Pilatus weißgewaschen

Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) Pilatus stellt diese Frage mitten in einem Verhör. Das ist eine perfide Taktik. Der Ermittler „plaudert“ mit dem Angeklagten. Das kennen wir. Aus politischen Prozessen. Gehirnwäsche heißt es in China. Und um einen politischen Prozeß geht es hier ja. Wer ist König im Land? Bist du etwa ein König? Wo ist dein Reich? Wer hat die Macht? Da läuten bei jedem Geheimdienst die Alarmglocken. Für so eine Vernehmung nimmt sich die Staatsmacht alle Zeit der Welt. Der Ermittler sinniert über die Wahrheit und philosophiert mit dem Angeklagten. So sieht es aus seiner Sicht aus. So beschrieb die Staatssicherheit manche Gespräche. Der Beschuldigte soll reflektieren. Er soll seinen Fehler einsehen und seinen Standpunkt  ändern. Aber aus Sicht des / der Angeklagten sieht das anders aus. Zynisch.

Aus den Protokollen der Staatssicherheit wissen wir heute, daß es manchen Führungsoffizieren tatsächlich gelang, das Vertrauen der Inoffiziellen Mitarbeiter*innen (IM) zu erschleichen. Gerade IMs aus dem kirchlichen Umfeld hatten oft das Gefühl, gegen Wände zu rennen, wenn sie innerkirchlich etwas verändern wollten. Sie litten darunter, daß ihre Ideen und Vorschläge in der Gemeinde oder bei der Kirchenleitung auf taube Ohren stießen. Die Leute von der Staatssicherheit gaben sich verständnisvoll. Sie erschienen als heimliche Verbündete, die ihre Visionen mitträumten und gegen Engstirnigkeit anrannten. Damit nutzten sie sie schamlos aus und schöpften sie gnadenlos ab.

Normalerweise laufen Verhöre anders ab, jedenfalls in der gesamten Menschheitsgeschichte und in vielen Ländern bis heute. Da wird nicht lange gefackelt, sondern schnell mal zugeschlagen. Jedes Mittel ist recht, um ein Geständnis herauszupressen. Selbst wenn sich der Ermittler jovial und verständnisvoll gibt, gehört das zum Katze-und Maus-Spiel, dem der / die Angeklagte ausgeliefert ist. Das großzügige Lächeln kann im nächsten Moment umschlagen in markerschütterndes Brüllen: Jetzt aber heraus mit der Sprache. Wir wissen genau, was Sie getan haben. Das Urteil steht schon lange fest.

Beim Verhör von Jesus wird das nicht anders gewesen sein. Pontius Pilatus  wird einen potentiellen Aufrührer nicht mit Samthandschuhen angefaßt haben. Pontius Pilatus wurde von Kaiser Tiberius im Jahr 26 zum Präfekten von Judäa und Samaria berufen und vertrat 10 Jahre lang die Staatsmacht in einem der unruhigsten Gebiete des römischen Reiches. Für jüdische Religiosität hat er wenig Entgegenkommen gezeigt, z.B. für das Bilderverbot der Tora. Er stellte ein Kaiserbild auf und versuchte, den Kaiserkult bei der Bevölkerung mit Gewalt durchzusetzen. Um ein Äquadukt zu finanzieren, zapfte er den Jerusalemer Tempelschatz an. Philo von Alexandrien, ein jüdischer Historiker, sagt ihm folgende Vorwürfe nach: „Bestechungen, Beleidigungen, Raub, Gewalttätigkeit, Zügellosigkeit, wiederholte Hinrichtungen ohne juristisches Verfahren, konstante Ausübung von extrem leidvoller Grausamkeit.“ (wikipedia, Artikel Pontius Pilatus)

Pilatus verhört Jesus. An sein Urteil erinnern noch heute die vier lateinischen Buchstaben auf vielen Kreuzen: INRI – Jesus von Nazareth, König der Juden. Wer König in Judäa werden will, bedroht den Machtanspruch des Kaisers in Rom. Darauf steht die Todesstrafe. Pilatus führt einen politischen Prozeß.

