Was glaubst du?

(Mit Dank an Eugen Drewermann!)


Was glaubst du?
Glaubst du daran, dass die Welt sich ändern kann?
Das es eines Tages besser sein wird?
Besser sein muss?
Woran glaubst du angesichts einer unbarmherzigen Wirklichkeit?
Und glaubst du, dass die Erzählung von der Kreuzigung und der Weg dahin ein historisches Ereignis ist?
Aus der Vergangenheit erzählt und heute nicht mehr gilt?

Was glaubst du?
Was ist der Mensch?
Ein hellmachendes Licht auf deinem Weg oder ein Diener der Dunkelheit?
Johannes scheint nichts von unserem möglichen Goldglanz zu wissen.
Für den Evangelisten steht fest:
„Die Welt liebte die Finsternis mehr als das Licht!“

Aber was glaubst du?
Was ist der Mensch?
Johannes hat sich die Mühe gemacht und ein paar von ihnen auf dem Weg zum Kreuz begleitet und dann gezeichnet.
Und ganz egal, wie sie aussehen, oder wie sie heißen – sie hausen in uns allen.

Da gibt es die Rechner. So wie Judas.
Die fragen danach, was bringt mir diese Beziehung zu diesem einen Menschen?
Hilft sie mir auf meinem Weg, meine eigenen Interessen zu verfolgen?
Wie viel bringt mir vielleicht auch der Verrat?
Wie sehr sind zwischenmenschliche Beziehungen auch bestimmt durch die Kunst des Rechnens? Wir berechnen, verrechnen und wir rechnen ab.
Was bringt mir der Andere?
Was bekomme ich von ihm?
Lohnt es sich, diese Beziehung zu erhalten?
Jede Frage, ein kleiner Verrat und immer auch ein kleiner Tod.

Da gibt es die Menschen, die wie Petrus sind.
Große Klappe, immer vorne dabei.
Die, die Menge mit dem Schwert dirigiert.
Große Reden schwingend, aber kaum was dahinter.
Im Grunde Kleingläubige, aber Angeber,
auf die man nicht bauen kann, wenn es darauf ankommt.
Die Welt der Petrus-Menschen ist einfach:
Man muss das so machen und das andere so.
Immer klar, immer vorne weg.
Verletzen so die Stilleren und nehmen auch das gar nicht mehr wahr.
Und sind dabei auf eine unglaublich ärgerliche Art über die Maßen eingebildet und von sich selbst eingenommen, dass es fast schon wieder weh tut.
Aber so eingebildet diese Menschen sind, so tüchtig sind sie auch.
Springen vorne weg und sind die Macher.

Da gibt es die Diplomaten, die die immer alles abwägen.
Leute wie Hannas und Kaiphas.
Die Logiker der Weltgeschichte.
Sie kennen alle Gesetze und jeden Paragraphen.
Sind immer korrekt.
Fallen niemals aus der Rolle und wissen immer, was vernünftig ist und sagen solche Sätze wie, es ist besser, wenn ein Einzelner stirbt, als das viele Schaden nehmen.
Diese Menschen sind klug, aber kalt.
Ihre Gefühle liegen im Schrank, gleich neben den gebügelten Socken.
Menschen wie Hannas und Kaiphas dienen immer der Vernunft.
Oder wahlweise der Ordnung und dem angeblich Unausweichlichem.
So reden sie fleißig der Unmenschlichkeit das Wort.

Da gibt es Typen wie Pilatus.
Der Politiker, der seine bloß geliehene Macht sorgfältig verwaltet.
Ein waschechter Funktionär.
Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen?
Die Verantwortung abgeben.
Ich finde keine Schuld an ihm.
Sich geschickt aus der Affäre ziehen.
Und: Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?
Machtvolle Gesten sollen die eigene Ohnmacht kaschieren.
Ist es nicht schaurig, wie einfach man das Recht beugen kann?
Ich wasche meine Hände in Unschuld.
Aber es lebt sich gut, so ganz ohne Rückgrat, es lebt sich gut, wenn sich nicht mal mehr der innere Kompass die Mühe macht, eine andere Richtung anzuzeigen.
Charakter ist überflüssig und Überzeugung ist Luxus.

Wer jetzt weiterliest, kommt schnell dahinter, wie klug Johannes sein Evangelium angelegt hat.
Denn Grundlage seiner Erzählung ist seine Welt.
Mit all den Bosheiten und Abgründen die es damals auch schon gab.
Eine Welt, die wir kennen.
Bevölkert mit Figuren,
die wir alle auch schon mal getroffen und erlebt haben.
Historisch einmalig ist nichts an der Erzählung.
Immer wird es die Rechner geben und immer auch die Rechthaber.
Immer wird es Angeber geben und natürlich auch die kalten Pragmatiker.
Nicht zu vergessen die Zyniker und die, die niemals zufrieden sind.
Die Welt, die Johannes da so dunkel malt ist unsere Welt.
So war es schon immer und so wird es wohl auch nach uns ein.

Immer wieder bevölkern die gleichen Typen die Weltbühne.
Aber Johannes hat nicht vor sich damit abzufinden.
Er hat einen Ausgang in die schwarze Nacht gemalt.
Und darum lautet die Frage,
was glaubst du?
Was glaubst du angesichts der Dunkelheit in der Welt?
Glaubst du, dass die Welt tatsächlich die Dunkelheit lieber mag als das Licht?
Was glaubst du?

Schaue ich bloß auf Golgatha, wird sich nichts ändern.
Dann wird die Welt sich genauso weiterdrehen.
Aber wenn man tiefer blickst, sind da Menschen, die sich verändern ließen.
Die ihr Grab bereitstellen, weil sie nicht mehr an die Macht der Gräber glauben.
Dann siehst du Menschen, die etwas mitbekommen haben vom Geist, der weht wo er will – und ganz bestimmt auch in der Dunkelheit.
Menschen, wie Maria aus Magdala, die nach der Begegnung mit ihm frei sein kann.

Ich glaube:
Die Welt gehört nicht den Zynikern und ganz bestimmt nicht den kühlen Rechnern.
Sie gehört nicht denen, die die Verantwortung nicht tragen wollen und auch nicht denen, die auf das Leben eines anderen nichts geben, sofern es ihre Interessen schützt.

Ich glaube:
Johannes hat einen Ausgang in die Dunkelheit gemalt.
Einen Ausgang der in eine andere Welt führt.
In eine Welt der Sensibilität.
In eine Welt, die ohne Schwert auskommt.
In eine Welt, in der das Leben eines jeden Menschen kostbar ist und alle das begriffen haben.

Und du erkennst, dass Menschen wie Pilatus, Hannas und Kaiphas, Menschen wie Petrus und Judas auch nicht widerlegen können, was es im Leben an Verbundenheit, an Liebe und Freundschaft, an Geschwisterlichkeit über alles Trennende hinweg gibt.
Denn das Kreuz ist nicht der Tod.
Das Kreuz ist erst der Anfang eines Lebens, das diesen Namen auch wirklich verdient

Die Welt ist nicht verloren.
Was glaubst du?

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