Wenn ich sterbe… (Joh 19,16-30)

  1. Wenn ich sterbe…

Wenn ich sterbe, dann möchte ich, dass es so ist wie bei den Urvätern im Alten Testament.

Zum Beispiel bei Abraham: Von dem heißt es, dass er starb, als er alt und lebenssatt war und er wurde zu seinen Vätern versammelt (Gen 25,8). Auch Isaak und David und sogar Hiob starben alt und lebenssatt.

So möchte ich, dass es auch bei mir ist. Dass ich alt werde und mich dann wie nach einem guten Essen zu­rücklehnen und sagen kann: „Das war sehr gut und reichlich, aber jetzt reicht es, es ist genug und es ist gut und jetzt ist Schluss.“

Und dann ist auch Schluss. Und dann lege ich mich hin und schlafe ein und wache nicht mehr auf.

Das wünsche ich mir und diese Bitte richte ich auch dann und wann mal wieder an meinen Herrn und Gott.

Wie möchtet Ihr sterben?

Kein angenehmes Thema. Wer macht sich schon gerne Gedanken darüber. Viele Menschen tun sich schwer damit. Kein Wunder: Der Tod findet nicht mehr im Lebensumfeld der Menschen statt. Die meis­ten Menschen wollen zuhause sterben und sterben im Krankenhaus – weil Sterben wie krank sein ist.

Aber ist das wirklich so?

Wenn ich sterbe, dann möchte ich jedenfalls, das es so ist wie bei den Urvätern im Alten Testament: alt und lebenssatt.

  1. Wenn Menschen sterben…

Wenn Menschen sterben, sieht das oft anders aus.

Manche sterben plötzlich und werden mitten aus dem Leben herausgerissen. Sie konnten sich nicht auf den Tod vorbereiten und mussten es auch gar nicht. Viele wünschen sich so einen Tod, um keine Angst haben zu müssen. In früheren Zeiten galt das noch als unseliger Tod – unvorbereitet und ohne Abschied nehmen zu können mitten aus dem Leben gerissen… Das wünsch­te man auch seinem Feind nicht. Und für die, die zu­rückbleiben, ist es und bleibt es ein Schock.

Manche sterben nach langem Leiden. Müssen sich durch Krankheit und Schmerzen quälen, durchleben ein Wechselspiel aus Hoffnung und Enttäuschungen und merken wie ihnen die Zeit immer mehr durch die Finger rinnt und am Ende nichts mehr übrig bleibt. Und am Ende kommt dann der Tod doch immer plötz­lich. Und die, die zurückbleiben, hoffen, dass eine Er­lösung war.

Manche sterben tatsächlich alt, aber nicht lebenssatt, sondern des Lebens überdrüssig. Nicht nur die Eltern sondern alle Freundinnen und Freunde und viele Ver­wandte sind schon lange weg, sie kommen sich nutz­los und überflüssig vor, sehen keinen Sinn mehr im Leben.

Manche müssen auch einen gewaltsamen Tod erlei­den. Plötzlich und schmerzhaft und sinnlos. Und die, die zurückbleiben, bleiben mit gebrochenen Herzen zurück, oft auf ewig entzweit mit der Welt­.

  1. Wenn der Menschensohn stirbt…

Wenn der Menschensohn stirbt, wenn Jesus stirbt, dann stirbt der Mensch Jesus. Und Gott stirbt mit ihm.

Wenn der Menschensohn stirbt, dann stirbt ein Mensch wie Menschen eben so sterben.

Nicht alt und lebenssatt wie nach einem guten und reichlichen Essen. Wenn der Menschensohn stirbt, dann lehnt er sich nicht entspannt zurück und schläft ein und wacht nicht wieder auf.

Nein!

Der Menschensohn stirbt plötzlich, wenn auch nicht ganz ohne Vorwarnung. Er wird mitten aus dem Le­ben gerissen. Ein junger Mann in seinen besten Jah­ren. Um die 30 wird er gewesen sein. Kein Alter um zu sterben, auch damals nicht. „Er hatte doch noch so viel vor. Er hätte doch noch so viel bewegen und er­reichen können. Hatte noch Pläne…“

Der Menschensohn stirbt leidend. Geht mit Hoffnung in den Tod und muss doch so viele Enttäuschungen er­tragen. Und am Ende merkt selbst der Menschensohn, wie ihm die Zeit durch die Finger rinnt und er stirbt und die, die zurückbleiben, können wirklich nicht hof­fen, dass es eine Erlösung war. Wirklich nicht. Es war eine Qual bis zum Schluss.

Denn der Menschensohn stirbt einen gewaltsamen Tod. Ermordet, weil jede Hinrichtung ein Mord ist, weil es keine Rechtfertigung gibt einen Menschen mit staatlichen oder vermeintlich religiösem Auftrag zu töten. Der, der die Liebe Gottes in die Welt bringen wollte, wird am Kreuz zu Tode gefoltert.

Der Menschensohn stirbt wie ein Mensch, wie viele Menschen eben so sterben und die meisten kümmert es nicht.

Und wenn der Menschensohn stirbt, dann stirbt in ihm auch Gott, wie Menschen ebenso sterben.

Einfach so.

Millionenfach.

Nichts besonderes.

  1. Es ist vollbracht!

Wenn der Menschensohn stirbt, dann weiß er dennoch etwas, was wir anderen vielleicht auch wissen, woran wir aber doch auch zweifeln, worauf wir vertrauen wollen, aber doch oft eben nicht vertrauen. Und das Wissen bleibt oft nur ein wages Hoffen.

Wenn der Menschensohn stirbt, dann weiß er: Es ist vollbracht!

Nicht nur das Leben geht zu Ende, sondern das große Werk ist vollbracht. Der Mensch Jesu, der Menschen­sohn hat alles gesagt und getan, was er im Leben eines Menschen zu sagen und zu tun hatte. Es ist vollbracht und nun kann er trotz aller Qualen, trotz aller Schmer­zen und dem Leiden zum Trotz den letzten Schritt tun: Sterben.

Denn diesen letzten Schritt muss der Menschensohn tun, denn nur wer stirbt, kann auch auferstehen.

  1. Wenn ich sterbe…

Wenn ich sterbe, dann möchte ich jedenfalls, das es so ist wie bei den Urvätern im Alten Testament: alt und lebenssatt.

Wenn Menschen sterben, sieht das oft anders aus.

Wenn ich sterbe und es nicht so ist wie bei den Ur­vätern, dann gebe mir Gott in meiner letzten wachen Stunde die Erkenntnis, dass ich nicht allein bin. Dass ich nicht der erste bin, der so stirbt, wie Menschen ebenso sterben. Mindestens noch einer ist so gestor­ben. Und daran will ich mich hoffentlich halten in mei­ner dun­kelsten Stunde. Damit ich hoffe, damit ich glaube, damit ich weiß.
Amen.

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