Im Johannesevangelium bleibt davon kaum etwas übrig. Pilatus wird weißgewaschen. Statt der Realität einer Vernehmung durch den römischen Präfekten, statt Angst und Brutalität schildert das Johannesevangelium, wie sich zwei nachdenkliche, ja kongeniale Gesprächspartner auf philosophischer Ebene über Wahrheit und Macht austauschen. Und nur wider Willen habe er Jesus verurteilt. Das ist absurd. Pontius Pilatus war kein Feingeist. Er war der höchste Repräsentant des römischen Staates und kannte kein Pardon.

Das Johannesevangelium hat für diese (Um-) Deutung seine Gründe. Es kreist auch sonst gern um Licht, Tür oder Weg. Und es entstand sehr spät in einer Zeit, als sich die Jesus-Bewegung von der jüdischen Tradition ablöste und deshalb die jüdischen Wurzeln ablehnte. „Die Juden“, heißt es oft im Johannesevangelium pauschal. „Die Juden“ sind Feinde von Jesus. Sie lehnen Jesus ab und versuchen, ihm Fallen zu stellen und ihn zu beseitigen. Pilatus bekommt einen Persilschein. „Die Juden“ tragen die Schuld am Tod von Jesus.
Solche Sätze sind gefundenes Fressen für Antisemitismus. Sie dienten als Quelle für weitere Vorurteile. Mit solchen Stellen wurden Vertreibung und Pogrome gerechtfertigt. Erst nach 1945 setzte die Theologie sich damit auseinander, daß diese Bibelstellen und ihre Auslegung durch die Jahrhunderte den Boden für den Holocaust bereitet haben. Seitdem hat die Theologie viel über Antisemitismus im Neuen Testament und im Johannesevangelium nachgedacht.

Deshalb müssen wir die Bibel heute kritisch lesen. und wir müssen auch zwischen den Zeilen lesen, z.B. wie die Rolle von Pilatus verharmlost wird. Die Passionsgeschichten erzählen nicht, wie es gewesen ist, sondern sie deuten es für die Gemeinden ihrer Zeit. Und Pilatus rücken sie in ein positives Licht. Doch er war Täter. Er war in seiner Position auch nicht Opfer der Umstände. Das Opfer war Jesus und mit ihm viele andere.

Pontius Pilatus hat  im römischen Reich Karriere gemacht, und er hat es bis ins Glaubensbekenntnis geschafft. Jeden Sonntag sprechen hunderttausende von Gläubigen seinen Namen aus. Neben Jesus und Maria kommt im Glaubensbekenntnis als einzige Person Pontius Pilatus vor.  Der Täter wird benannt, die vielen anderen Menschen im Leben von Jesus – oder auch die vielen Opfer –  bleiben namenlos. Das ist bitter, denn so ist oftmals die Wirklichkeit. Vielleicht können wir die Erwähnung von Pontius Pilatus im Glaubensbekenntnis heute aber auch anders deuten: die Täter werden mit vollem Namen genannt. Sie können sich nicht in der Anonymität verstecken und weiter in der großen Masse untertauchen. Es wird endlich Licht auf sie geworfen und auf das, was sie angerichtet haben. Ihre Namen werden laut ausgesprochen und sie müssen sich verantworten. Was ist die Wahrheit, diese Frage aus dem Verhör muß jetzt Pilatus beantworten.

In der Bibel lese ich, daß Gott immer wieder Partei für die Opfer ergreift. Er stellt sich zu den Namenlosen, er holt sie ans Licht, Justizopfer, Opfer von Rechtsbeugung und Gewalt. Jesus ist grausam gestorben. Die Passionszeit lenkt unsere Blicke auf ihn und auf die vielen Menschen, die wie er in Verhörräumen und Polizeistationen ihren Vernehmern schutzlos ausgeliefert sind. Aber, und das kann Ostern erzählen, er ist nicht besiegt. Menschen, denen ihre Würde genommen werden sollte, haben sich an seinem Beispiel aufgerichtet. Und andere berufen sich auf ihn und kämpfen für Recht und Freiheit.

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