Durch seine Wunden sind wir geheilt (Jesaja 52,13 bis 53, 5)

I.

Der Karfreitag ist der schwerste, der dunkelste Tag des Kirchenjahres. Wir wählen das schwarze Parament für Kanzel und Altar. Wir räumen alles fort, Blumen, Kerzen und das weiße Tuch. Am Ende dieses Gottesdienstes verstummt sogar die Orgel.
Am Karfreitag gehen wir mit Jesus symbolisch in den Tod. Wir machen uns sein langsames und qualvolles Sterben bewusst. Wir versuchen, zu verstehen, warum das geschehen ist. Und wir versuchen zu begreifen, was das für uns bedeutet.

Vier Menschen, vier Geschichten begleiten uns dabei.
Ein junger Mann sitzt in seiner Schreibstube, vor sich eine noch weiche Tonplatte, in der Hand hält er einen Griffel, mit dem er die hebräischen Buchstaben in das Material drückt. Alef, Beth, Daleth. Ein Öllämpchen gibt Licht, es ist spät geworden, die Nacht bricht herein. In der Stadt Babylon, der sonst so wühligen Metropole des vorderen Orients, wird es still. Jesaja heißt der Mann, den Namen hat er sich selbst gegeben. Jesaja, der Zweite, nennen ihn die Leute. Er deutet die Zeichen, und es sind gute Zeichen. Israel wird bald nach Hause dürfen, Gott hat sich seines Volkes erbarmt. Der Perserkönig Kyrus ist ein guter, vernünftiger Mann, er gibt die Gefangenen Zions frei. Bald werden seine Leute heim dürfen, bald werden sie den Tempel wieder aufbauen können. Es wird alles gut. Jesaja freut sich, den Israeliten die herrlichen Gottesworte sagen zu dürfen, die ihm zufliegen. „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln“, spricht Gott durch ihn. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst.“ Und „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Es wird alles gut.
Wenn da nicht diese Träume wären. Jesaja träumt selten, er ist ein Intellektueller, er prüft alles genau, bevor er es glaubt. Diese Träume – er würde sie am liebsten wegwischen. Sie machen ihm Angst. Aber sie sind so deutlich, so klar. Und sie kommen wieder – dies war jetzt der vierte dieser Art. Jesaja weiß, dass er ihn aufschreiben muss. Er spürt, dass er Gottes Wort ist, auch wenn er im Moment nicht versteht, was er bedeutet.
Jesaja zögert. Was nutzt es, diese dunklen Worte aufzuschreiben? Verunsichert das nicht nur seine Leute? Er ringt mit sich. Aber dann drückt seine Hand die Buchstaben in den Ton, die ihm so viel Grauen bereiten: Alef, Beth, Daleth – Äbed. Und er schreibt sein viertes Lied vom Äbed Jahwe, dem Knecht Gottes.
Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit.
Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

II.

Herr K. liegt still in seinem Bett, das Gesicht zum Fenster gewandt. Das Sauerstoff-Gerät blubbert, geräuschlos tropft Morphium vom Ständer sacht in seine Vene. Heute ist ein guter Tag. Er hat kaum Schmerzen, er macht sich wenig Gedanken. Bald ist es vorbei, er weiß es. Und etwas in ihm freut sich drauf. Zehn Jahre Krebs. Zehn Jahre Chemo. Zehn Jahre Operationen und Bestrahlungen. Zuletzt Metastasen im Gesicht und an der Halsschlagader. Inoperabel. Wie eine Boshaftigkeit des Schicksals kommt es ihm vor, „Elephant-Man“ nannte er sich selbst zynisch beim Blick in den Spiegel, als das noch ging. In der Wange hat er ein Loch. Die junge Hospiz-Schwester muss das Loch mit einem Tuch zuhalten, damit er durch einen Strohhalm trinken kann.
Wie hieß sie noch gleich? Katja, ja, das ist ihr Name. Ein schmales, blondes Ding, fast durchscheinend. Viel zu zart für diesen Job. Als er beim Waschen vor Schmerzen aufstöhnt, entschuldigt sie sich mehrfach. Alle Viertelstunde schaut sie bei ihm rein, ob auch alles in Ordnung ist, ob er etwas braucht, ob es ihm gut geht. Einmal, als sie ihm zu trinken gab, hat sie geweint. Er spürte ihre salzigen Tränen auf dem vernarbten Gesicht.
Plötzlich reißt er die Augen auf. Eine neue Art von Schmerz durchzuckt seinen Körper. Er beginnt am Steißbein und reißt ihm den Rücken hoch. Es fühlt sich an, als ob sich eine Eisenzwinge um die unteren Wirbel legt. Das sind die Metastasen, er weiß es ja. Aber dass sie so plötzlich so weh tun können! Verzweifelt sucht Herr K. nach der Klingel. Endlich, endlich kommt jemand. Sieht sofort, was los ist. Ruft den Arzt, hält seine Hand. Legt ihm ein kühlendes Kissen dorthin, wo der Schmerz am schlimmsten ist. „Ganz ruhig. Atmen Sie, Herr K., gleich wird es besser“, sagt eine Stimme. Katja.

