und weitergehofft werden will, das gibt der Auferstandene als einen Ausblick zu verstehen. Er markiert diese Zwischensituation zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, in der wir uns ein ganzes Leben wiederfinden, in den Ruinen, die auf Wiedererrichtung warten, bei den Sterbenden und Toten, die auf Auferstehung hoffen, bei den Gebeugten, die aufgerichtet werden wollen, bei den Trauernden, deren Tränen abgewischt und die getröstet werden sollen, wenn Jesus sagt: Rühr mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.

Ostern ist kein Anlass für wilde Spekulationen über das Wie und Warum von Hoffnung und Auferstehung. Ostern ist ein Weg und ein Ziel: Ich werde zum Vater gehen und beim Vater sein. Deswegen ist das Grab der eigentlich unwirkliche, weil vorletzte Ort. Es ist perspektivisch leer, weil der Ort meiner Hoffnung und der Ort des Glaubens und der Ort der Auferstehung beim Vater ist. Der Himmel muss uns werden, von hier nach dort und doch mitten unter uns. Raum und Zeit aufgehoben in der Ewigkeit, Tod und Auferstehung. Ostern  – der Auferstandene geht den Weg öffnet Zeit für die Ewigkeit, weitet Leben hinüber in Gottes Welt, verwandelt alle Trauer in Freude, schenkt uns Geduld, wenn wir wieder einmal denken: jetzt noch nicht. Und sagt: Aber dann : „So mögen Erdenreiche fallen / dein Reich, Herr, steht in Ewigkeit / und wächst und wächst, bis endlich allen / das Herz zu deinem Dienst bereit. (EG 490, 4) Amen

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