Bilder, die mich verfolgen (Johannes 19, 16-30)

Die Bilder stellen sich ganz von allein ein. Will ich sie aber wirklich wieder loswerden will, abschütteln und beim nächsten Mal wegschauen?

Es gibt eine Menge, die möchte immer ganz genau zuschauen, die kann am Leid und am Elend anderer gar nicht genug bekommen. 

Neugierde, Sensationslust, Unfähigkeit Realität und Fiktion noch auseinanderzuhalten –  Ich kenne ihre Motive nicht wirklich.

In alten Zeiten mag es ja Unterhaltung gewesen sein, die einem bei Folter und Hinrichtung geboten wurde.  Und  dann kamen sie wohl,  um sich jedes Spektakel dieser Art nicht entgehen zu lassen. 

Und abschrecken sollte die öffentliche Gewalt ja auch, vor allem potentielle Nachahmer: Widerständler, aber auch Gesindel, Räuber und Mörder. Die Machtfrage sollte ein für alle Mal geklärt sein – gerade wenn es nicht um Schuld, sondern  nur noch um Machtdemonstration und ein letztes Aufbäumen der zutiefst erschütterten Mächtigen ging. 

Dieses sinnlose, öffentliche Morden hat eine blutige Spur durch die Geschichte bis in die Gegenwart hinterlassen. 

Und nichts hat die Macht Missbrauchenden mehr provoziert und entlarvt, als  das Ergeben und Aushalten der Unschuldigen, die nicht die Hand oder das Schwert erhoben, sondern sich richten ließen, zum Beispiel vor 74 Jahren Dietrich Bonhoeffer – nur wenige Tage vor dem Ende des NS-Regimes oder vor 76 Jahren Hans und Sophie Scholl. 

Hans Scholl betete vor seiner im Eiltempo verhängten und vollstreckten Hinrichtung den 90.Psalm und lies sich zum letzten Abendmahl das Hohelied der Liebe aus 1.Korinther 13 vorlesen: die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwille, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Mehr kann man die Machtmissbrauchenden wohl nicht demütigen als mit solcher Ergebenheit und Demut, sein eigenes Leiden uns Sterben hinzunehmen, lauter kann der Widerstand in aller Stille nicht schreien.

Und was treibt die, die Unschuldige ihres Lebens berauben, die blind vor Hass ihre Gewalt nicht mehr an sich halten können und morden?Was treibt Amokläufer und Schreckenshelfer, Fanatiker des Todes und der Gewalt, die sich auf höhere Mächte, höhere Ziele, gar Ideale berufen?  Religiöser, nationaler und rassistischer Wahn und menschenverachtende Gewalt liegen manchmal so dicht beieinander, als ob die Schädelstätte nicht nur ein Hinrichtungsort vor den Toren den der Stadt der Jerusalem war, sondern die ganze Welt eine einzige Schädelstätte ist, ein einziges Golgatha, ein einziger Erinnerungsort für die Opfer der Todesmächte.

Will ich die Bilder loswerden? 

Das Spiel mit dem Tod, der Kampf zwischen Böse und Gut ist Teil der Unterhaltungskultur: der Sonntags-, Montags-Dienstags, Mittwochskrimi ist Alltagskultur und kommt im allgemeinen nicht ohne den Unterhalter „Tod“ aus – nur, das ihm am Ende das Handwerk gelegt wird, allerdings ohne Auferstehung der Toten, aber immerhin mit dem Prozess für die Schuldigen.

Ist das das Bild von der Wirklichkeit, das bleiben und vermittelt werden soll?

Die Evangelien malen ein brutal anderes Bild. Die Täter bleiben unbehelligt, ihre Macht erscheint weiter unangetastet, sie waschen ihre Hände in Unschuld und können mitansehen, wie später andere, die sich nicht wehren können, schuldig gemacht, ihnen die Verantwortung zugeschoben wird. Nur, was nützt es den Opfern, die sie geworden sind. Sie brauchen Gerechtigkeit, sie brauchen ein Stimme, sie brauchen die Erinnerung an ihre Unschuld, spätestens wenn man liest, welchen Verbrechens sie angeklagt waren: Er eine, der eine sei der König der Juden , allerdings mit einer Dornenkrone gekrönt, bespuckt und geschlagen, von Freund und Feind verlassen, zwischen zwei wirklichen Ganoven gekreuzigt. Was für ein Herrscher zwischen den Verbrechern, wie Mörder hingerichtet. Und heute zwischen Kriminellen eingesperrt, weil sie Flüchtlinge sind und nicht in das Elend und die Not ihrer Heimat zurückwollen, sondern ebenfalls am Wohlstand und Reichtum unserer Welt Anteil haben möchten. Die Bilder lassen mich nicht los.

