Was ist Wahrheit?

Seht, welch ein Mensch! Lateinisch: Ecce homo.
In der Kunstgeschichte bezeichnet man mit diesen Worten
die Darstellung des dornengekrönten Jesus.

Ich habe hier ein typisches Bild mitgebracht:
von Giovanni Francesco Barbieri, genannt Il Guercino (der Schieler),
italienischer Barockmaler (1591-1666). [Bild]

Die Worte, die wir gehört haben, das Bild hier:
Wir können nicht wiedergeben, was es für Jesus bedeutet haben muss,
diese Leiden über sich ergehen zu lassen.

Wir können nur staunend davor stehen,
es betrachten und auf uns wirken lassen und mit Pilatus fragen:
Was ist das für ein Mensch?

Pontius Pilatus, ein unrühmlicher Mensch,
der das Pech hatte, als Prokurator, als Statthalter des römischen Kaisers
nach Judäa/Palästina geschickt worden zu sein, in den Jahren 26-36.

Er verlegte das Hauptquartier der Armee von Cäsarea nach Jerusalem.
Damit machte er sich keine Freunde, denn er ließ in der Heiligen Stadt
überall römische Feldzeichen anbringen.
Und das Prätorium, Amtsgebäude und Palast, schmückte er mit heidnischen Schildern.

Die Juden verabscheuten die fremde Besatzungsmacht.
Immerhin gestanden die Römer der jüdischen Bevölkerung
die Ausübung ihres eigenen Glaubens zu.
Sie hatten hier ein Sonderrecht innerhalb des Imperiums.

So gelang es den Juden schließlich,
dass Pilatus die Feldzeichen wieder entfernen musste.
Und auf Geheiß des Kaisers Tiberius
musste er auch die heidnischen Schilder wieder abnehmen.

Aber natürlich beobachtete man genau,
ob sich im Volk aufständische Bewegungen formieren.
So wie es jetzt den Anschein hat mit diesem Jesus,
der die Menschen offenbar begeistern und mitreißen kann.

Darum waren die führenden Männer im jüdischen Volk,
der Hohe Rat im Jerusalemer Tempel, äußerst beunruhigt.
Die übermächtigen Römer noch mehr gegen sich aufzubringen,
würde ihre Sonderstellung womöglich gefährden.
Darum beschließen sie, Jesus los zu werden
und ihn den Römern zu überantworten.

Es ist erstaunlich, dass gerade Pontius Pilatus, ein grausamer Mensch,
der später noch den Tempelschatz beschlagnahmte
und den darauffolgenden Aufstand blutig niederschlagen ließ,
hier bei Johannes indirekt zum Zeugen wird,
der uns auf das wahre Wesen Jesu hinführt.

Er kommt heraus aus seinem Palast. Er kommt den Juden entgegen.
Und möchte ehrlich verstehen, was sie Jesus vorwerfen.

Das passt eigentlich nicht zu seiner Art, er war sonst nicht so zimperlich.
Offenbar will uns Johannes hier auf eine Spur führen.

Die Welt hat Jesus nichts vorzuwerfen.
Und auch die Juden bringen nichts vor. Sie weichen aus:
Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.

Pilatus will die Verantwortung nicht übernehmen.
So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz.

Aber diese haben innerhalb der römischen Besatzung nicht das Recht,
jemanden zum Tode zu verurteilen.

Offensichtlich werfen sie Jesus vor, einen Aufstand gegen die Römer
zu planen und sich selbst zum König zu machen.

Daraufhin nimmt Pilatus Jesus mit ins Prätorium und fragt ihn:
„Bist du der Juden König?“
Du sagst es!“, sind die einzigen Worte, die Jesus in den ersten drei Evangelien spricht.

Hier bei Johannes antwortet Jesus hingegen:
Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?

Aber man kann nur selbst erkennen, wer Jesus wirklich ist!
Und was er mit mir zu tun hat.

