Seht, welch ein Mensch!

Liebe Schwestern und Brüder!

Einen berühmten Dialog mit sehr prominenten Hauptfiguren überliefert uns der Evangelist Johannes im heutigen Predigttext, zum Ende der Passionszeit hin. Es ist das Verhör Jesu vor dem römischen Prokurator Palästinas mit Namen Pontius Pilatus, der bis heute im Glaubensbekenntnis („gelitten unter Pontius Pilatus“) verewigt ist. Dieses Verhör wird ausführlich und szenisch vom Evangelisten Johannes beschrieben. Auch die Folgen nach dem Verhör, die Geißelung, Dornenkrone und Verspottung sind Bestandteil der Überlieferung.

Wobei Jesu Verhör vor und durch Pilatus und dessen eingestandener Unschuldsvermutung gegenüber dem Angeklagten Jesus als auch den fadenscheinigen vorgetragenen Anklagegründen dann im -je nach Interpretation-  als ironisch-zynisch oder ernsthaft gemachten Ausspruch gipfeln:  Seht, welch ein Mensch! Berühmt geworden als „Ecce homo“ in der Kunst. Seht, welch ein Mensch! Aber vor allem auch als ein Beweis und innerliche Bewunderung dafür, dass Pilatus Jesus eine besonders unschuldige Menschlichkeit, ja geradezu eine widersinnige Würde in der Würdelosigkeit und Dignität zuspricht.

Ihn aber gleichzeitig gnadenlos vorher und nachher, demütigen, auspeitschen und foltern lässt. Alles aus opportunistischen Gründen fürs Volk.

Eben das zynische Spiel eines Folterers mit dem Gefangenen, getrieben von der geifernden und denunzierenden Menge.

Pilatus spricht: Seht, welch ein Mensch!

Was bedeutet das?

Es bedeutet:

  1. Jesus war ein Mensch wie ich und du.

Er hatte Schmerzen und Ängste in dieser lebensgefährlichen Situation, aber auch den Mut und die Verzweiflung in sich, zu widersprechen. Und Auskunft über die Wahrheit zu geben. Diese Wahrheit war und ist, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Seine Wahrheit ist eine andere als die der weltlichen Herrscher, aber diese wahrheit gilt auch in dieser Welt.

Und noch eines gilt: Obwohl dies im ersten Moment harmlos wirkt, so macht diese erkannte Wahrheit doch frei und stark.

Pilatus spürt intuitiv, dass von diesem Jesus von Nazareth keine Gefahr ausgeht für den römischen Staat.

Obwohl Pilatus‘ Macht, seine Obrigkeit und Herrschaft ausschließlich durch Gewalt, Unterdrückung und Folter geschah, so war Jesu Macht über die Menschen für Pilatus harmlos. Andere wie Barrabas waren eigentlich gefährlicher.

Und Jesus schien kein Aufrührer oder König der Juden zu sein.

Zumindest nicht ein König der Juden, der ihm gefährlich werden konnte. Deswegen auch die Dornenkrone als extremes Symbol der Ironie und offensichtlich verspottenden Verhöhnung von  Macht- und Hilflosigkeit.

Und dann der Spitzensatz: Seht, welch ein Mensch!

Eine Aussage zwischen ironischem Spott und tiefer Bewunderung.

Aus Pilatus Perspektive ein harmloser Mensch, vor dem man keine Angst haben musste.

 

  1. Schau hin: Jesus war ein Mensch wie ich und du.

Er  war ein Mensch, der Angst hatte, der Schmerzen spürte und der sich vor seiner bevorstehenden Hinrichtung fürchtete, und seinen Vater dann bittet, den Kelch des Leids an ihm vorüber gehen zu lassen.  Angst, Schmerzen, Hilflosigkeit, und flehentliches Bitten. Das alles sind Kennzeichen unserer menschlichen Existenz.