Soldaten sitzen unter dem Kreuz und würfeln, verteilen die Armseligkeiten des Verurteilten, von Habseligkeiten kann man ja gar nicht reden. Auch das ist Macht, nicht die Macht der Waffen, sondern die Macht der Besitzenden, die sich auch noch von denen nehmen, die nicht mal mehr ihr nacktes Leben haben. Ist das das Bild unserer Wirklichkeit, das bleibt? Die Welt derer, die besitzen, scheint so zu funktionieren, und da ist der Aufstand und der Widerstand der Besitzlosen nicht vorgesehen. Die sollen ruhig zuschauen, wie die Habseligkeiten verteilt, das Gewand lieber ungeteilt seinen Besitzer wechselt. Aber kann ich Lebensnotwendiges so zum Spielball der Verteilkämpfe machen, mir Lebensgrundlagen unter den Nagel reißen., Land, Boden, Bodenschätze, Klima – Lebensrechte und Lebensmittel so ungleich zubilligen?

Das taten die Soldaten, das tun Menschen bis heute. Und das Kreuz steht aufgerichtet. Ich werde die Bilder nicht los!

Auch die Bilder von den Flüchtlingsbooten im Mittelmeer verfolgen mich. Mütter und ihre Kinder, Söhne ohne ihre Eltern, Väter ohne ihre Familien, eben die, die es geschafft haben,  ein Ticket auf Hoffnung zu ergattern, um welchen Preis auch immer. Und ich sehe die Mutter und den Freund unter dem Kreuz. Ich ahne, welcher Schmerz in diesem Bild bewahrt liegt. Die Mutter, die den Tod ihres Kindes mit ansehen muss und bald betrauern wird. Unzählige Male ist die trauernde Mutter in der Kunstgeschichte dargestellt worden. Ich sehe die Pieta Michelangelos im Petersdom und höre Musik aus dem Stabat Mater,  ei mittelalterliches Gedicht, von Palestrina über Pergolesi bis Arvo Pärt vertont:

Es stand die Mutter voll Kummer beim Kreuz, tränenreich, während (dort) hing (ihr) Sohn.

Ihre klagende Seele, betrübt und schmerzvoll, durchbohrte ein Schwert.

Oh, wie traurig und niedergeschlagen war jene gesegnete Mutter des Einziggeborenen, 

welche wehklagte und litt, die fromme Mutter, als sie sah die Qualen (ihres) gepriesenen Sohnes.

Wer ist der Mensch, der nicht weinen würde, wenn er die Mutter Christi sieht in so großer Verzweiflung?

Wer könnte nicht mittrauern, Christi Mutter zu erblicken, wie sie leidet mit dem Sohn?

Für die Sünden seines Volkes. Jesus sah sie in den Foltern und den Geißeln unterworfen,  sah ihren süßen Sohn, sterbend verlassen/ohne Trost, da er aushauchte (seinen) Geist.

Ich werde die Bilder nicht los. Auch das Bild des Sterbenden, der voller Liebe die um ihn Trauernden sieht und sich ihnen zuwendet. Er sorgt sich: Er sorgt für die Mutter und den Freund.

So war sein ganzes Leben und so war sein Sterben.

Wenn die biblischen Zeugen bekennen, dass er für uns gestorben sei, dann meinen sie wohl vor allem, dass sein ganzes Leben Hingabe war, dass er eben nicht um sich kreiste, narzistisch oder selbstverliebt seine Tage zubrachte, auch nicht nach Lob und Anerkennung schielte, sondern Leiden wahrnehmen und Ursachen beheben wollte, um Gott, der Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit ist, so die Ehre zu geben. Dafür war er auch bereit den Preis seines Lebens zu zahlen, sich hinzugeben, Gott hinzugeben in die todbringenden Verhältnisse dieser Welt und unserer Wirklichkeit, weil sich nur so etwas für die ändern ließ,  die auf Hilfe warten, nach Erlösung schreien, im Gefängnis ihrer Verzweiflung, ihrer Schuld, ihrer Hoffnungslosigkeit verhungern oder dem Tod längst das Feld überlassen haben.

In der Stille dieses Tages, unter dem Kreuz von Golgatha, da entdecke ich all diese Bilder.

Aber über alles legt sich am Ende etwas ganz anderes. Das Sterben des Unschuldigen zeigt schon den Frieden, den er bringt und der er ist.

Wenn der Satz irgendwo wahr ist, dass der Tod die Erlösung ist, dann hier. Sein Tod erlöst in all den Schrecken und zerstört all die Bilder, die uns quälen, weil er in alle Bilder mit seinem Sterben den Frieden Gottes einzeichnet: er neigt das Haupt und er verschied.

Jetzt ist wirklich für einen Augenblick Stille, keine unerhörten Schreie mehr, nur Stille, 

Erlösung, 

Freiheit, 

Hoffnung.

Seine letzten Worte klingen nach, klingen bis zu uns,

heute, 

am Karfreitag.

Wir nehmen sie mit aus dieser Stunde heraus. 

Wenn ich nur diesen Satz hätte, dann hätte ich alles, um dennoch auszuhalten,

zu leben,

zu hoffen

und am Ende selig und versöhnt zu sterben:

es ist vollbracht! Amen

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