Wenn die Wahrheit nur nachgesprochen,
aber nicht selbst erkannt und vollzogen wird,
nützt es nichts, sie zu kennen.

Wir sind gefragt! Jeder muss für sich selbst die Wahrheit erkennen!
Sonst kann er nicht begreifen, wer dieser Jesus ist,
und was am Kreuz wirklich geschehen ist.

Er ist kein Verbrecher, er hat nichts Falsches gemacht.
„Was hast du getan?“, fragt Pilatus noch einmal.
Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Es geht ihm nicht um irdische Macht.
Es geht überhaupt nicht um das, was vordergründig geschieht.
Wir nehmen die Dinge dieses Lebens und dieser Welt viel zu wichtig.
Und blicken nicht dahinter. Worauf es in Wahrheit ankommt.
Wir verwechseln das Vordergründige mit dem wahren Leben.
Das Zeitliche mit dem Ewigen.

Was ist Wahrheit? – Das ist die zentrale Frage, die uns hier gestellt wird!

Jesu Königreich besteht darin, diese Wahrheit zu bezeugen.
Wer aus der Wahrheit ist, der hört seine Stimme.

Jesus spricht:
Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort,
so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen.
(8,31f)

Seine Stimme hören, an seinem Wort bleiben, das macht uns zu Jüngern.
In seiner Nähe bleiben, auf ihn hören – so erkennen wir die Wahrheit.
Er selbst ist die Wahrheit!

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben;
niemand kommt zum Vater denn durch mich.
(14,6)

Er selbst ist die Wahrheit. Er ist das, wonach alle Menschen suchen.
Aber niemand kann die Wahrheit finden, wenn er nicht zu ihm kommt.

Darum ist das Suchen aller Menschen vergeblich,
solange sie nicht erkennen wer dieser Jesus ist.

Pilatus spricht es aus: Seht, welch ein Mensch!
Das ist die Frage an uns: Wer ist Jesus für dich?

Er ist kein gewöhnlicher Mensch. Er ist nicht von dieser Welt.
Aber er ist in diese Welt, und damit in unser Unheil,
in unsere Verzweiflung und Gottverlassenheit gekommen,
um uns zu retten.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen.

Frei machen, befreien, retten. Denn wir sind gefangen!
Wir hängen an den Ketten dieser Welt, die vom Fürst dieser Welt,
dem Widersacher Gottes, regiert wird.
Er ist es, der uns alle hinters Licht führt, der uns täuscht,
der uns vorgaukelt, dass das Vordergründige das Eigentliche ist.
Das, wofür wir leben, die Dinge dieser Welt,
halten uns aber fest in der Dunkelheit, sodass wir das Licht nicht erkennen.

Wir müssen wirklich frei werden von allem, was uns festhält,
was uns von Gott abhält. Frei werden von der Sünde.
Denn wahres und ewiges Leben gibt es nur bei Gott.

Der Fürst dieser Welt will uns immer nur täuschen.
Er verspricht uns große Dinge, gibt uns vielleicht Reichtum und Macht,
verwendet uns als Werkzeug.
Aber am Ende führt er uns immer ins Verderben.

Wie übrigens auch Pilatus, den Johannes hier zum Zeugen werden lässt.
Nach vielen Beschwerden über ihn
wird er vor den Kaiser zitiert und verbannt,
wo er sich, gleich wie Judas, selbst das Leben nimmt.

Wer von dieser Welt ist, für den gibt es am Ende nur den Tod.
Wer aber in seinem Herzen erkennt und daran glaubt,
dass Gott diese Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn gab,
wird nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Nur in Jesus wirst du wirklich frei sein!
Nur in ihm findest du die Wahrheit und das Leben!

Seht, welch ein Mensch!
Ein Unschuldiger, der allein die Schuld der Welt auf sich nehmen konnte,
wird dich retten und dir ein neues Leben schenken!

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