Und das bedeutet, dass der bald darauf gekreuzigte unschuldige Mensch Jesus von Nazareth ein Mensch wie du und ich war. Bis heute identifizieren sich die Menschen aller Völker und Länder in ihrem Leid und in ihrer Ohnmacht mit dem unschuldig gekreuzigten Jesus von Nazareth. In Passionsfestspielen geschieht dies, auf Kreuzwegen, in Umzügen in der heiligen Karwoche, der „semana santa“ in Spanien und Portugal mit Selbstgeißelungen auf dem Kreuzweg.

Und das alles immer im Bewusstsein und durch den Glauben an diesen einmaligen, besonderen Menschen, der im Glauben zum Christus, zum Gottessohn, zum Erlöser und Retter der Menschheit wird. Dabei entsteht für die Gläubigen auch die Befreiung von Angst und Sorge.

Was groß und wichtig erscheint, kann durch den Glauben nichtig und klein werden. Auch die Angst vor dem bevorstehenden Tod wird kleiner.  Oder bekommt durch die Hoffnung auf Gott einen anderen Akzent.

Die Botschaft für den heutigen Sonntag lautet somit klar und eindeutig:

Gott leidet wie wir Menschen, weil er ein Mensch wie wir war und ist. Das glauben wir.

Und das heißt in letzter Konsequenz Gott geht den Weg ins Leid mit und hilft uns Menschen durch sein Mit-Leid, durch seine Barmherzigkeit wieder auf einen neuen Weg ins Leben. Denn der Weg des Glaubens ist manchmal auch der Weg von Leid, von Schmerz, Ohnmacht, Verzweiflung, Sinnleere, Angst, Einsamkeit, Isolation, Unverständnis, Diskriminierung,  Depression und Frustration. Wer schon jemals ernsthaft litt oder vielleicht noch leidet, der weiß das Leid -ob innerlich oder äußerlich-  viel Substanz kostet. Auch ist Leid manchmal schwer zu ertragen und auszuhalten. Schmerzen kann die moderne Medizin fast komplett betäuben, lindern und stillen. Aber innere durch eine seelische Krise ausgelöste Schmerzen sind nicht so einfach zu betäuben. Und der Verlustschmerz durch den Tod eines geliebten Angehörigen ist für manchen kaum zu ertragen.

Ob dies dann einfach durch eine Gehorsams- und Nachfolgethik wie bei Jesus auszuhalten ist, kann schon mal bei allem festen Glauben ernsthaft hinterfragt werden. Zumal jeder diesen schweren Weg alleine gehen muss. Doch der Glaube an Jesus Christus und an seine Erlösung erleichtert manchmal den Weg des Schmerzes und des Leids, sowohl des physischen als auch des psychischen Leids. Denn dieses geteilte Leid und an ihn im Gebet mit-geteilte Leid kann zum halben Leid und Schmerz werden.

Seht, welch ein Menschlichkeit, eine die Kraft, Halt, Orientierung, Hilfe, Trost und die Fähigkeit zum Mit-leiden schenkt. Einer, der seine Kraft und Stärke als die Wahrheit und Hoffnung des Glaubens gibt.

Der den niedrigsten Punkt der Existenz kennt und Erlösung, Befreiung, Wahrheit und Liebe schenkt.

Eben unser Herr Jesus Christus, der für uns gestorben ist und uns erlöst durch sein Kreuz, das er für uns trug und uns die Auferstehung und das Leben schenkt.

Dieser Mensch ist Gottes Sohn und unser Erlöser, er erlöst vom Übel, von der Angst und Sorge. Er kennt unsere Schwächen, Unzulänglichkeiten, Probleme und tröstet unseren Leib und unsere Seelen.

Dafür wurde er ein Mensch wie wir. Dafür ist er da und dadurch tröstet er uns.

Seine Macht ist größer alles Vorläufige, Irdische und Mächtige. Und das ist gut so. Und deswegen sagen wir mit Pilatus: Seht, welch ein Mensch!

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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