Seht, welch ein Mensch!

Liebe Gemeinde,

Ein langer Predigttext. Und ein wenig vertrauter dazu. Auch wenn wir jedes Jahr über die einzelnen Abschnitte der Leidensgeschichte hören, war dieser Abschnitt aus dem Johannesevangelium bislang nicht Teil der Predigtreihen.

Eigentlich müsste man die Szenen als Theaterstück aufführen, um die ganze Dramatik erkennbar werden zu lassen.

Da gibt es zwei Spielorte: Der Platz vor dem Palast und das Prätorium im Gebäude. Gleich mehrfach wechselt das Geschehen von draußen nach drinnen und wieder zurück.

Die Hohenpriester bringen Jesus vor Pilatus und klagen ihn, zunächst recht unbestimmt an: Er ist ein Übeltäter und muss mit dem Tod bestraft werden. Weil wir das nicht selber dürfen, musst du, Pilatus, das für uns tun.

Pilatus gilt in der römischen Geschichtsschreibung als korrupter, brutaler und äußerst ungerechter Herrscher.  Ganz anders präsentiert ihn uns Johannes. Sorgfältig unterzieht Pilatus den Angeklagten einer persönlichen Befragung: Bist du der König der Juden? An sich gar kein Problem: Solange die Oberherrschaft des römischen Kaisers anerkannt wurde, durften die unterdrückten Völker durchaus beschränkte Eigenverantwortung ausüben.

Jesus antwortet mit einer Gegenfrage: Du gibst doch hier nur den Vorwurf der Hohenpriester weiter.  Du selber hast doch gar nichts gegen mich vorliegen.

Im zweiten Satz stellt Jesus dann klar, dass auch er selber sich nicht als politischen Widersacher der römischen Herrschaft sieht. Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sonst hätten meine Jünger doch längst angefangen, gegen euch und die Hohenpriester zu kämpfen.  Pilatus nimmt dennoch wahr, dass er es mit einem Mächtigen zu tun hat: Dennoch bist du ein König!

Jesus fährt fort: Ich bi in die Welt gekommen, um ihr Gottes Wahrheit zu bezeugen. Eigentlich eine Eröffnung für ein neues Gespräch. Was ist Wahrheit, fragt Pilatus zurück.

Diese Frage bleibt unbeantwortet. wir müssen sie selber aus dem Fortgang der Erzählung erschließen. Der Meister der Gleichnisse, wie wir ihn sonst in den Evangelien finden, schweigt und macht damit sich selber zum Gleichnis für Gottes Wahrheit.

Szenenwechsel. Nach der Befragung kehrt Pilatus nach draußen zurück. Ich finde keine Schuld an ihm. Lasst Gnade walten! Wäre es nicht sinnvoll, in diesem Jahr ihn als Geste der Gnade freizulassen? Davon wollen die Ankläger nichts wissen. gib uns lieber den Räuber Barrabas frei!

Pilatus kehrt zurück ins Prätorium und lässt Jesus auspeitschen. Die Soldaten verhöhnen ihn als wehrlosen Scheinkönig. Es gibt Ausleger, die diesen plötzliche Sinneswandel des Herrschers als weiteren Versuch sehen, das Leben Jesu zu retten. Eine ordentliche Strafe – und die Geißel mit ihren vielen verknoteten Strängen ist ein Folterinstrument – sollte doch reichen, um die Menschen draußen zufrieden zu stellen. Eine schmerzhafte, aber nach historischen Maßstäben milde Strafe sollte genügen, um den Pöbel zu beruhigen. Dann präsentiert Pilatus den Geschlagenen und betont noch einmal: Ich finde keine Schuld an ihm.

Der Abschnitt schließt dann mit dem Kernsatz: Seht welch ein Mensch! Vor einigen Jahren als Kirchentagsmotto herausgegriffen.

Seht, welch ein Mensch!

Auch für diesen Satz lohnt es noch einmal, sich die Szene vor Augen zu führen. Jesus ist des Todes angeklagt. Er wird vor dem Statthalter gründlich verhört. Er wird gefoltert und verhöhnt. Stellen Sie sich vor, wie Sie nach so einer Behandlung auftreten könnten.

Behördengänge, Verhöre durch die Polizei, egal ob berechtigt oder nicht lösen bei den meisten erst mal Beklemmung aus. Die eigene Ohnmacht wird spürbar. Was ist, wenn niemand meine Unschuld erkennt? Folter und Verhöhnung dann noch obendrauf: Ich vermute, ich würde da ziemlich gebrochen heraus kommen. Den Kopf einziehen, die Schultern hängen lassen.

Pilatus beschreibt das Auftreten Jesu so: Seht, welch ein Mensch!

Das klingt für mich nach Hochachtung. Der Satz weckt bei mir die Phantasie eines aufrechten Menschen mit hoch erhobenem Kopf. Alles, was da gerade geschehen ist, kann Jesus nichts anhaben. Er tritt aus dem Prätorium wie ein König. Seht welch ein Mensch!

Dieses Bild ist für mich das eben angekündigte Gleichnis für die Wahrheit: In der Nachfolge Jesu ist menschenwürdiges Leben möglich. Freiheit und Stärke, um Unrecht zu tragen und ihm so die Macht zu nehmen. Alle unsere Sehnsüchte finden sich in diesem Auftreten Jesu wieder.

Seht welch ein Mensch – so hat Gott euch geschaffen. So dürft ihr in der Nachfolge Jesu wieder durch die Welt gehen. Amen.

Pastor Thomas Gleitz, Wunstorf

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