Brot, Wein und Geschichten vom Leben und vom Glauben (1.Korinther 11, 23-26)

Wenn wir genau hinhören und uns darauf einlassen, dann fallen alle Zeit-Grenzen und auf wunderbare Art und Weise stehen/sitzen wir  nicht alleine, sondern finden uns in einer großen Schar von Menschen wieder, die in den Zeiten vor uns und an anderen Orten, wie wir gelebt und  gefeiert haben.

Wir stehen oder sitzen mit denen zu Tisch, die vor uns geglaubt, gehofft, gesungen, gebetet, gefeiert, nach Trost und Hoffnung gelechzt und Brot und Wein als Nahrung für Leib und Seele gereicht bekommen und angenommen haben.

Was  wir zunächst nur als Erbe empfangen haben, ist doch mehr als nur Brot und Wein, es ist das Wort, das den Glauben weckt, die Botschaft, die weitergesagt und weitererzählt werden will, der Blick auf Jesus Christus, der so vieles in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt und  neue Perspektiven eröffnet.

Wir geben weiter, was wir empfangen haben.

Wir hören Worte, die so viele vor uns in ihrer Sprache gehört und weitergesagt haben. 

Wir werden Tischnachbarn, einander hörig, in dem wir an den Worten hängen, die Jesus spricht und die seine Jünger aufbewahren und weitersagen: mein Leib, mein Blut, mein Leben – für euch, Brot und Kelch

Raum und Zeit spielen keine Rolle mehr.

Es ist der letzte Abend im Leben Jesu und er ist im Kreis seiner Freunde und seiner Jünger, wir sind in seinem Kreis mit ihm am Tisch und hören die Geschichte von Rettung und Erlösung des Gottesvolkes und erzählen sie neu.  Wir werden erlöst und errettet, wir werden befreit und auf den Weg geschickt werden. Wir nehmen Abschied von Jesus. Wir wollen ihn nicht vergessen, sondern als Zeugen, als Christus, als Sohn Gottes in Erinnerung behalten, ihn auf der Zunge und im Herzen haben.

Nichts unterscheidet uns da vom Apostel Paulus, der auch erst Empfangender und dann Weitergebender war.

Die Abendmahlsgemeinschaft kennt nicht die engen Grenzen, die womöglich der Raum geboten hat, in dem sich Jesus am Abend des Passahfestes versammelt hatte. Der Raum wird ganz durchsichtig, ganz weit, weil er uns alle damals, heute und immer fasst, wenn wir das Brot und den Kelch nehmen, Jesus zu Worte kommen lassen und mit seinen Worten beten.

Erinnerung macht alles gleichzeitig.

Wenn ich meine Erinnerungen mit Freunden und Verwandten teile, dann werden sie ganz gegenwärtig. Dann sind auch meine Toten mit dabei, Eltern und Großeltern, Freunde. Das ist die Kraft der Erinnerung, des Gedächtnisses, die Kraft zu vergegenwärtigen.

Wir borgen uns Worte aus der gemeinsamen Erinnerung aus, Gebete und Lieder, auch Geschichten aus der Bibel. Sie sind Tradition, sie sind zu uns und über uns gekommen, weil sie von Generation zu Generation weitergegeben und weitergesagt wurden. Und sie schaffen Gegenwart.

Von daher ist der Konflikt zwischen den Konfessionen über das Abendmahl, und da vor allem über die Frage, wie Gegenwart Jesu in Brot und Wein geschehen kann, überflüssig und eigentlich längst überwunden. Das Wunder geschieht und auch wer immer an Wundern zweifelt, erfährt dennoch das Wunder, dass die Erinnerung vergegenwärtigen kann.

Fullbert Steffensky hat liebevoll „Tradition“ beschrieben als „Wohnen in den  alten Zelten der Hoffnung unserer Väter und Mütter.“ 

Und was für ein wunderbarer Zelt zum Bergen sind die Worte vom Brot und vom Kelch, vom Leben und Heil, und damit vom Leiden, das verwandelt, vom Tod, der verschlungen wird, von der Welt des Hungers, der Schuld, des Hasses und des Krieges, die verwandelt und vom Kreuz, das zum Baum des Lebens, zum Zeichen des Sieges wird.

Sind wir ruhig Traditionalisten, Hüter und Bewahrer des Erbes.

Aber noch einmal Fulbert Steffensky: Mit der Sprache der Tradition haben wir noch nicht den Geist der Tradition. Religionen sind oft geblendet von der Idee der Kontinuität und sie suchen ihr Heil im Statusquo und in der Wiederholung. Sie vergessen die andere Schönheit, die Gott uns zumutet: Weiterdichten an den großen Liedern des Glaubens; Weiterdichten am Glaubensbekentnnis und an den Psalmen! Befreie den Willen Gottes aus dem Schutt der Herkömmlichkeiten! Denke nicht, dass Du ihn kennst und erfüllst, indem du den Willen deiner Väter und Mütter erfüllst. Wer nur denkt, tut und liebt, was seine Väter und Mütter gedacht und geliebt haben, der lebt nicht im Geist seiner Väter und Mütter. Er mag in ihrem Buchstaben leben, aber nicht in ihrem Geist. Wir leben von den Schätzen unserer Väter und Mütter, aber nur dann, wenn wir weiterdichten an ihren Liedern und Geschichten des Glaubens. Der Geist braucht Übersetzung, keine Repetition.

Wir werden also gebraucht: unser Glaube, unsere Hoffnung, unsere Lieder und unsere Geschichten. Wir dürfen sie erzählen, wir dürfen ihnen trauen, wir dürfen sie weitergeben.

Wir feiern heute die Gegenwart Jesu in unserer Mitte, wir hören, wie er ganz für andere da ist, wir gehen mit ihm in die Stille und die Einsamkeit, um mit Gott zu ringen, um das „Warum“ und „Wozu“ zu verstehen, um im Sterben bei ihm zu bleiben, um in seinem Sterben allen Hunger nach Gerechtigkeit, alle Friedenssehnsucht zu spüren und aufgehoben zu wissen, um allen Niederlagen und allem Scheitern zu trotzen, bis der letzte und helle Ostermorgen für alle kommt und alles im Licht der Welt Gottes aufhebt.

Bis dahin geben wir weiter, was wir empfangen haben: Zeichen der Hoffnung, Spuren der Güte Gottes, Vertrauen auf seine Gegenwart,  Widerstand gegen die Mächte der Ungerechtigkeit und des Todes und Nahrung, die uns Kraft für Körper, Seele und Geist schenkt in der Nachfolge Jesu. Amen

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