III.

Katja geht unruhig in ihrer Wohnung auf und ab. Sie kann wieder mal nicht schlafen. Herr K. geht ihr durch den Kopf. Hat sie auch wirklich das Fenster geschlossen, bevor sie nach Hause ging? War sie heute Morgen zu grob mit ihm? Sein Leiden setzt ihr zu, es geht tatsächlich fast über ihre Kräfte. Aber es ist nicht nur Herr K., der sie schlaflos macht – sie denkt auch an ihren kleinen Sohn, der das Wochenende bei seinem Papa Jens ist. Sie hat vergessen, ihm die Zahnbürste einzupacken. Ob Jens dran denkt, eine neue zu kaufen? Und das Lieblingsvorlesebuch liegt auch noch an seinem Bettchen. Katja seufzt. Und kocht sich einen Tee. Heute Morgen hat sie mit ihrer Mutter telefoniert. „Wann kommst du denn mal wieder, Engelchen?“, hat die mit vorwurfsvollen Ton gefragt. „Mutter, ich weiß es nicht“ – sie war genervt, sie war müde, sie ist immer müde, sie kann jetzt nicht den weiten Weg auf sich nehmen, sie schafft es einfach nicht. „Andere haben ihr Leben besser auf der Reihe“, denkt Katja. „Ich pack das irgendwie nicht.“

IV.

In der Mitte der Zeit leidet Jesus am Kreuz. Die Menschen gehen vorbei. Soldaten spucken ihn an. Sein Gesicht ist blutüberströmt, die lächerliche Dornenkrone, die sie gemacht haben, um ihn zu verspotten, drückt sich in seine Stirn. Die Schmerzen an Händen und Füßen sind unerträglich. Die Scham auch: Halbnackt hängt er in der sengenden Sonne Israels. Sie sind alle weg, die mit ihm gegangen waren. Nur seine Mutter ist da, und Maria von Magdala, seine beste Freundin. Er sieht, dass sie für ihn beten. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – an ihren Lippen erkennt er den alten Psalm und spricht ihn mit. Er spürt die Kraft der Frauen über die Distanz hinweg.
Er spürt: Es wird bald vorbei sein. Es dauert nicht mehr lang. Und wie aus einer anderen Zeit kommen die Worte des Zweiten Jesaja zu ihm: „ Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Aus der Zukunft dringt das Bild des sterbenden Herrn K. auf ihn ein. Und nicht nur dieses: Leid, Tod, Geschrei und Gefahr, es ist, als ob das Elend der Welt sich bündelt in ihm, dem gekreuzigten Christus. Auch Katja sieht er, schlaflos. Wie sie mit sich ringt. Wie ihre Schuldgefühle sie quälen. Wie sie so verzweifelt den inneren Frieden sucht und ihn nicht findet. Jesus weiß, dass das alles jetzt auf ihm liegt.

V.

Der Pastor kommt. Herr K. hat um das Abendmahl gebeten. Katja ist auch da, und noch jemand von der Station. Es wird nicht viel geredet. Der Pastor ist einfühlsam. Er betet mit kräftiger Stimme den 22. Psalm: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch du antwortest nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ Herr K. kann die Oblate nicht mehr schlucken, der Pastor führt sie behutsam an seine Lippen. „Christus für dich“, sagt er. Der Sterbende saugt daran und nickt dann dankend. Im Kelch ist verdünnter Traubensaft. Katja reicht Herrn K. den Strohhalm und hält ihm das Loch in der Wange zu. Herr K. sieht sie an, als wolle er etwas sagen. Jetzt hat er es fast geschafft. Nicht mehr lange.
Er stirbt wenige Stunden später. Ganz ruhig geht er auf seine letzte große Reise.

„Christus für dich“ – Katja gehen die Worte nicht aus dem Sinn.
Und der Psalm, als ob er für sie geschrieben wäre. „…..des Nachts finde ich keine Ruhe.“
Und der Zettel, der ihr aus der Bibel des Herrn K. entgegengefallen war, als sie seine Sachen packte. Es sind die Worte des zweiten Jesaja. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Durch seine Wunden sind wir geheilt. Sie sieht das Kruzifix im Flur. Sie denkt an Herrn K. und seinen Blick beim Abendmahl. Und einen Moment lang strömt tiefer Friede durch sie hindurch. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“, flüstert sie. Und sagt dazu „Amen“ – so möge es sein.
Amen

drucken